Nach Insolvenzantrag: Interessenten für Vertriebseinheit von Thomas Cook

Published 29/09/2019 in Unternehmen, Wirtschaft

Nach Insolvenzantrag: Interessenten für Vertriebseinheit von Thomas Cook
Thomas-Cook-Informationsschalter am Düsseldorfer Flughafen

Die Konkurrenz schielt auf die Tochtergesellschaft von Thomas Cook, während die Situation des Reiseveranstalters von Betrügern ausgenutzt wird. Im Hintergrund bereitet sich der Staat darauf vor, an dem Kredit für Condor zu verdienen.

Nach der Insolvenz von Thomas Cook stößt deren Vertriebs- und Servicegesellschaft GfR (Gesellschaft für Reisevertriebssysteme) in Bochum nach eigenen Angaben auf großes Investoreninteresse. Das Unternehmen mit 500 Arbeitsplätzen am Hauptsitz und weiteren rund einhundert in Berlin und auf Mallorca erzielt einen großen Teil seines Umsatzes mit externen Kunden. Das Geschäft mit ihnen läuft weiter und macht das als profitabel geltende Unternehmen offensichtlich zu einem begehrten Anbieter in der zersplitterten Callcenter-Branche.

GfR-Geschäftsführer Wolfgang Friedenstein verwies gegenüber dem Fachdienst fvw auf neun ernsthafte Interessenten, nannte aber keine Namen. Einer der möglichen Käufer ist die Kölner AIC Service und Call-Center GmbH, wie Geschäftsführer und Gesellschafter Andreas Diederich bestätigte. „Wir sehen in einem Zusammenschluss eine große Chance, auch zum Erhalt aller Arbeitsplätze bei GfR beizutragen“, sagte er der F.A.Z. Die Finanzierung einer Übernahme sei schon gesichert. Die beiden Unternehmen ergänzten sich in idealer Weise. AIC sei vor allem für Fluggesellschaften, Kreuzfahrtanbieter und Autovermieter tätig, GfR dagegen eher für Online-Reiseveranstalter wie Expedia, Opodo oder holidayexpress.de.

Betrüger nutzen verwirrte Kunden aus

Zusammen brächten AIC und GfR rund 1200 Arbeitsplätze auf die Waage, sagte er weiter. Damit seien sie der größte rein touristische Callcenter-Anbieter in Deutschland. AIC und GfR sollen laut Branchenkennern jeweils auf einen Umsatz im unteren zweistelligen Millionenbereich kommen. Nach Einschätzung aus der Branche ist ein Verkauf der GfR schon bis Dezember zu erwarten.

Thomas Cook in Deutschland war in den Sog der Misere des britischen Mutterkonzerns geraten und hatte am Mittwoch Insolvenzantrag gestellt. Urlauber, die für die kommenden Tage gebucht hatten, können nicht mehr mit der deutschen Thomas Cook starten. Betrüger versuchen jetzt offenbar, die Unsicherheit auszunutzen, indem sie sensible Kundendaten abfischen. Thomas Cook in Deutschland warnte am Wochenende via Twitter und auf seiner Homepage: „Derzeit gibt es eine böse E-Mail-Betrugsmasche: Diese E-Mail ist als offizielle Nachricht von Thomas Cook deklariert mit dem Betreff: ,Wichtig: Erstattung Ihrer Thomas Cook-Reise‘.“ Darin würden sensible Daten abgefragt, beispielsweise Pass- und Kreditkartendaten. Thomas Cook habe aber „zu keiner Zeit E-Mails dieser Art an Kunden verschickt. Bitte ignorieren Sie diese Mails und löschen diese“, hieß es weiter.

Inzwischen hat auch der Reiseanbieter Tour Vital Insolvenzantrag gestellt, der bis vor knapp einem Jahr noch zu Thomas Cook gehörte. Hintergrund seien die derzeitigen „Rahmenbedingungen im Reisemarkt“, wie das Unternehmen auf seiner Internetseite mitteilte. Das Amtsgericht Köln habe einen vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Der Verkauf von Reisen sei gestoppt worden. Weiter hieß es, gebuchte Reisen mit selbstorganisierter Anreise würden zunächst bis zum Anreisedatum 30. September abgesagt. Thomas Cook hatte Tour Vital im vergangenen Jahr an einen niederländischen Finanzinvestor verkauft. Es gab jedoch weiter eine Zusammenarbeit. Thomas Cook werde weiter Tour-Vital-Produkte über den Kooperationspartner-Katalog verkaufen, hieß es damals.

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Für den zu Thomas Cook gehörenden Ferienflieger Condor haben der Bund und das Land Hessen einen Massekredit über 380 Millionen Euro beschlossen – er soll so finanziellen Spielraum erhalten, um sich von der britischen Muttergesellschaft zu lösen. Sollte Condor gerettet werden, verdient der Staat mindestens 13 Millionen Euro, wie „Bild am Sonntag“ unter Berufung auf Firmenkreise berichtet. Allein die Bearbeitungsgebühr für den Überbrückungskredit liege bei 3,8 Millionen Euro. Dazu kämen Zinsen zwischen 5 und 10 Prozent, also zwischen 9,5 und 19 Millionen Euro für das halbe Jahr Laufzeit. Die genaue Höhe werde derzeit noch verhandelt. Das Bundeswirtschaftsministerium wollte sich dazu nicht äußern.

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