Familie

Kinder und Eltern ohne Kontakt: Du gehörst nicht mehr zu mir

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Ein Gericht hat entschieden: Selbst wer lange keinen Kontakt mehr zu Vater oder Mutter hatte, muss für deren Pflege zahlen. Aber wie geht das überhaupt, wenn Kinder und Eltern sich voneinander lossagen? Drei Beispiele.

Auf dem Bord über Renate Puchls Bett steht eine Erinnerung an gute Tage: eine gläserne Schneekugel, die ihr Sohn ihr vor vielen Jahren zum Muttertag geschenkt hat. Schüchtern, liebenswert und folgsam war Andreas als Kind. Jetzt ist er 43 und im Gefängnis. Seit 19 Jahren schon. Er ist ein Raubmörder. Sehen wollte sie ihn nie wieder, nicht beim Prozess, nicht im Gefängnis. Und als ein Anwalt Geld von ihr wollte, um ihn zu verteidigen, gab sie ihm keins. „Ich hatte keins“, sagt sie, „und ich wollte auch nicht, dass er rauskommt. Ich hatte Angst, dass noch was passiert. Ich hab’ zu dem Anwalt gesagt: ,Lassen Sie ihn drin.‘“

Puchl, 61, Angestellte in einer hessischen Textilreinigung, hat den Kontakt zu ihrem einzigen Sohn abgebrochen. Sie will nichts mehr mit ihm zu tun haben, auch nicht, wenn er rauskommt – solange sie sich nicht sicher ist, dass er „zu hundert Prozent“ vernünftig geworden ist. Zu viel hat er ihr angetan. Nach der Tat musste sie Valium nehmen, sie stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Den gleichen Nachnamen wie ein Mörder zu tragen, das führte in der Kleinstadt, in der die Tat geschehen war und in der sie lebte, zum gesellschaftlichen Ausschluss. „Es war die Hölle“, sagt sie. „Er hat ja nicht nur sich selbst was angetan, sondern der ganzen Familie.“

Schuldgefühle und überzogene Erwartungen

Nun ist die Geschichte der Puchls eine besonders drastische. Kein Mensch sei verpflichtet, einen Mord zu verzeihen, sagt die Familientherapeutin Eva Orinsky- ein Mord sei eine Schuld, die nicht wiedergutzumachen ist. „Vielleicht kann die Mutter aber auch die Not des Sohnes nicht ertragen, denn die Not konfrontiert die Mutter mit ihren Schuldgefühlen und mit ihrem eigenen Schmerz.“ In jedem Fall liege, wenn Eltern den Kontakt zu ihrem erwachsenen Kind abbrechen, eine große Enttäuschung vor – eine Enttäuschung, die auch auf überzogenen Erwartungen der Eltern basieren könne.

Doch es gibt sie auch in alltäglicherer Form, die Fälle, in denen Eltern sich von ihren Kindern lossagen oder umgekehrt. Selbst wenn das gegen eine Art Lebensgesetz verstößt. Von Freunden, Liebhabern, Ehepartnern trennt man sich – aber von Mama und Papa, vom Kind? Und man mag das fair finden oder nicht: Die verlassenen Kinder müssen künftig finanziell für ihre pflegebedürftigen Eltern einstehen – sofern die sich um sie gekümmert haben, bis sie achtzehn wurden. Das hat der Bundesgerichtshof in der vergangenen Woche entschieden.

Jahrzehnte der Zurückweisung

Auch Tatjana Vogt wird zahlen müssen. Seit sieben Jahren hat die 46 Jahre alte Frau keinen Kontakt mehr zu Mutter, Adoptivvater und Halbgeschwistern. Die lebendige blonde Frau, die sich im Gespräch ständig grundlos für alles mögliche entschuldigt, hat den Kontakt selbst abgebrochen – aber nur, weil die Mutter sie dazu getrieben hat, wie sie erzählt. Nicht von jetzt auf gleich, sondern nach Jahrzehnten der Zurückweisung. Als Kind einer alleinerziehenden und berufstätigen Mutter hatte sie die ersten viereinhalb Lebensjahre im Kinderheim leben müssen und nur am Wochenende zur Mutter gedurft – eine in den Sechzigern gängige Praxis. Als die Mutter dann heiratete, durfte sie zu ihr ziehen. Noch als Schülerin erfuhr sie von ihren Großeltern, dass ihr Adoptivvater nicht ihr leiblicher Vater war. Obwohl die Mutter sie warnte, weiter zu fragen, hatte sie damit den Ansatz einer Erklärung dafür, dass die Mutter sie so viel härter behandelte als ihre beiden jüngeren Halbbrüder. „Es gab keine Zuneigung, keine Zärtlichkeit, kein Lob. Nur Kritik. Mein Gefühl sagte mir, dass sie mich weniger liebt.“

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