Familie

Kinder um jeden Preis? Über den Markt der Fortpflanzungsmedizin

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Über 5 Millionen künstlich gezeugte Kinder gibt es weltweit. Die Sängerin Gianna Nannini hat eins, die Starfotografin Annie Leibovitz, die Schauspielerin Nicole Kidman. Elternwerden mit über 40 ist ein Trend. Was erzählt das über unsere Gesellschaft, über eine Zeit, in der alles möglich scheint, in der der Reproduktionstourismus zum boomenden Markt wird?

Wir haben mit dem Autor des Buches „Kinder machen“ Andreas Bernard darüber gesprochen, ein Prager Kinderwunschzentrum besucht und ein Paar getroffen, das seine jahrelangen Versuche, ein Kind zu bekommen, mit der Kamera dokumentiert hat.

Kinder um jeden Preis?

TV-Stars, Pop-Ikonen, Fotografinnen posieren stolz mit ihrem Nachwuchs. Die Frauen alle jenseits des Alters, in dem die Natur das Kinderkriegen vorgesehen hat. Vor Jahren noch die Ausnahme, sind „späte Eltern“ heute ein Massentrend. Erst kommen Job und Karriere, dann das Kind. Künstliche Befruchtung verspricht ein spätes Elternglück. „Wenn man sich mit Reproduktionsmedizin beschäftigt, wird man oft gefragt, wo liegt die Grenze? Wo können sie sich vorstellen, dass es nicht mehr weiter geht? Und da muss man immer sagen, gerade, wenn man sich auch sehr viel mit der Geschichte der Reproduktionsmedizin beschäftigt hat, das ist eine absolut nicht zu beantwortende Frage. Weil in den letzten 100 Jahren so oft dieser Punkt da war, wo die Zeitgenossen gesagt haben, so, jetzt ist Schluss! Wenn das passiert, dann ist es das Ende der Welt. Und es ist immer weiter gegangen.“, Andreas Bernard.

Andreas Bernard hat ein beachtliches Buch über den Zusammenhang zwischen leistungsorientierter Gesellschaft, spätem Kinderwunsch und dem Boom der Reproduktionsmedizin geschrieben.

Der dokumentarische Selbstversuch

Den dokumentarischen Selbstversuch zu diesem Thema liefert Ina Borrmanns Film „Alle 28 Tage“. Sie erzählt vom Dilemma ihrer Generation, die sich erst ausprobiert, beruflich etabliert und dabei verdrängt, dass die biologische Uhr tickt. Mit Ende dreißig trifft Ina Borrmann Marc. „Wir haben es eine ganze Weile versucht und versucht und versucht. Aber es hat einfach nicht geklappt. Und eines Tages fanden wir uns in dieser Kinderwunschklinik wieder.“, Filmausschnitt Alle 28 Tage. Als die Filmemacherin mit dem Film nach außen gegangen ist, waren prompt die Reaktionen da. „Plötzlich wird da eine Tür aufgestoßen, wo du denkst, hej, wir sind nicht alleine und haben jetzt nur mal ein kleines Fenster geöffnet für ein ganz großes gesellschaftliches Thema.“, Ina Bormann.

Der Schöpfungsakt in der Petrischale

Dem späten Kinderkriegen wohnt kein Zauber inne. Der Schöpfungsakt in der Petrischale ist eine physische und psychische Tortur. Die Frau zahlt, die Reproduktionsmediziner profitieren und beide schweigen einvernehmlich über das Transfergeschäft mit Milliardengewinnen. Kinderlosigkeit ist im Zeitalter künstlicher Befruchtung keine Option.

Die Regisseurin dazu: „Das Problem ist, dass durch so eine Kinderwunschbehandlung ein unglaublicher Druck entsteht, weil das jetzt nicht so ist, dass man ins Bett miteinander geht und irgendwie super Sex hat und dann entsteht ein Kind. Das ist ja eigentlich das schöne Idealbild. Dieses Dahingehen, früh sind die Termine, das baut so einen Druck auch auf, weil man selber auch auf das Ergebnis wartet. Dann denkt man, es wird hoffentlich was Positives und wenn es nicht was Positives wird, wieviel wird uns das jetzt noch kosten? Und wie soll das überhaupt weitergehen? Wie sieht mein Leben aus ohne Kind? Kann ich das irgendwie schaffen? Das sind alles so Gedanken, die einen unglaublichen Druck erzeugen.“

Reproduktionsmedizin wird zum Milliardengeschäft

Bei BioTexCom in Kiew bekommt man für knapp 30.000 Euro ein All-inclusive Paket mit Leihmutterschaftsprogramm und einer Geld-zurück-Garantie bei negativem Ergebnis. Das Angebot internationaler Kinderwunschkliniken ist riesig, ihre Internetauftritte hochprofessionell. Man fühlt sich an einen Versandhandel erinnert. „Natürlich haben die Reproduktionsmediziner ein lukratives Geschäft entdeckt, das ist ja ohnehin eine merkwürdige Sache. Dass das Vokabular der Reproduktionsmedizin den ökonomischen Kreislauf ständig zu leugnen versucht. Wir sprechen von Samenspendern, von Eizellspenderinnen, wir sprechen von der Leihmutter und was dabei verschleiert wird ist natürlich, dass es einen doppelten Kreislauf von Kauf und Verkauf gibt.“, so Andreas Bernard.

Wachsender Reproduktionstourismus

Inzwischen gibt es einen wachsenden Reproduktionstourismus in Deutschlands Nachbarländer. Nach Prag fährt man nicht mehr nur wegen der Karlsbrücke und des guten Biers, hier ist erlaubt, was in der Bundesrepublik strafrechtlich verfolgt wird – Eizellspenden. Für ungewollt kinderlos gebliebene Paar oft die letzte Chance. „Wenn man bei einer Kritik ansetzen würde, würde ich sagen, eine bestimmte problematische Entwicklung ist, dass eben die Reproduktionsmediziner Dinge möglich gemacht haben und ständig mit diesem Versprechen operieren, die im Bereich der Fortpflanzung dafür sorgen, dass man nicht mehr aufhören kann und nicht mehr sagen kann, es ist vielleicht Schicksal oder was auch immer, dass wir kinderlos bleiben. Das ist eben nicht mehr vorgesehen.“, sagt Andreas Bernhard.

Aus dem Kinderkriegen ist eine Sache des Willens und des Engagements geworden, meint Andreas Bernard in seinem Buch und das zeigt auch der Film. Aber wo hört die Machbarkeit auf und wo fängt das Geschäftemachen an. Über diese Fragen brauchen wir eine offene, tabulose Diskussion.

Autorin: Gabriele Denecke

Quelle:http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/rbb/fortpflanzungsmedizin-17052015-100.html