
Medizinisch wäre Familienglück meist realisierbar. Rechtlich ist die Lage kompliziert.
Ein stattlicher Unternehmer, Ende 40, seine Gattin, eine attraktive Blondine, vier zwischen acht Monaten und fünf Jahren alte Kinder, alle mit riesigen blauen Kulleraugen, zwei Nannys. Diese Familie, perfekt wie aus einer TV-Serie, lebt in einer Villa im oberösterreichischen Mühlviertel. Der Weg zu diesem Glück war lang. „Wir wollten immer viele Kinder“, sagt die Hausfrau Tina S., doch es wollte sechs Jahre lang nicht klappen, künstlicher Befruchtung zum Trotz.
Eine Leihmutter wäre vielleicht die Lösung, aber das ist in Österreich verboten. In Europa sind Russland und die Ukraine dafür die größten „Märkte“, das kommt für Tina und ihren Mann Bernhard aber nicht infrage, das Thema ist dort rechtlich nicht ganz klar geregelt. Im Internet nimmt das Ehepaar Kontakt mit einer Schweizer Kinderwunsch-Bloggerin auf. Diese empfiehlt ihnen eine Leihmutter-Agentur in Kalifornien. „Wir waren sofort begeistert“, sagt Tina. „Amerika ist aufgeschlossen und hat auch viel Erfahrung. Hier hat Leihmutterschaft einen hohen Stellenwert. Aus rechtlichen, medizinischen und moralischen Gesichtspunkten kam für uns kein anderes Land in Frage.“
Wunder nach dem Leihmutter-Wahl
Im digitalen Leihmutter-Katalog entscheiden sich die Oberösterreicher für Jamie, die Kinder und einen Job hat und auch Gesundheitsatteste vorweisen kann. Sie telefonieren mit ihr, tauschen E-Mails aus. Schließlich reist Familie S. in die USA. Dort befruchtet ein Spezialist Tinas Eizellen mit Bernhards Samen. Die sogenannten Embryonenzellen, die dadurch entstanden sind, werden sowohl der Leihmutter Jamie als auch Tina eingesetzt. Dann passiert etwas völlig Unerwartetes: „Ich wurde sofort schwanger, Jamie nicht“, sagt Tina S. Die Ärzte sprechen von einem Wunder. Tina ist Mitte 30 und denkt: „Wir wollen viele Kinder und haben nicht viel Zeit.“ Sie starten noch vier Versuche mit Jamie, bis diese auch schwanger wird.
Luzia wird 2010 geboren, ihre Schwester Maria zwei Jahre später. Zu Weihnachten 2014 gebiert eine andere Leihmutter, ebenfalls in Kalifornien, die Zwillinge Livia und Benedikt. „Wir waren bei der Geburt dabei, haben sogar die Nabelschnur durchschnitten“, erzählt Tina. Die Kinder wachsen mit dem Wissen auf, dass sie von einer Leihmutter geboren wurden, zu der die Familie Kontakt pflegt. „Wir besuchen einander regelmäßig“, sagt Tina. „Und unsere Kinder spielen mit den Kindern der Leihmütter.“
Künstliche Befruchtung in Österreich
Fortpflanzungsmedizin ist im katholischen Österreich ein hochemotionales Thema, das polarisiert. Noch betrifft es nur eine kleine Gruppe, die aber schnell wächst. Im Vorjahr gab es 7.649 Versuche von In-vitro-Fertilisation, also von künstlicher Befruchtung. Das war eine Steigerung von 2,3 Prozent im Vergleich zum Jahr 2013. Medizinisch war man hierzulande immer vorne mit dabei, ethisch herrschten jedoch stets schwere Bedenken. Deshalb hinkt Österreich mit der Rechtslage den europäischen Standards meist hinterher.
Eizellspende: Neues Gesetz
Seit April gilt nun ein neues Gesetz: Die Eizellspende ist verheirateten Paaren nun erlaubt, bisher durfte nur der männliche Samen gespendet werden. Lesben dürfen sich, sofern sie in einer Beziehung leben, künstlich befruchten lassen, was bisher verheirateten Hetero-Paaren vorbehalten war. Für Single-Frauen gelten die neuen Rechte nicht, sie müssen im Fall des Falles weiterhin ins Ausland ausweichen.
Leihmutterschaft in Österreich verboten
Leihmutterschaft hingegen ist in Österreich, etwa im Gegensatz zu Großbritannien oder Belgien, verboten. „Und das wird auch noch einige Zeit so bleiben“, sagt Reproduktionsmediziner Ludwig Wildt, Vertreter der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: „Die ethischen, moralischen und medizinischen Bedenken sind zu groß.“ Sein Kollege Leonhard Loimer von der Kinderwunschklinik Wels ist anderer Ansicht. Er propagiert offen die Legalisierung von Leihmutterschaft in Österreich. Sein Argument: „Hat eine Frau ohne Gebärmutter nicht das Recht darauf, Mutter zu sein?“ In Österreich wird Leihmutterschaft trotzdem noch lange nicht Realität werden. Alle Parteien lehnen sie ab. Dagmar Belakowitsch-Jenewein, Gesundheitssprecherin der FPÖ, hofft, „dass die Leihmutterschaft nie legal wird. Irgendwo muss man eine Grenze setzen. Man darf nicht mit dem Leben spielen.“
Sogar Liberale schrecken bei diesem Thema zurück: „Eine Bindung zwischen Mutter und Kind kann man per Gesetz nicht auflösen“, sagt Gerald Loacker, Gesundheitssprecher der Neos, und die Grüne Eva Mückstein meint: „Man weiß überhaupt noch nicht, wie es sich auf das Kindeswohl auswirkt, wenn es bis zu drei Mütter haben kann: die leibliche Mutter, eventuell die Spenderin der Eizelle und jene Frau, die sich das Kind wünscht.“
Christoph Göttl, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wien, sieht das anders. „Kinder von Leihmüttern haben laut Studien gegenüber anderen Kindern keine psychosozialen Nachteile“, sagt er. Die soziale Bindung sei wichtiger als die genetische Abstammung oder die Frage, in wessen Bauch man herangewachsen ist.
Echte Wunschkinder
Babys, die mithilfe von Fortpflanzungsmedizin auf die Welt kommen, sind jedenfalls echte Wunschkinder. „Sie zeigen in Studien bessere Eltern-Kind-Beziehungen als die durchschnittliche Familie“, sagt Göttl. Das gelte auch für „Regenbogenfamilien“, in denen beide Elternteile dasselbe Geschlecht haben – auf 5.000 bis 7.000 wird die Zahl solcher Familien in Österreich geschätzt, wobei die meisten Kinder nicht dank Fortpflanzungsmedizin entstanden sind. Lesbische Frauen und schwule Männer bringen oft Kinder aus vergangenen Hetero-Beziehungen mit. Jugendpsychiater Göttl sagt: „Für Kinder zählt nicht die Genetik, sondern die Haltung der sozialen Gemeinschaft, in der sie aufwachsen.“
Dieser Ansicht sind auch Nina Horowitz und Stefanie Groiss. Die beiden Journalistinnen sind seit zehn Jahren ein Paar, seit fünf Jahren offiziell „verpartnert“. Sie wollen ein Kind. Doch wie kommen Lesben an Sperma? Fragt man einen Bekannten, sucht man einen Fremden – oder geht man doch zur Samenbank? Letzteres ist lesbischen Frauen in Österreich im Jahr 2013 noch verwehrt. Also besuchen sie eine Samenbank in Dänemark. Gemeinsam fahren sie nach Kopenhagen und suchen den passenden Spender aus. Sympathisch soll er sein und vif. Das Motivationsschreiben und die Stimmprobe überzeugen das Paar. Im Vorjahr bringt Nina Horowitz Romy und Nelly zur Welt.
Sollten sie dies wollen, können die Zwillinge ihren biologischen Vater kennen lernen, sobald sie 18 Jahre alt sind. Die Mütter haben sich für einen „offenen Spender“ entschieden, der damit rechnen muss, dass seine erwachsenen Kinder eines Tages vor der Tür stehen. Der Samenspender hat aber weder Rechte noch Pflichten.
Adoption für Homosexuelle
Stefanie Groiss hingegen schon – seit sie Romy und Nelly adoptiert hat. Dies ist in Österreich erst seit 2013 möglich. Zuvor hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eingemahnt, dass auch Homosexuelle ihr Stiefkind adoptieren dürfen. „Die Politik ist in der Hinsicht ziemlich reaktionär“, kritisiert Nina Horowitz: „Die Politik reagiert immer erst, wenn ein Höchstgericht sie dazu zwingt.“ Der ORF, bei dem beide Mütter arbeiten, ist hingegen ein fortschrittliches Unternehmen: Auch ohne formelle Adoption hätte Groiss ein Jahr in Karenz gehen dürfen, um für die Zwillinge da zu sein – ein Viertel ihres Karenzjahres ist schon vorbei.
„Reproduktionstourismus“
Seit heuer haben es lesbische Paare mit Kinderwunsch einfacher als Horowitz und Groiss, sie dürfen sich in Österreich behandeln lassen. „Die Samenspende für Lesben hat in Österreich zu einem Ansturm in Kinderwunschkliniken geführt“, sagt der Gynäkologe Leonhard Loimer. Vor allem aus Deutschland beobachtet er einen „Reproduktionstourismus“, weil es diese Möglichkeit dort noch nicht gibt. Ein Drittel seiner Patientinnen kommt derzeit aus Deutschland.
In einer anderen Frage dürfen lesbische Paare noch nicht entscheiden, wie sie wollen. Eine Eizellspende zwischen lesbischen Partnerinnen, also dass die eine das Kind der anderen austrägt, ist verboten. Nur mit einem Mann verheiratete Frauen dürfen sich von einer anderen eine Eizelle schenken lassen. Die Betonung liegt auf schenken – anders als etwa in den USA bekommen Spenderinnen in Österreich nur eine Aufwandsentschädigung, zum Beispiel für Hotel-und Fahrtkosten. Die Eizellspenderin darf kein Geld dafür annehmen, damit daraus kein Geschäftszweig wird. Der Reproduktionsmediziner Ludwig Wildt meint hingegen: „Es ist absurd, dass Spenderinnen nicht bezahlt werden dürfen.“
Mehr Nachfrage als Angebot
Daher gibt es in Österreich mehr Nachfrage als Angebot. „Das ist verständlich“, meint Wildt: „Welche Frau tut sich diese medizinische Prozedur, die auch Risiken birgt, aus reiner Nächstenliebe an?“ Die Eizellspende wird noch kaum angewandt, da die Bedingungen so eng gefasst wurden. Andreas Obruca vom Kinderwunschzentrum „Goldenes Kreuz“ sagt: „Allgemein gilt das Gesetz zwar als Fortschritt, unsere Patientinnen aber sind verärgert: Die Betroffenen wurden mit der Novelle gefoppt! Der Gesetzgeber hat die Eizellspende zwar offiziell erlaubt, de facto aber hat sich nichts geändert. Es wäre konsequenter gewesen, zum Verbot zu stehen.“
Hilfe im Ausland
Bis vor Kurzem suchten jährlich rund 500 kinderlose Paare im Ausland Hilfe. Durch das neue Fortpflanzungsmedizingesetz müssten eigentlich nur mehr Frauen über 45 Jahre ausweichen. Die Altersgrenze bei der Eizellspende liegt in Österreich bei 45, bei Spenderin wie Empfängerin. Beliebte Ziele: Tschechien, Slowakei, Spanien.
Der „Reproduktionstourismus“ ins Ausland wird weiter florieren. Ein Grund dafür ist auch die späte Mutterschaft – eine gesellschaftliche Entwicklung, die vor Österreich nicht haltmacht. Im Februar gebar im Klinikum Wels-Grieskirchen erstmals eine 60-Jährige Zwillinge – nach einer Eizellspende im Ausland. Dass Frauen über 60 Mütter werden, ist zwar ein Ausnahmefall. Das Alter, in dem die Österreicherinnen ihr erstes Kind bekommen, steigt jedoch kontinuierlich. Vor 20 Jahren waren die Erstgebärenden durchschnittlich 24 Jahre alt, heute sind sie 29.
Angebote im Internet
Im Internet gibt es unzählige Angebote. Etwa die Website von „Biotexcom“, einer Reproduktionsklinik in Kiew. Mit großen Kinderaugen, Sonderangeboten und „Rundum-sorglos-Paket“ preist Biotexcom seine Dienstleistungen in sechs Sprachen an. Für das „Success-Paket“ – inklusive Flughafen-Transfer, Verpflegung, Aufenthalt im Hotel und Geld-zurück-Garantie bei Misserfolg – zahlt man 9.900 Euro.
Unfruchtbarkeit nimmt zu
Mediziner sagen, Unfruchtbarkeit nehme wegen stressiger Jobs und Umwelteinflüssen stetig zu. Zwei Jahre lang versuchten Verena und Phillip Fischbach aus der Südsteiermark, damals beide erst Mitte 20, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen. Erst nach einigen Tests wurde klar, warum es nicht klappte. Verena litt an einer hormonellen Störung. Durch einen operativen Eingriff wurden kleine Löcher in die Eierstöcke gebrannt, was die hormonelle Aktivität veränderte. Es kam zum Eisprung und einem regelmäßigen Zyklus. Neun Monate später erblickte Sohn Raphael das Licht der Welt.
Liegt es an der Frau oder am Mann?
„Unerfüllter Kinderwunsch ist ein Problem, das beide Partner in gleichem Ausmaß betrifft“, sagt Andreas Obruca vom Kinderwunschzentrum „Goldenes Kreuz“ in Wien. Zu 32 Prozent liegt es an der Frau, zu 68 Prozent am Mann.
Wie bei dem niederösterreichischen Bankangestellten Konstantin Veprek. „Mein Samen ist von unterdurchschnittlicher Qualität“, erzählt er. Auf natürlichem Weg ging der Kinderwunsch mit Frau Elke deshalb nicht in Erfüllung. Insgesamt drei Behandlungen mit der Icsi-Methode, einer der häufigsten Behandlungen bei künstlicher Befruchtung, waren notwendig. Dabei wird die Samenzelle direkt in die Eizelle injiziert.
Zurück ins Mühlviertler Wohnzimmer der Familie S., wo Vater Bernhard sich in Rage redet, wenn er an die Kritiker der modernen Medizin denkt. „Hat jemand das Recht, das Leben unserer Kinder zu verbieten?“, fragt er. Dank moderner Fortpflanzungsmedizin ist der Traum vom Familienglück heute für fast alle Menschen zum Greifen nah. Man muss ihn sich aber auch leisten können. Tina S. rechnet vor, was die Familiengründung sie, neben Nerven, gekostet hat: Agentur, Ärzte, Medikamente, Anwälte und Reisekosten beliefen sich insgesamt auf locker 150.000 Euro.
Quelle: http://www.news.at/a/kinderlosigkeit-oesterreich-rechtliche-lage
