Familie

Mutterwerden über 70: Jetzt für alle möglich?!

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Im 21. Jahrhundert gehören die Verfahren der neuen Reproduktionstechnologien nicht mehr zu den Randerscheinungen unserer Gesellschaft. Es sind mittlerweile vierzig Jahre vergangen, seit der Geburt des ersten künstlich gezeugten Kindes, Louise Brown, die in einer empörten und fassungslosen Öffentlichkeit eine große Diskussion über die moralische Rechtmäßigkeit der „künstlichen“ Kinder hervorgerufen hat. Nicht mal ein Jahr ist es nun her, seit die Frage nach der Legitimität der künstlichen Befruchtung noch einmal zur Debatte gestellt wurde. Der entscheidende Durchbruch für eine gesellschaftliche Tirade fiel in jene Zeit, in der Annegret Raunigk, eine siebzehnfache Mutter, die Weltgesellschaft mit einem dubiosen Weltrekord überraschte: mit 65 gebar sie Vierlinge, nachdem sie sich für ein In-vitro-Fertilisation-Programm „mit Erfolgsgarantie“ in der Kiewer Klinik BioTexCom, sowie für ein biologisches Spendermaterial entschieden hatte. Die Berlinerin ist bei Weitem nicht die erste Patientin, die sich mit einem solchen Anliegen an die Kiewer Klinik wendet; Frauen, die in den Konflikt „Kinder oder Karriere“ gerieten, greifen hier im Ausland nach ihrer häufig letzten Chance. In Kliniken, wie BioTexCom, wird Patienten beliebigen Alters ein Programm „mit Garantie“ versprochen. Es sind vor allem „junge“ Paare zwischen 50 und 55, die solche Programme auswählen. Die europäischen Ärzte sehen diese Programme „mit Garantie“ kritisch, da die natürliche Altersgrenze der Frau evolutionsbedingt sei. Auch die Politik unterstützt die Festigkeit der deutschen Gesetzgebung. So hält ein SPD-Politiker die Schwangerschaft von Annegret Raunigk für einen sehr bedenklichen Fall:

Karl Lauterbach: „Eine solche Schwangerschaft kann und darf für niemanden ein Vorbild sein,“ – wird im Interview mit der „Spiegel“ berichtet.

Aufgrund der teils seltsamen Laune der Natur, muss der menschlichen Fortpflanzung manchmal nachgeholfen werden: In ihrer Heimat konnte die Berliner Lehrerin die Möglichkeiten der assistierten Reproduktion nicht in Anspruch nehmen, da die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland, sprich das Embryonenschutzgesetz, und die daraus resultierenden Grundregeln der deutschen Reproduktion, die Eizellspende generell verbieten. So fiel ihre Wahl auf die Ukraine, wo weder die Reproduktionsmedizin noch die Gesetzgebung den Frauen, die auf natürliche Weise nicht schwanger werden können, ein alters- und methodenorientiertes Limit für eine künstliche Behandlung setzen. Es ist allgemein bekannt, dass eine späte Schwangerschaft mit zahlreichen Risiken sowohl für die Mutter, als auch für das Kind verbunden ist. Als Grund für die immer spätere Mutterschaft werden von den Forschern immer längere Ausbildungszeiten und der Wandel der gesellschaftlichen Normen genannt. So teilte das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung mit, dass das Durchschnittsalter von Frauen bei der Erstgeburt innerhalb der vergangenen Jahrzehnte ständig gestiegen sei und mittlerweile bei über 35 Jahren liege.

„Halbwesen“ oder unsere Zukunft?

Die öffentliche Meinung zur Reproduktionsmedizin war schon immer mit rechtmäßigen Fragen zu den Gefahren für die Kinder und den Beziehungsaspekten zu ihren älteren Müttern begründet, aber erst im Jahr 2014 wurde offiziell in einer öffentlichen Dresdner Rede das symbolische Zeichen für die Herabwürdigung „künstlicher“ Kinder gesetzt. Die mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Autorin Sibylle Lewitscharoff grenzt die Humanität, das Menschsein, von einem unmissverständlich verabscheuungswürdigen Menschenbild solcher „zweifelhaften Geschöpfe“ ab, indem sie sich den Vokabeln des Nationalsozialismus bediente:

Ich übertreibe, das ist klar, übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.“

Anscheinend vergaß die studierte Religionswissenschaftlerin in ihrem Streben nach der gesunden Normalität durch rein geschlechtliche Zeugung das durch die katholische Kirche verkündete Dogma der unbefleckten Empfängnis Marias. Das christliche Urmodell der heiligen Familie, bestehend aus Maria, Joseph und dem Heiligen Geist, dem Samenspender, bietet seinerseits ein Paradebeispiel für die künstliche Befruchtung und die Einbeziehung von Zellen Dritter bei der Entstehung eines Kindes: Der christliche Glaubenssatz postuliert die Geburt Jesus durch Maria als Jungfrauengeburt, also ohne sexuelle Vereinigung, bei der Joseph nicht als leiblicher Vater Jesus, sondern als selbstloser Rückhalt fungiert, (der jedoch nicht im engeren Kreis der Familie aufzutauchen scheint). Aus heutiger Sicht hat die heilige unbefleckte Empfängnis jeglichen Anspruch auf Exotik verloren, da sie infolge moderner Reproduktionstechnologien, wie der In-vitro-Fertilisation und der Samenspende, eine ganz triviale Erklärung aufweist.

Wenn man davon absieht, dass der Grundgedanke der Schriftstellerin an der Maßlosigkeit und der Absage der Vernunft grenzt, dann stellt sich zur Diskussion eine berechtigte Frage nach den Einschränkungskriterien einer künstlichen Befruchtung. Die Sorge um den medizinisch oder psychologisch pathologischen Kern, die durch strengste gesetzliche Vorschriften aufgelöst wird, lässt sich mittlerweile durch gesellschaftliche Sorge ersetzen. Welche Methoden der Reproduktionsmedizin dürfen eingesetzt werden und Hauptsache und – vor allem – bei wem?

In einem Punkt sind selbst die kritischsten Experten sicher: im 21 Jahrhundert wurde die biologische Grenze längst überschritten. Dieser Nachweis, der in der Welt der Reproduktionsmedizin als Wunder aufgenommen wurde, wurde von der 65-jährigen siebzehnfachen Mutter ausgerechnet in Deutschland geliefert, wo das Embryonenschutzgesetz den Kinderwunsch schon seit zwanzig Jahren zu einer Strafsache macht. Der reproduktionsmedizinischen Routine in Deutschland, die in vielen europäischen Ländern mit wenigen rechtlichen Einschränkungen verbunden ist, steht eine Reihe eindeutiger Verbote des Embryonenschutzgesetzes gegenüber. Es gilt das absolute Verbot der Eizellenspende (§ 1 I Nr. 1, II ESchG) und der Leihmutterschaft (§ 1 I 4 Nr. 7, II ESchG). Auch die Erzeugung überzähliger Embryonen, ihre Vorratshaltung, die Eingriffe in Erbinformationen sowie eine genetische Untersuchung des Embryos vor dem Embryotransfer außerhalb der besonderen Erlaubnistatbestände sind kategorisch verboten. Bei der Samenspende eines Dritten sieht das Prozedere viel loyaler aus, allerdings wird sie als therapeutische Behandlungsmethode nur für heterosexuelle Paare ausgewiesen. Die Frage, ob die im Hinblick auf neue Techniken veralteten Gesetze Deutschlands überarbeitungsbedürftig sind, stellt sich kaum – sie wird durch den erfolgreichen Umgang mit der Reproduktionsmedizin in allen anderen progressiven Länder bejaht, angefangen bei den USA bis zu den Nachbarsländern Deutschlands, wie Österreich, Spanien und Belgien. Die daraus resultierende Frage ist, an welcher/ wessen Einstellung wir uns orientieren sollten.

Lebt Deutschland noch im 20. Jahrhundert?

Während die reproduktive Medizin in Deutschland immer noch die Stellung einer kritisierten medizinischen Hilfeleistung annimmt, reagieren seine Nachbarländer auf dringende öffentliche Forderungen mit neuen Gesetzesentwürfen. Seit 2013 beschäftigt sich die Regierung Österreichs mit der Problematik des rund zwanzig Jahre alten Fortpflanzungsmedizingesetzes, das den modernen Erkenntnissen entsprechend angepasst werden und die Diskriminierung lesbischer Paare endlich streichen sollte. Infolgedessen trat im Jahr 2015 ein neues liberales Gesetz in Kraft, das eine gravierende Reform der Fortpflanzungsmedizin aufweist und sowohl für heterosexuelle als auch für lesbische Paare all das erlaubte, was in Deutschland immer noch verboten ist: die Eizellspende, die Samenspende Dritter bei der künstlichen Befruchtung und eine beschränkte Präimplantationsdiagnostik, also die Untersuchung der befruchteten Eizelle vor dem Einsetzen in die Gebärmutter.

So betonte die österreichische Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser, dass mit diesem Entwurf „jahrzehntelange frauenpolitische Forderungen“ endlich umgesetzt werden. Außerdem sollte verhindert werden, dass Frauen für diese Maßnahmen ins Ausland fahren müssen. Eine ähnliche Praxis der modernen Reproduktionsmedizin wurde vor Jahren sogar in den sogenannten Drittländern umgesetzt, wobei in einigen, wie beispielsweise in der Ukraine die künstlichen Maßnahmen zur Bildung von Familien die Form eines komplex funktionierenden Fließbandablaufs annahmen. Mittlerweile führt die Ukraine IVF-Programme mithilfe der Spendereizellen für Frauen beliebigen Alters aus aller Welt durch. Trotz der Empörung über diese Verfahren und der moralischen Fragwürdigkeit wegen fehlender Einschränkungen werden in dem größten Kiewer Zentrum BioTexCom jedes Jahr mehr als 20 europäische Frauen schwanger, deren Alter über 60 liegt.

Aber wie das berühmte Sprichwort lautet „Was Jupiter darf, darf der Ochse noch lange nicht“: Während einzelne Mütter, die sich für den Wunsch des Mutterwerdens im hohen Alter entschieden haben, mit den negativen sozialen Reaktionen zu rechnen haben, gewinnen die Großkonzerne, die ihren Angestellten die Kosten für das Einfrieren von Eizellen bezahlen, einen entgegengesetzten aufopfernden Eindruck. Die Arbeitgeber des Silicon Valley, wie Apple, Facebook und Google nehmen den Aspekt der Künstlichkeit und des hohen Alters zukünftiger Mütter anscheinend nicht so ernst wie die Amtsträger und ermuntern ihre Mitarbeiterinnen zum sogenannten – provokant gesagt – paradiesischen „Social Freezing“, einer immer beliebteren Methode unter Frauen, die das Ticken der biologischen Uhr stoppt. Damit können sich die jüngeren Mitarbeiterinnen weniger von der Arbeit ablenken lassen und die eingefrorenen Eizellen erst in ihrem Rentenalter auftauen und diese befruchten lassen. Mit anderen Worten: Was die Gesetzgebung nicht ermöglicht, erlaubt die Globalisierung und das finanzielle Interesse der Großunternehmen.

Die Ukraine – der Wilde Osten der Reproduktionsmedizin.
USA – der Wilde Westen. Was sind dann wir?

Welche politischen und kulturellen Konsequenzen es auch haben wird, dass eine neue Generation von Menschen einer künstlichen biologischen Ordnung angehört und Mütter im hohen Alter auftreten, wird sich erst nach Jahrzehnten zeigen, aber die Tatsache steht fest: Der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten. Ob es zu Utopia wird, ist eine andere Frage.

Alles in allem sieht es ganz so aus, als wäre uns Utopia viel näher, als irgend jemand es sich vor nur fünfzehn Jahren hätte vorstellen können. Damals verlegte ich die Utopie sechshundert Jahre in die Zukunft. Heute scheint es durchaus möglich, daß uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt...“

Aldous Huxley, der 1932 mit seinem Roman „Schöne Neue Welt“ eine mögliche reproduktionsmedizinisch orientierte Entwicklung unserer modernen Gesellschaft beschrieben hat, regt zum Nachdenken an, wie ein utopischer Gesellschaftsentwurf aussehen könnte, wenn alle Grenzen aufgehoben sind. Gleichzeitig betonte er auch, dass die technisierte Entmenschlichung nicht mehr aufzuhalten sei. Aber vielleicht könnte man dem Progress vernünftige Grenzen setzen?

Um die fragwürdigen Motive der Länder, wo die Reproduktionsmedizin „ohne Grenzen“ und „mit Garantie“ funktioniert, zu ergründen, habe ich den Pressesprecher einer der größten osteuropäischen Kliniken, BioTexCom, interviewt, der seine moralische Einstellung zur künstlichen Befruchtung rasend schnell präsentiert hat:

Wenn Sie von der Moral sprechen, dann sollten Sie sich erst die Schicksale von Frauen anschauen, die sich in Deutschland in langwierigen klinischen Prozeduren erfolglos behandeln ließen und sich nachher gezwungen fühlten eine Alternative im Ausland zu suchen. Wir haben eine Erfolgsquote von 92%, geben eine Garantie und machen so viele Programme, wie es nötig ist, und zwar, weil wir uns nicht hinter solchen Begriffen wie Ausbeutung und Moral verstecken. Frau Raunigk war in unserer Klinik mit ihren 65 Jahren kein Einzellfall, aber das wollen wir auch nicht verschweigen. Und was wird in Deutschland gemacht? Statt den neuesten medizinischen Trends zu folgen und Zuhilfenahmen von Dritten einzusetzen, ersetzen Sie diese durch psychologische Methoden – ‚gute Tante und guter Onkel sein’.

Über die Gründe, warum die neuen Reproduktionstechnologien in die herkömmliche Gestalt der Familie so stark eingreifen und wie stark sie die Moral unserer Gesellschaft beschädigen, kann eine lange Diskussion geführt werden. Viel wichtiger ist es, eine goldene Mitte zwischen Moral und Technologie zu finden.

Einer der Kerngedanken nach dem Interview mit dem Pressesprecher der BioTexCom war die Überlegung, dass in der Reproduktionsmedizin klare, wenn auch liberale Grenzen notwendig sind. Ein weiterer Punkt besteht in dem Gedanken, dass wenn der Kinderwunsch sehr stark ist, wird man auf jeden Fall nach Alternativen suchen, auch im Ausland. Warum können wir dann nicht diejenigen sein, die das Beste aus Österreich, den USA und der Ukraine nehmen diese beiden Stränge zu einem hoch innovativen und moralisch rationalem Konzept verbinden?

Statt den Grad der Moral in Längen- und Breitengraden zu messen, sollte unsere Politik vielleicht anfangen, diese legislativ durchzusetzen: Erst wenn wir Gesetze schaffen, die kinderlosen Paaren zu Hause Hoffnung schenken und sie nicht mehr in ihrem natürlichen Kinderwunsch eingrenzen, und damit zwingen, sich im Ausland behandeln zu lassen, können wir von Moral und gesellschaftlichen Werten predigen.

 

 

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Dank Eizellspende und Leihmutter wurde sie Mutter mit 55