Bürgerkrieg in Libyen?: Vulkan der Wut

Published 07/04/2019 in Ausland, Politik

Bürgerkrieg in Libyen?: Vulkan der Wut
Auf dem Weg zur Entcsheidung? Ein Fahrzeug der Misrata-Miliz auf dem Weg nach Tripolis.

In Libyen marschiert Militärführer Haftar auf die Hauptstadt Tripolis zu. Doch die Regierung gibt nicht klein bei. Beide Seiten können sich ihres Rückhalts nicht sicher sein – und die Bevölkerung rechnet mit dem Schlimmsten.

Die Einwohner von Tripolis wappnen sich für neue Kriegstage. Vor den Tankstellen bildeten sich am Wochenende lange Schlangen, weil sich die Leute Benzinvorräte anlegten. Viele horten Lebensmittel, versuchten noch schnell libysche Dinar in harte amerikanische Dollar umzutauschen. Es wurde sogar berichtet, dass Zivilisten wieder ihre Waffe aus den Verstecken holten. Für den Fall der Fälle. Chalifa Haftar, der Militärführer der Gegenregierung aus dem Osten des Landes, ließ sich durch die eindringlichen internationalen Appelle nicht von seinem Marsch auf die Hauptstadt im Westen abbringen. Der UN-Sicherheitsrat hatte seine „Libysche Nationale Armee“ (LNA) aufgefordert, ihre Offensive zu stoppen.

Fajez Sarradsch, der Chef der unter UN-Vermittlung eingesetzten „Regierung der Nationalen Übereinkunft“, die dort ihren Sitz hat, gibt aber nicht klein bei. Seine Truppen würden sich Haftar „mit Stärke und Macht“ entgegenstellen, kündigte er in einer Fernsehansprache am Wochenende an. Er, Sarradsch, habe dem General die Hand zum Frieden gereicht, während dieser ihn verraten habe und einen Staatsstreich vorantreibe. Sarradsch sprach von einem „Krieg ohne Sieger“.

Schlagkräftige und kampferfahrene Milizen

Am Samstag teilte die Luftwaffe, die nominell der Übereinkunftsregierung untersteht, mit, sie habe Angriffe gegen die Truppen Haftars geflogen. Der Sprecher der Streitkräfte der Führung in Tripolis kündigte am Sonntag eine Gegenoffensive mit dem Namen „Vulkan der Wut“ an. Deren Ziel sei es, alle libyschen Städte von „Aggressoren“ und „illegitimen Kräften“ zu säubern. Sarradschs Innenminister Fathi Bashaga verlangte, jetzt den Krieg in Haftars Heimat, den Osten Libyens, zu tragen. Er stammt aus der westlibyschen Küstenstadt Misrata, einer Bastion der Feinde Haftars, die über schlagkräftige und kampferfahrene Milizen verfügt.

Auch wenn die Propaganda des Haftar-Lagers versuchte, einen anderen Eindruck zu erwecken, deutete zunächst wenig auf einen schnellen Vormarsch und Sieg des ostlibyschen Militärführers hin. Den Truppen des Feldmarschalls könnte ein langer Abnutzungskampf bevorstehen, wie der General ihn über Jahre im ostlibyschen Benghasi gegen radikale Islamistenmilizen führte. Und in Tripolis denkt mancher dieser Tage wieder mit Grauen an die Zerstörungen, die dieser Krieg hinterließ, und die vielen Menschen, die er zu Vertriebenen machte.

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Auch Haftars Selbstinszenierung als starker Militär, der Recht und Ordnung bringt, und den islamistischen Terrorismus bekämpft, hält der Wirklichkeit nicht stand. Die LNA ist dem Titel und den Uniformen und Abzeichen nach eine straff organisierte Streitmacht. Tatsächlich aber führen Haftars Truppen ein Eigenleben. Davon zeugen unter anderem Massenerschießungen von Kriegsgefangenen, willkürliche Festnahmen und Angriffe auf Wohnviertel. Der Feldmarschall aus dem Osten hat vor allem Stammesmilizen einverleibt, als er seine Streitkräfte aufbaute. Und obwohl sich Haftar als Anti-Islamist darstellt, kämpfen salafistische Milizen unter dem LNA-Banner, die zwar politischen Aktivismus ablehnen, aber die Gesellschaft ihren rigiden Moralvorstellungen unterwerfen wollen.

„Die Strategie der LNA fußt darauf, Milizen zu kooptieren, die gerade in einen Machtkampf über Ressourcen oder Territorium verwickelt sind. Ihnen wird Unterstützung angeboten“, sagt El Gomati Anas El Gomati, der Direktor der in Tripolis ansässigen Denkfabrik „Sadeq Institute“. Er befürchtet, dass der Krieg im Westen des Landes unübersichtlich werden könnte. Denn die Loyalität unter Haftars Verbündeten fern der Machtbasis im Osten müsse eben nicht ewig halten, weil Milizkommandeure im Zweifel ihren Eigeninteressen folgten und Allianzen nur begrenzt belastbar seien. Es drohten Auseinandersetzungen mit wechselnden Zweckbündnissen, sagt El Gomati. Er bezweifelt, dass es Haftar auf diese Weise gelingen wird, dauerhaft Gebiete zu kontrollieren und den Nachschub für seine Truppen zu sichern.

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