Immer mehr und immer mehr kleine Kinder sind zu fett. Nun sind auch arme Länder betroffen. Was geht da vor?
Seit Jahren warnen Behorden weltweit: Die Menschheit wird immer dicker. Jetzt verschärft die Weltgesundheitsorganisation WHO den Alarm: Die Dicken werden immer junger. Mindestens 41 Millionen Kinder im Alter von unter funf Jahren weltweit sind ubergewichtig oder fettleibig. Und der uberschussige Speck lagert sich längst nicht mehr nur in westlichen Wohlstandsbäuchen ab. Allein in Afrika habe sich in den vergangenen 25 Jahren die Anzahl dieser Kinder von 5,4 Millionen auf 10,3 Millionen nahezu verdoppelt. In einer Weltgegend, aus der zugleich noch immer Nachrichten uber Hunger und bittere Armut zu uns dringen, lebt damit ein Viertel der fettleibigen Kleinkinder des Planeten. Fast die Hälfte findet man in Asien.
Auf diesen beiden Kontinenten hat die Verstädterung im vergangenen Jahrzehnt rapide zugenommen. Das sei einer der Hauptgrunde fur die Gewichtszulage bei Kindern und Erwachsenen, sagt Juana Willumsen von der zuständigen WHO-Kommission. „Die Menschen haben in den Städten plotzlich ganz andere Moglichkeiten, sich zu ernähren, sie kaufen Fast Food, das sie mit der reichen westlichen Welt verbinden, und verschmähen Obst und Gemuse, das sie ans einfache, ländliche Leben erinnert.“ Bei der zwei Jahre dauernden Erhebung sei den WHO-Experten in Asien, Afrika und Lateinamerika immer wieder eine fatale Assoziation begegnet: Die Menschen verbinden Dickleibigkeit mit Gesundheit und Reichtum. Von den in Wahrheit desastrosen Konsequenzen des ubergewichts fur den Korper wissen sie entweder nichts, oder es ist ihnen egal. „Das sind kulturelle Normen, die uber Jahrhunderte gewachsen sind, die konnen Sie nicht einfach mit ein bisschen Aufklärung beseitigen“, sagt Willumsen.
Ab wann ist ein Kind ubergewichtig?
Zu diesem sozialen komme ein biologisches Phänomen: Kinder, die im Mutterleib und in fruhester Kindheit an Unterernährung litten, hätten ein hoheres Risiko, ubergewichtig zu werden, wenn sie plotzlich ausreichend Nahrung bekämen, sagt die WHO-Expertin. „Ihre Korper haben sich in der Mangelsituation offenbar angewohnt, aus dem, was sie essen, so viel Nährstoffe wie moglich zu ziehen.“ Bei einem ausreichenden Angebot an Lebensmitteln fuhre das später schnell zu ubergewicht.
Wann aber ist ein Kind einfach ein bisschen moppelig und ab wann zu dick? Bei Erwachsenen orientiert sich die Definition am sogenannten Body Mass Index (BMI). Um ihn zu berechnen, teilt man das Korpergewicht in Kilogramm durch die Korpergroße in Metern zum Quadrat. Ein 75 Kilo schwerer und 1,85 Meter großer Mann hat also einen BMI von 21,9 Kilogramm pro Quadratmeter. Das ist laut WHO Normalgewicht. Ab einem BMI von 25 beginnt das ubergewicht, bei 30 die Fettleibigkeit. Diese wird mit steigendem BMI noch einmal in drei Adipositas-Grade eingeteilt. Bei Kindern ist die Einteilung allerdings etwas differenzierter als bei Erwachsenen. Alter, Große, Geschlecht und Entwicklungsstand werden berucksichtigt. Ob ein Junge oder Mädchen ubergewichtig ist, lässt sich an sogenannten Perzentilkurven ablesen, die dann bestimmte BMI-Kategorien bilden. Diese Kurven finden sich zum Beispiel auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter.
Fettleibigkeit und Unterernährung schließen sich nicht aus
Wenn jetzt sogar in Afrika die Kinder dick werden, so konnte man denken, dann seien die Zeiten der Hungersnote wohl vorbei. Einer, dem sehr daran gelegen ist, dieses Bild geradezurucken, ist Rudi Tarneden von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. „Es ist richtig, dass sich in weiten Teilen der Welt gerade Ernährungs- und Lebensgewohnheiten bilden, die nicht gesund fur Kinder sind“, sagt Tarneden. „Doch wir kämpfen immer noch hauptsächlich gegen die Mangelernährung.“ Denn auch wenn die Zahl der mangelernährten Kinder unter funf Jahren weltweit seit 1990 um 40 Prozent gesunken ist: Nach wie vor haben 165 Millionen Kinder zu wenig oder zu schlecht zu essen. In Sudasien sind 39 Prozent der unter funf Jahre alten Mädchen und Jungen aufgrund chronischer Mangelernährung zu klein fur ihr Alter, in Afrika sind es 40 Prozent.
