Medizin & Ernährung

EU-Geld für personalisierte Medizin aus Frankfurt

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Testphase: Eine Biologis-Mitarbeiterin gibt Erbmaterial in ein Gefäß.

Die Firma Biologis befasst sich mit der Frage, wie Gene die Wirkung von Arzneienbeeinflussen. Die Zahl dereingeschickten Bluttests steigt stetig. Nun wird Biologis das Domizil im Frankfurter Biotech-Zentrum zu klein.

Das Herz pumpt nicht mehr so kräftig, wie es soll, und neigt zudem zu Rhythmusstorungen. Dagegen hilft ein Defibrilator in der Brust des Rentners. Dennoch ist der Mann nicht glucklich mit seiner Gesundheit. Denn nach der Einnahme seines täglichen Tabletten-Cocktails wird ihm immer wieder anfallsartig schwindelig, und er sturzt. Nur welche Pille verursacht den Schwindel? Die Wassertablette, der Beta-Blocker oder der Blutverdunner? Ist ein Medikament nur falsch dosiert? Der Hausarzt verfährt nach dem Motto: Probieren geht uber Studieren. So senkt er die Dosis des einen Mittels und rät, mit einer andere Arznei fur ein paar Tage auszusetzen. Daniela Steinberger hält dagegen fur solche Fälle etwas anderes bereit: einen Test, der ermittelt, ob sich ein Medikament fur den Patienten eignet, in welcher Dosis es am besten gegeben werden sollte – oder ob der Arzt lieber eine andere Arznei verschreiben sollte.

Dazu stellt die Humangenetikerin eine mutige Prognose auf: „In zehn bis zwanzig Jahren wird ein solcher Gentest Routine sein“, meint sie. ärzte und Patienten werden sich dann fragen, wie einst Medikamente verordnet werden konnten, ohne uber die genetischen Informationen des Kranken zu verfugen, sagt sie voraus. Das klingt fur den Laien vollmundig, aber Steinberger spricht nicht nur als Anbieterin, die mit den auf einer Blutprobe basierenden Tests Geld verdient, sondern auch als Fachfrau. Zudem kommen die private wie die gesetzliche Krankenversicherung schon jetzt fur einen Gentest auf, wenn aus Sicht des behandelnden Arztes ein medizinischer Grund besteht. Vor allem aber kann Steinberger nun auf einen Ritterschlag durch die Europäische Union verweisen.

Mangelnde Innovationskultur im Geschäftsfeld Humangenetik

Die Humangenetikerin fuhrt das von ihr gegrundete Unternehmen Biologis mit Sitz im Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie (FIZ) am Riedberg. Biologis zählt 50 Mitarbeiter. Die Firma teilt sich auf in ein diagnostisches Institut einerseits sowie einen Entwickler von Spezialsoftware und Datendienstleister andererseits. Das Diagnose-Institut erhält derzeit im Jahr Blutproben von etwa 2.000 Einsendern aus Deutschland und aus dem Ausland- die Zahl der Proben steigt laut Steinberger weiter, wie viele es sind, behält sie fur sich. Die 1963 geborene Chefin beschäftigt sich schon seit zwei Jahrzehnten mit der humangenetischen Diagnostik und lehrt als außerplanmäßige Professorin Humangenetik am Fachbereich Medizin der Universität Gießen.

Die Lehrtätigkeit ist fur die Akzeptanz ihres Geschäftsmodells sehr wichtig: „Ohne das hätten wir keine Chance“, gesteht sie freimutig zu. Sieht sie sich doch vor einer Herausforderung, mit der auch das vor 15 Jahren in Frankfurt gegrundete Unternehmen Humatrix (siehe Kasten) zu kämpfen hat: einer mangelnden Innovationskultur in ihrem Geschäftsfeld, wie Steinberger es formuliert. Gesundheit sei kein vom Verbraucher getriebener Markt, in dem sich die Patienten bemuhten, das fur sich beste Produkt zu bekommen. Mit anderen Worten: Schon vor der Gabe einer Arznei die Gene eines Patienten dahingehend zu analysieren, wie ein Mittel bei ihm wirken wird und ob es nicht bessere Medikamente fur ihn gibt, ist unublich. Das kann jeder Patient selbst uberprufen, indem er seinen Arzt danach fragt.

Daniela Steinberger - die Fachärztin für Humangenetik und Geschäftsführerin des bio.logis GmbH Unternehmens stellt sich den Fragen von Thorsten Winter. Steinberger bietet von Januar 2010 Personal Genomics Services an. Daniela Steinberger

Auch hat sich Biologis nicht ohne Storfeuer entwickelt. 2013 befand sich die Firma aufgrund des Ruckzugs von Gesellschaftern in wirtschaftlichen Turbulenzen, aus denen sie aber wieder heraus fand, auch dank neuer Geldgeber. „Alle heutigen Gesellschafter waren damals bereits engagiert, aber nicht alle damaligen Gesellschafter sind in die neue Struktur eingebunden“, beschreibt Steinberger die Veränderungen. Vor diesem Hintergrund und wegen der technischen Plattform fur die Auswertung der Gentests und die Therapieempfehlungen, die Biologis den ärzten und ihren Patienten gibt, sagt Steinberger: „Ich bin total zufrieden mit dem, was wir schaffen.“ Biologis musse sich mit seinen Themen nicht hinter amerikanischen Unternehmen verstecken, obwohl die Konkurrenz viel hoher bewertet sei als die Frankfurter Firma.

2,4 Millionen Euro aus Fordergeldern der EU

Besonders freut sich Steinberger uber die schone Nachricht aus Brussel. Die Europäische Union fordert mit 15 Millionen Euro ein Konsortium, das genetische Kenntnisse fur bessere Therapieentscheidungen sorgen soll. Dem Konsortium gehoren Uni-Kliniken in sieben Ländern an – und eben Biologis.

2,4 Millionen Euro, also ein Sechstel der Fordersumme, fließen der Frankfurter Firma zu. Mit dem Geld soll Biologis das firmeneigene „Genetic Information Management System“ in den klinischen Alltag einbauen. „Personalisierte Medizin wird langfristig zur Grundausstattung der medizinischen Versorgung gehoren“, meint Henk Jan Guchelaar, Vorsitzender der Abteilung fur Klinische Pharmazie und Toxikologie am Medizinischen Zentrum der Universität Leiden Medical Center in den Niederlanden, der das Forschungsprojekt koordiniert.

Kunftig braucht Biologis mehr Platz als die 500 Quadratmeter, die es im FIZ innehat. Deshalb zieht die Firma im Jahresverlauf in eine nahe gelegene Immobilie um. FIZ-Geschäftsfuhrer Christian Garbe, dessen Arbeit Steinberger „exzeptionell“ nennt, nimmt den Wegzug sportlich: „Irgendwann gehen die Kinder halt aus dem Haus.“ Sorgen, ohne Nachmieter zu bleiben, hat er nicht. Drei Firmen seien an den noch von Biologis belegten Flächen interessiert.