Lebensstil

Eine Million Kugelstoßer

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Das Deutsche Sportabzeichen, die Fitnessauszeichnung für Freizeitsportler, wird 100. Heinz Otten ist ein Pionier: 60 Mal hat er die Prüfungen abgelegt. Er erinnert sich an improvisierte Bedingungen in den Nachkriegsjahren und viele Sommermonate auf dem Trainingsgelände.

Um die Trophäen ging es Heinz Otten eigentlich nie, viel mehr ging es ihm um den Spaß. Trotzdem, man merkt ihm den Stolz an, wenn er von den zahlreichen Urkunden erzählt, die an der Wand seiner Bremer Wohnung hängen, und von den ovalen goldglänzenden Anstecknadeln in Form eines Lorbeerkranzes, die sich über die Jahre bei ihm angesammelt haben. Auf einem der Anstecker ist nicht nur das Logo des Deutschen Olympischen Sportbundes zu erkennen, sondern auch die Zahl 60. So häufig hat der Einundachtzigjährige in seinem Leben das Deutsche Sportabzeichen abgelegt – und zwar in Folge, Jahr für Jahr, ohne Unterbrechung von 1951 bis zum Jahr 2011. „Soweit ich weiß, hat mir das noch keiner nachgemacht“, sagt er.

100 Jahre ist es her, dass die „Auszeichnung für vielseitige Leistungen auf dem Gebiete der Leibesübungen“ – wie das Sportabzeichen damals hieß – erstmals vergeben wurde: am 7. September 1913 anlässlich des Jugend-Spielfestes in Berlin, damals an 22 Sportler. Mitgebracht hatte die Idee von einem „Sportorden für jedermann“ der Sportfunktionär Carl Diem aus Schweden. Und die Idee hat sich gehalten, bis heute ist das Deutsche Sportabzeichen die einzige Auszeichnung in der Bundesrepublik, die außerhalb des Wettkampfsports die Fitness von Freizeit-, Schul- und Betriebssportlern überprüft.

Geschichte des Sportabzeichens

Allerdings war es zu Beginn nur Männern vergönnt, eine Urkunde für ihre körperliche Ertüchtigung zu erhalten. Erst 1921 wurde das Sportabzeichen dann auch für Frauen eingeführt. Und die Deutschen hüpften, sprangen, rannten und warfen gerne für ein wenig Ruhm. Das zeigten steigende Teilnehmerzahlen und über 200 000 Verleihungen in den Anfangsjahren. 1933 entdeckten die Nationalsozialisten das Sportabzeichen dann für sich und setzten es unter dem Namen „Deutsches Reichssportabzeichen für die Gesunderhaltung der Bevölkerung“ für ihre eigenen, üblen Zwecke ein.

Erst einige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges beschloss der Deutsche Sportbund 1951 die Wiedereinführung eines bundeseinheitlichen Sportabzeichens. „Die Voraussetzung und vor allem die Ausstattung der Anlagen damals waren aber meilenweit von den heutigen entfernt“, sagt Heinz Otten, der von diesen frühen Tagen an schon dabei war.

Improvisierte Bedingungen in Nachkriegsjahren

Seine ersten Prüfungen legte er unter improvisierten Bedingungen ab. Wer sich wie er in den Nachkriegsjahren seine sportliche Leistung beurkunden lassen wollte, musste kreativ sein, um die Prüfung überhaupt ablegen zu können. „Beim Stabhochsprung beispielsweise waren die Sprungständer in unserem Verein nicht hoch genug- deshalb mussten wir sie auf Anhänger und Kisten stellen, bevor wir darüberspringen konnten“, erzählt Otten im tiefsten Bremer Schnack. Auch beim Kugelstoßen war Improvisation gefragt, denn einen Stoßring gab es nicht- Otten löste das Problem pragmatisch und besorgte von einer Baustelle Fertigbeton, mit dem der Ring gestaltet werden konnte.

Wenn nötig, transportierte der sportliche Norddeutsche seinen vier Meter langen Bambusstab zum Hochspringen auch mal auf dem Fahrrad quer durch die Stadt zur Wettkampfstätte. Otten ist ein echter Pionier des Sportabzeichens, der viel zu erzählen hat- bei der Frage jedoch, was sich außer den Sportanlagen beim Sportabzeichen in den vergangenen sechzig Jahren noch verändert hat, hält er kurz inne: „Eigentlich nichts, denn im Kern geht es um die Freude an der Bewegung und den Reiz der vielfältigen Sportarten.“ Das seien auch die Gründe gewesen, die ihn jedes Jahr bis ins hohe Alter aufs Neue motiviert hätten, anzutreten und Höchstleitungen zu erbringen.

Sommermonate auf dem Trainingsgelände

Ähnlich sehen es offenbar viele andere Deutsche. In den Jahren 2008 und 2009 legten erstmals mehr als eine Million von ihnen das Sportabzeichen ab. Etwa die Hälfte der Sportler, die sich zum Springen, Schwimmen und Laufen anmelden, schafft es auch.

Den Bremer Otten hat der Sport den größten Teil seines Lebens begleitet. Er hat ihn dazu bewegt, die Sommermonate auf dem Trainingsgelände zu verbringen oder in 104 Runden um den Sportplatz einen Marathon zu absolvieren. Er ist Kanu gefahren, über sechs Meter gesprungen und 300 Meter in rund sechs Minuten geschwommen. Doch jetzt ist Schluss. Das 61. Sportabzeichen war in Planung, aber „eine Erkrankung hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt Otten. Es gehe einfach nicht mehr. Aber auch das müsse man akzeptieren. Als Sportsmann.