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Kindern erklärt: So entsteht ein Modetrend

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Gerade finden wieder die Modenschauen in Mailand und Paris statt. Da sieht man die neuen Trends, heißt es immer. Aber wie entstehen die eigentlich? Das kann man an der neuen Gucci-Kollektion ganz gut erkennen.

Jetzt laufen sie wieder. Auf der Modewoche in Mailand (und nächste Woche in Paris) drehen die Models ihre Runden uber die Laufstege. Die Modemacher präsentieren ihre Kollektionen fur Fruhjahr und Sommer 2016. Schon vor Weihnachten hängen viele dieser Kleidungsstucke in den Geschäften. Aber woher wissen die Modemacher eigentlich, was im nächsten Jahr Mode sein wird? Konnen Sie womoglich die Zukunft vorhersagen? Und bestimmen sie wirklich die Trends?

Neue Kollektion von Prada auf der Fashion Week in Mailand

Das tun sie. Am Mittwochnachmittag konnte man in Mailand sehr schon sehen, wie eine große Moderichtung entsteht. Da präsentierte der Designer Alessandro Michele seine Damen-Kollektion fur das italienische Modehaus Gucci. Hunderte Zuschauer waren begeistert. Die Journalisten schrieben fast alle positiv uber die Entwurfe. Und die Einkäufer von großen Kaufhäusern wie Bergdorf Goodman in New York oder dem KaDeWe in Berlin eilten nach der Schau in die Showrooms von Gucci, um Kleider und Taschen zu bestellen.

Mode fur den zweiten Blick

Es war einer der seltenen Momente, in denen sich die Fachleute mal weitgehend einig waren. Alessandro Michele hat nämlich einen echten Trend gesetzt. Ehrlicherweise muss man sagen, dass er damit schon im Februar, bei seiner letzten Kollektion, begonnen hatte. Und auch in den Männersachen furs nächste Fruhjahr, die er im Juni zeigte, erkennt man die Tendenz. Aber die meisten richtigen Trends entstehen und vergehen sowieso nicht so schnell. Sie entwickeln sich uber mehrere Saisons. Das sieht man am Beispiel Fransen. Als sie vor einem Jahr zum ersten Mal seit langem wieder auf dem Laufsteg zu sehen waren, dachte man: Was soll das denn? Aber gerade weil es so komisch, so anders, eben so neu aussah, waren viele begeistert. Und nun hängen in vielen Geschäften Jacken und Hemden und Hosen und Ponchos mit langen Fransen.

Auf dem Laufsteg: Gucci auf der Mailänder Fashion Week

Auch bei Gucci hängen nun viele Fransen an den Kleidungsstucken, denn dieser Mikrotrend passt in den Großtrend der Marke. Alessandro Michele, ein netter Italiener mit langen Haaren und Jesusbart, zeigt Entwurfe, bei denen man zwei Mal hinschauen muss. Denn oft erkennt man gar nicht: Ist das jetzt eine Frau oder ein Mann? Die Männer gehen in Blumchenhemden und Schlaghosen, mit breiten Krawatten und riesigen Brillen uber den Laufsteg. Die Frauen gehen in Blumchenhemden und Schlaghosen, mit breiten Krawatten und riesigen Brillen uber den Laufsteg. So ähnlich wie in den siebziger Jahren – woran man wiederum sieht, dass Trends gerne nach einer Generation wieder aufgenommen werden.

36399482Aus der zweiten Reihe ins Rampenlicht: Alessandro Michele ist seit Anfang des Jahres Chef-Designer bei Gucci.

Alessandro Michele aber verknupft nun den nostalgischen Hippie-Trend mit einer gesellschaftlichen Großbewegung. Weil Frauen heute oft so wichtig und mächtig sind wie Männer, gleichen sich die Geschlechterrollen in der Gesellschaft an. Und Michele gleicht die Mode an. Die Männer kleiden sich weiblicher und umgekehrt. Zum Beispiel haben wir fur das nächste F.A.Z.-Magazin, das am 10. Oktober der Zeitung beiliegt, ein weibliches Model, Lena Hardt, in die neue Männermode gesteckt.

Noch mehr Fransen

Kein anderer Modemacher bringt den Trend des „gender bender“, also des Geschlechter-Durcheinanders, so auf den Punkt. Alessandro Michele ist als Modemacher ziemlich radikal. Viele andere Designer versuchen, sich dem Massengeschmack anzugleichen, damit die Marke moglichst viele Kleidungsstucke verkauft. Michele musste das eigentlich auch, denn Gucci ist eine Riesenmaschine mit Hunderten Geschäften und Tausenden Mitarbeitern in aller Welt. Wenn man da nicht Kleider und Taschen und Schuhe im Wert von mehr als drei Milliarden Euro im Jahr verkauft, kann es plotzlich ganz schnell eng werden. Da sieht man mal, wie viel Verantwortung so ein Designer manchmal hat. Und wie viel Mut dieser Alessandro. Denn so ganz einfach lassen sich Blumchenhemden fur Männer ja nicht verkaufen. Aber er glaubt eben an diese gesellschaftliche Bewegung und setzt sie auf spannende Art in Mode um.

36399491Und umgekehrt: Bei der Vorstellung der Männermode im Juni schickte Alessandro Michele auch Frauen auf den Laufsteg.

So macht er das „gender bender“ zu einem Großtrend. Die Sachen werden in den Schaufenstern hängen. Schon am Tag nach der Schau bestellten die ersten Stylisten von den Modemagazinen bei Gucci bestimmte Looks, um sie dann in Modestrecken in den Zeitschriften, in der „Vogue“ oder der „Elle“ zu zeigen. Außerdem saßen Spione von H&M, Zara und Uniqlo im Publikum oder sahen zumindest die Bilder der Schau – und werden ähnliche Sachen entwerfen, die dann in ihre Geschäfte kommen und den Trend noch verstärken.

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Und damit die Marke noch bekannter wird, arbeitet Gucci auch fur Madonna. Die Popsängerin trägt auf ihrer Welt-Tournee, die gerade in Kanada begonnen hat, ein Gypsy-Kleid von Gucci, naturlich mit ganz vielen Blumen und noch mehr Fransen.

Er kann eben in die Zukunft schauen

Je stärker der Look, desto schneller ist es dann aber leider auch wieder vorbei mit dem Trend. Daher kann man ruhig Zweifel daran haben, ob Michele auch noch in drei Jahren der richtige Designer fur Gucci sein wird. Mit den Modemachern ist es nämlich wie mit den Fußballtrainern: Wenn sie nicht mehr auf der Welle des Erfolgs schwimmen, werden sie ganz schnell ausgewechselt. So kam ubrigens Michele an seinen äußerst gut bezahlten Job: Jahrelang war er nur im Team der Gucci-Designerin Frida Giannini. Als von ihr nicht mehr viel Neues kam und die Verkaufszahlen kaum noch wuchsen, setzte man sie in Mailand schnell vor die Tur.

An Alessandro Micheles starkem Stil erkennt man, dass er der zweite Mann war, der nun endlich auf die große Buhne darf und so richtig was zeigen mochte. Aber an dem Schauer, der einem uber den Rucken läuft, wenn man in der ersten Reihe einer solchen Schau sitzt, erkennt man auch, dass er den Zeitgeist auf tolle Art in die Kleider einwebt. Ja, dass er sogar in die Zukunft schauen kann. Wetten, dass man im nächsten Sommer auf der Straße ganz viele Männer in Blumchenhemden sieht?