Der Moment…: …in dem die Sehne reißt

Published 05/06/2019 in Leib & Seele, Stil

Der Moment…: …in dem die Sehne reißt
Für Profis wie für Amateure gilt: Das Knie ist beim Fußball besonders gefährdet.

Nach einer Verletzung wieder fit zu werden, ist das eine. Dabei unmotivierte Ärzte, penible Krankenkassen-Mitarbeiter und sich selbst zu ertragen, das andere. In der Kolumne „Der Moment“ erholt sich unser Autor von einem schmerzhaften Erlebnis.

Es war nicht so, dass mein Körper mich nicht gewarnt hätte. Seit ich als Teenager dreimal die Woche Handball gespielt habe, habe ich Probleme mit meiner Patella-Sehne im Knie. Gerissen ist sie knapp 15 Jahre später – an einem kalten Januar-Sonntag in einer unbeheizten Sporthalle in Berlin-Neukölln beim lockeren Fußball-Kick. Nach einem kurzen Sprint über den staubigen Hallenboden wollte ich abrupt abbremsen, rutschte weg – und spürte einen stechenden Schmerz im linken Knie. Auf dem Boden liegend wusste ich sofort: Dieses Mal würde eine ordentliche Ladung Eisspray, mit der mein früherer Trainer jegliche Schmerzen seiner Spieler betäubte, nicht ausreichen.

Die Patellasehne verbindet den Oberschenkelmuskel und das Schienbein. Reißt die Sehne, kann das Knie nicht mehr gebeugt werden – und selbst ein einfacher Schritt wird unmöglich. In meinem Fall hieß das: Notarzt, Krankenhaus, Operation, acht Wochen an Krücken laufen. Natürlich gibt es deutlich schlimmere Verletzungen – doch im Nachhinein macht mich einiges nachdenklich, ob ich bei einem lebensgefährlichen Vorfall tatsächlich so gut versorgt werden würde, wie es mir das deutsche Gesundheitssystem verspricht.

Los ging es in der Notaufnahme eines Berliner Krankenhaus – wo man mich nach dem Röntgen und der Diagnose wieder nach Hause schickte. Denn eine Operation sei zwar nötig, die müsse ich aber woanders machen lassen, erklärte mir der Arzt: Das Krankenhaus sei überfüllt, ich würde ohnehin nicht in Berlin wohnen und außerdem sei die Sehne sowieso schon gerissen. Ich solle lieber in Mainz, meinem Heimatort, ins Krankenhaus gehen. Er gab mir eine große Packung Schmerzmittel, packte mein Bein in eine Schiene, zeigte mir kurz, wie man auf Krücken läuft – und schob mich hinaus. Es folgten eine schlaflose Nacht im Bett meines Kumpels, ein schweißtreibender Ritt im ICE und eine schmerzhafte Taxifahrt vom Bahnhof in die Mainzer Uniklinik – weil: wie steigt man in ein Auto, ohne sein Bein zu beugen?

Allein mit meinem Knie – und mir

In der Zwischenzeit war mein Knie auf die Größe eines Handballs angeschwollen und tiefblau wie der Atlantik an der portugiesischen Küste. Glücklicherweise wurde ich noch am selben Abend operiert. Ohne Vollnarkose, dafür aber mit spannenden Einblicken in den gut gelaunten Ablauf einer nächtlichen OP.

Zugedröhnt mit Schmerztabletten musste ich in den folgenden Tagen viel lernen: Treppenlaufen, das Auf-dem-Klo-sitzen und das Bein-zurück-ins-Bett-hieven. Ich übte, mir Thrombose-Spritzen in den Bauch zu pieken sowie den ganzen Tag im Bett zu liegen und trotzdem abends um 19.30 Uhr mit nur anderthalb Scheiben Graubrot im Magen zu schlafen – dann wurde im Krankenhaus nämlich das Licht ausgemacht. Absolutes Highlight war jedoch die einmalige Visite des Oberartzes. Begleitet von einer Horde Studenten war das einzige, das dem desinteressierten Mann zu mir und meinem Bein einfiel: „Narbe sieht gut aus. Legen Sie Ihr Bein immer schön hoch.“ Danke, schönen Tag noch.

Trotzdem befolgte ich die nächsten sechs Wochen auf dem heimischen Sofa den Rat des Chefs. Dort nahm ich zunächst sechs Kilo ab, legte direkt danach zehn wieder zu und lernte dazwischen viel über mich und meinen Geduldsfaden. Klar: Ich bekam Besuch, musste zur Physiotherapeuten, konnte lesen, netflixen und sehr viel essen (daher die zehn Kilo) und schlafen. Wenn mir wirklich langweilig war, malte ich sogar in einem „Alles-ist-scheiße“-Malbuch. Ansonsten war ich jedoch mit mir und meinem Knie allein und haderte mit mir und den ganzen Plänen, die ich eigentlich für das anbrechende Frühjahr hatte, darunter eine Reise nach Budapest mit meinen Kumpels, die nun ohne mich fuhren.

Von Streits, Schecks und Selbstbeteiligung

Am besten gefielen mir in dieser Zeit die schweren Schwingtüren am Eingang der Praxen meines Orthopäden und meines Physiotherapeuten. Sie waren mit zwei Krücken in der Hand und einem steifen Bein für mich allein fast nicht zu öffnen und machten mich jedes Mal so wütend, dass die Arzthelferinnen, mit denen ich danach sprach, mir im Nachhinein ziemlich Leid tun.

Ich hatte trotzdem großes Glück: Sowohl mein Orthopäde als auch mein Physiotherapeut waren sehr bemüht, aufmunternd und eine große Hilfe – jedenfalls im Rahmen ihrer Möglichkeiten: Wäre ich Privatpatient gewesen, hätte ich mir eine vierwöchige Reha mit allem Pipapo verschreiben lassen können. Als Kassenpatient bekam ich dagegen zweimal die Woche 45 Minuten Physiotherapie – und das auch nur dank eines heftigen Blutergusses im Knie. Sonst hätten jeweils zwanzig Minuten ausreichen müssen.

Generell halte ich es rückblickend für eine Frechheit, was mir Kranken- und Unfallversicherung an Leistungen boten, als ich sie nach Jahren der fleißigen Unterstützung ihres Bürokratie-Ungetüms nun erstmals in meinem Leben wirklich brauchte: So musste ich mich an den Kosten für Schiene, Krücken und mega-modernen Badewannensitz beteiligen, und durfte mich zum Dank wochenlang mit einem peniblen wie überforderten Sachbearbeiter streiten, weil ich angeblich meinen Gelben Schein zu spät abgeschickt und somit meinen Anspruch auf Krankengeld verwirkt hätte. Von meiner Unfallversicherung bekam ich einen Scheck zugeschickt, den ich umständlich per Post im Original und mit Vollmacht an meine Bank weiterschicken musste, damit ein dortiger Mitarbeiter ihn einlösen konnte und ich mein mickriges Krankenhaustagegeld auf meinem Konto hatte. Willkommen zurück in den Achtzigern!

Was mit einem kurzen Sprint anfing, dauerte am Ende fast Monate. Dann wurde mir in einer kleinen zweiten Operation der stabilisierende Draht aus dem Knie entfernt, nach weiteren drei Monaten konnte ich wieder mit dem Joggen anfangen. Staubige Hallenböden in Berlin müssen künftig aber ohne mich auskommen: Denn auch im rechten Knie sitzt eine seit zwanzig Jahren gereizte Patellasehne.

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