
Keine Infektion fordert mehr Todesopfer unter den Menschen als die Tuberkulose. In Europa wird die Seuche wegen der Resistenzen immer gefährlicher. Wir müssen dagegen etwas tun. Doch dafür fehlt Geld.
Es ist bedrohlich still geworden um die weiße Pest. Während Ausbruche von Seuchen wie Zika, Ebola oder Vogelgrippe viele Menschen weltweit aufschrecken, taucht Tuberkulose nur selten in den Nachrichten auf. Die Krankheit gilt bei vielen als längst besiegt und gut behandelbar.
Doch die Realität sieht anders aus: Der Tuberkulose-Erreger ist der weltweit todlichste Krankheitskeim – noch vor dem HI-Virus, das die Immunschwäche Aids auslost. Jeden Tag sterben mehr als 4000 Menschen an den Folgen einer solchen Infektion. 1,5 Millionen Tuberkulose-Tote zählte die Weltgesundheitsorganisation 2014. Rund 9,6 Millionen Menschen erkranken jedes Jahr neu. Insgesamt gilt mindestens jeder dritte Mensch auf der Welt als infiziert. Das bedeutet: Ungefähr zwei Milliarden Menschen tragen das Tuberkulose-Bakterium in sich, ausbrechen wird die Krankheit bei etwa zehn Prozent von ihnen.
Im Berliner Tuberkulose-Zentrum: Hier werden Flüchtlinge und Obdachlose vor der Aufnahme in eine öffentliche Unterkunft routinemäßig auf Tuberkulose untersucht.
Trotz der Erfolge der vergangenen Jahre und aller Bemuhungen, diese Krankheit unter Kontrolle zu bringen, wird ihre Behandlung immer komplexer und schwieriger. Zur effektiven Bekämpfung der weltweiten Seuche brauchen wir dringend einen neuen, wirksamen Impfstoff. Tatsächlich machen Forscher auf diesem Gebiet viele Fortschritte. Doch damit diese nicht verpuffen, mussen wir dringend handeln. Und zwar jetzt.
Aktuell geht eine besondere Gefahr von multiresistenten Tuberkulose-Bakterien aus, die gegen die wichtigsten Medikamente unempfindlich sind. Mit die hochsten Raten dieser Problemkeime finden sich in unserer Nachbarschaft, in den Ländern Osteuropas: In Weißrussland spricht gut jeder dritte Neuinfizierte nicht mehr auf die beiden gängigsten Medikamente an. In Kasachstan, Kirgisistan, Moldau und Usbekistan ist es etwa jeder vierte. In Russland und dem EU-Mitglied Estland jeder funfte. Von all jenen, die in diesen Regionen bereits eine gescheiterte Tuberkulose-Behandlung hinter sich haben, trägt sogar mehr als die Hälfte den multiresistenten Keim.
Zur Verzweiflung bringen aber kann einen, dass ein Zehntel der Betroffenen sogar unter einer extrem resistenten Tuberkulose leidet, die nur noch sehr schwer uberhaupt behandelbar ist. Auch in Deutschland wurden solche Fälle bereits diagnostiziert.
Stefan H. E. Kaufmann ist Direktor der Abteilung f. Immunologie Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin.
Schon die Therapie einer normalen Tuberkulose ist langwierig. uber ein halbes Jahr hinweg mussen die Patienten mehrere Medikamente einnehmen. Nicht selten wird dies nicht durchgehalten oder vorzeitig abgebrochen. In der Folge nehmen Resistenzen zu. Ihre Behandlung jedoch stellt ärzte, Patienten und das Gesundheitssystem vor riesige Probleme. Denn sie kann bis zu zwei Jahre dauern, bei extrem resistenten Keimen sogar drei Jahre. Rund 14 000 Tabletten mussen Erkrankte einnehmen – bei einer Heilungschance von nur 50 Prozent und gravierenden Nebenwirkungen wie Psychosen, Horverlust und Leberversagen. Die Kosten fur eine solche Behandlung sind exorbitant, manchmal hundertmal hoher als bei einer medikamentos gut behandelbaren Tuberkulose. Angespannte Gesundheitsbudgets kann dies in den Bankrott treiben.
Grundsätzlich werden die okonomischen Auswirkungen der Seuche vollig unterschätzt. Arbeitsausfälle und Therapien Erkrankter kosten die Volkswirtschaften der Europäischen Union jährlich funf Milliarden Euro. Deutschland allein bußt so Jahr fur Jahr 50 Millionen Euro ein. Tendenz steigend. Denn Tuberkulose-Erreger kennen keine Grenzen.
