Lebensstil

Trainieren wie ein Profi

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Leistungsdiagnostiken und Trainingspläne aus der Feder von Fachleuten sind längst nicht mehr nur Berufssportlern vorbehalten. Auch Hobbysportler greifen darauf zurück. Lohnt sich dieser Aufwand?

Wollen Sportwissenschaftler den optimalen Trainingsaufbau erklären, reden sie gerne vom Bau eines Hauses. Langsame Trainingseinheiten und ein paar intensivere Reize im Winter bilden das Mauerwerk. Harte, aber wohldosierte Intervalle im Frühjahr errichten den Dachstuhl, und kurz vor dem Wettkampf kommen die Ziegel aufs Dach. Bevor Manfred Teufel auf die Dienste eines Sportwissenschaftlers zurückgriff, war sein Trainingshaus löchrig wie ein Schweizer Käse.

Der 63 Jahre alte Weinhändler aus Frankfurt ist schon immer Rennrad gefahren, hat auf zwei Rädern die Alpen überquert. 2007 wagte er sein erstes Straßenrennen. „Ich dachte, so schlimm wird das schon nicht werden“, erinnert er sich. Dann der Startschuss. Teufel fuhr im Pulk, kämpfte im Windschatten, verlor nach einer Stunde mit krampfenden Oberschenkeln den Kontakt und erreichte abgeschlagen das Ziel.

Auf weitere Starts folgten weitere Niederlagen. Doch Teufel ließ nicht locker, radelte am Wochenende wie ein Besessener, ignorierte Schmerzen und Erschöpfung. Das hatte Folgen: Er schlief schlecht und hatte Schweißausbrüche – die typischen Anzeichen von Übertraining. Sein Trainingshaus stand vor dem Einsturz. Durch Zufall entdeckte er zwei Jahre nach seiner Rennpremiere eine Anzeige von einem privaten Trainingsinstitut. Teufel machte einen Termin, ließ mittels Laktatstufentest seine Trainingsbereiche bestimmen und befolgt seitdem die Trainingspläne von Dennis Sandig, Sportwissenschaftler und Mitgründer vom Trainingsinstitut „IQ-Athletik“. „Mein Körper war von dem harten Training ausgebrannt“, sagt Teufel heute. „Seit ich nach Sandigs Plänen trainiere, läuft es, und ich werde Jahr für Jahr besser.“

„Es gibt einige schwarze Schafe auf dem Markt“

Leistungsdiagnostiken und Trainingspläne aus der Feder eines Sportwissenschaftlers sind längst nicht mehr nur Berufssportlern vorbehalten. Auch Hobbyathleten aus den Ausdauer- und Kraftsportdisziplinen sowie Ballsportarten können in den Genuss individueller Trainingsbetreuung kommen – und das zu bezahlbaren Preisen. Für rund 100 Euro gibt es einen teils von der Krankenkasse bezuschussten Laktatstufentest oder eine Spiroergometrie. Weitere 50 bis 70 Euro sind pro Monat für einen auf den Sportler abgestimmten Trainingsplan fällig.

Und Manfred Teufel ist nicht der einzige Amateur, der sich regelmäßig einer Leistungsdiagnostik unterzieht und sein Training professionell planen lässt. Private Trainingsinstitute verzeichnen einen wachsenden Kundenstamm, wie André Albrecht, Chef von „Intro – Institut für Trainingsoptimierung Wolfsburg“, sagt.

Besonders gefragt sind bei den Kunden Laktatstufentests und Spiroergometrien, die je nach Sportart auf dem Ergometer oder Laufband durchgeführt werden. Mit beiden Messverfahren werden unter ansteigender Belastung die Trainingszonen eines Sportlers bestimmt, in denen der Athlet je nach Sportart mal mehr, mal weniger trainieren sollte. Es gibt vier Bereiche, die in Herzfrequenz oder Watt angegeben werden. Bei einer Spiroergometrie erfolgt die Bestimmung mittels einer Atemmaske. Gemessen werden die Sauerstoffaufnahme und die Sauerstoffverwertung eines Sportlers. Beim Laktatstufentest wird hingegen Blut am Ohr genommen, um später die Trainingsbereiche mittels Stoffwechselveränderungen bestimmen zu können.

Obwohl mit den individuell bestimmten Trainingsbereichen in Verbindung mit etwas Hintergrundwissen schon effektives Training möglich ist, reichen gut einem Viertel der Testabsolventen die gewonnenen Erkenntnisse nicht aus. Sie buchen zusätzlich Trainingspläne. Die meisten von ihnen sind Gesundheitssportler ohne ambitionierte Ziele, die einfach Herz und Muskeln stärken wollen, ohne sich zu verletzen. Ihnen raten Sandig und Albrecht, sich über die Anbieter von Leistungsdiagnostiken und Trainingsplänen genau zu informieren. „Es gibt einige schwarze Schafe auf dem Markt, die von der Materie wenig verstehen“, sagt Albrecht.

Nur noch ein kleiner Schritt zum fertigen Trainingsplan

Wer einen Trainingsplan von Sandig möchte, lässt sich am Telefon beraten, schickt seine Trainingsdaten via E-Mail und kann ein paar Tage später loslegen. Besser ist jedoch, seinen Trainer persönlich kennenzulernen. Die Räume von IQ-Athletik sind keine fünf Minuten vom Frankfurter Hauptbahnhof entfernt. Eine Apparatur für das eigene Fahrrad sowie ein Laufband warten in den Räumen auf den Athleten. An den Wänden hängen Porträts von Sportlern, die Sandig berät, darunter Bahnradsprinter Maximilian Levy, Silbermedaillengewinner in London, und die Fußballmannschaft des 1. FC Nürnberg.

„Mein Job ist Detektivarbeit“, sagt er. Im Gespräch mit dem Sportler muss er herausfinden, wie es um das Trainingshaus bestellt ist, ob es stabil steht, ob es wackelt, und wenn ja, wie man es sanieren kann. „Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf Training“, erklärt Sandig. Seine Aufgabe ist es, die Antworten des Körpers auf die Belastung zu deuten und den Sportler so vor immer neue Herausforderungen zu stellen, ohne ihn dabei zu überlasten. Für einen persönlichen Trainingsplan ist eine Leistungsdiagnostik nicht nötig, aber laut Sandig sinnvoll: „Es ist eine weitere Information über den Sportler, mit der ich genauer planen kann.“

Nach einem Gespräch und einer Leistungsdiagnostik ist es nur noch ein kleiner Schritt zum fertigen Trainingsplan. Weinhändler Teufel trägt in den elektronischen Kalender einer Online-Plattform ein, an welchen Tagen er wie lange Sport treiben kann. Auch die geplanten Wettkämpfe vermerkt er. Sandig sieht die Einträge und gestaltet das Training nach Teufels Vorgaben. Eine typische Trainingswoche von ihm sieht so aus: Dienstag drei Stunden Training am Berg, Mittwoch und Donnerstag je eine ruhige einstündige Ausfahrt sowie lange Etappen von vier und fünf Stunden mit Tempowechsel am Wochenende.

Das Konzept geht auf

Hat Teufel das Training gemeistert, überträgt er die Daten seines Wattmesssystems und Pulsmessers in die Trainingsplattform. Anhand der gewonnenen Daten kann Sandig Rückschlüsse über die Erschöpfung und Fitness des Weinhändlers ziehen. Kommt Teufel ein Termin oder eine Erkältung dazwischen, kontaktiert er Sandig, und der Plan wird umgeschrieben. „Am interessantesten ist die Arbeit mit Berufstätigen“, sagt Sandig. „Ein Profisportler hat den ganzen Tag Zeit fürs Training, ein Amateur vielleicht nur viermal die Woche für ein paar Stunden. Da das Optimum herauszuholen, ist es, was mich antreibt.“

Die Trainingsplanung für Raphael Gabel ist besonders schwierig. Der 25 Jahre alte Pilot ist 16 bis 20 Tage pro Monat unterwegs. An den Tagen zu Hause wartet die Freundin – viel Zeit für ein durchdachtes Training in Eigenregie bleibt da nicht. Doch Gabel hat ehrgeizige Ziele. Im kommenden Jahr möchte er beim Ironman Frankfurt starten, die 225 Kilometer in zehn Stunden schaffen. „Ohne ein professionell organisiertes Training wäre das nicht möglich, nicht mit meinem Job“, sagt er.

Seit Juli führt deswegen Dennis Sandig Regie. Der Sportwissenschaftler muss bei Gabel kein völlig neues Trainingshaus bauen. Der Pilot war Leichtathlet in der Schule und hat beim Marathon eine Bestzeit von unter drei Stunden. Talent ist vorhanden, doch für einen Ironman fehlen noch Grundlagen, ein dickeres Mauerwerk. Dank Sandigs Planung bekommt er nun Job, Familie und Sport in Griff. Während Gabels Kollegen den Arbeitstag bei einem alkoholfreien Cocktail beenden, schnürt er die Laufschuhe oder krault im Hotelpool. Zu Hause spult er die Einheiten auf dem Rad ab. Und das Konzept geht auf.

Am Ende zählt das Resultat

Doch es gibt auch Kritiker wie Herbert Steffny, die den betriebenen Aufwand bei Amateuren für übertrieben halten. Der dreifache Gewinner des Frankfurt-Marathons und Bestsellerautor plädiert dafür, beim Training mehr auf die Signale des Körpers und weniger auf die Pulsuhr zu achten. „Wann bizzelt es in den Beinen, wie stark muss ich atmen, darauf kann man achten und so die Intensität steuern.“ Seine Empfehlung: „Zum Kenianer werden.“

Steffny trainierte während seiner Profikarriere als einer der ersten Europäer bei den scheinbar unschlagbaren Kenianern. Ein Trainer sagte ihm dort: „Die Deutschen sind Weltmeister im Laktatmessen, während ihnen die ganze Welt davonläuft.“ Laut Steffny sind Pulsuhren für viele kenianische Nachwuchs- und Eliteläufer ein Fremdwort. „Sie hören auf ihren Körper und ihre Erfahrung“, meint Steffny. Gänzlich von Leistungsdiagnostiken abraten möchte er allerdings nicht. „Einem Anfänger können die Ergebnisse helfen, nicht zu schnell zu laufen, ein Fortgeschrittener kann erkennen, wie es um sein Training bestellt ist“, sagt Steffny. Und fügt hinzu: „Der Test ist jedoch nur einer von vielen Bausteinen.“

Welcher Weg auch gewählt wird, am Ende zählt das Resultat. Für Weinhändler Teufel haben sich die persönliche Trainingsplanung und die gezielten Leistungstests gelohnt. Sein Trainingshaus ist generalsaniert, die Löcher verschwunden, wie seine Leistung beim Jedermannrennen in Frankfurt in diesem Jahr zeigt. Er blieb am Rad des Vordermannes und ließ sich nicht abschütteln.