Was aus Celine geworden ist: Die Formel Slimane

Published 29/09/2018 in Mode & Design, Stil

Was aus Celine geworden ist: Die Formel Slimane
Schmale Silhoutte: Slimane macht dort weiter, wo er 2016 aufgehört hat.

Monatelang gab es unter Modeleuten vorrangig ein Thema: Was würde Hedi Slimane aus Celine machen. Nun zeigt der neue Kreativ-Direktor sein Debüt in Paris – das muss man erst einmal sacken lassen.

Trauer und Trommelwirbel sind sich am Freitagabend am Invalidendom nah. Den Trommelwirbel gibt’s wirklich, er läutet eine neue Ära bei Celine ein. Die Ära Hedi Slimane. Und nichts, wirklich nichts ist hier, wie es mal war. Deshalb auch die Trauer – unter den ehemaligen Kundinnen. Selbst wer darauf gefasst war, muss die Hardcore-Mikrokleider und Zigarettenhosen für Männer und Frauen, die Hedi Slimane an diesem Abend um kurz vor 21 Uhr über den Laufsteg pfeffert, erst mal sacken lassen. Es ist seine Art, Mode zu machen. Die schmale Silhouette erzählt von den Anfängen dieses Designers bei Dior Homme im Jahr 2000, die extrem kurzen Kleider von dem, was dann kam, bei Saint Laurent ab 2012.

Immerhin, indem Hedi Slimane jetzt da weitermacht, wo er 2016 aufgehört hat, als er Saint Laurent verließ, kann man ihm nicht vorwerfen, die Geschichte dieses Hauses zu missachten. Diese Marke hat schließlich so gut wie nichts von dem, was man in der Mode echtes Erbe nennen kann. Selbst der Name bot ständig Platz für Selbstverwirklichung, der accent aigu im Markennamen stand immer mal wieder zur Disposition. Dass dieser selbstgewisse Designer ihn nun als eine seiner ersten Amtshandlungen strich, ist keine große Überraschung, seine Kontrolle ist spätestens legendär, seit er 2012, zum Einstieg bei Yves Saint Laurent, aus dem Traditionshaus Saint Laurent machte. In der neuen Kampagne, die seit Wochen in den großen Städten zu sehen ist, kommt „Céline“ jedenfalls schon als „Celine“ daher.

Gegründet wurde dieses Celine von Céline Vipiana im Jahr 1945, ursprünglich als Marke für Kinderschuhe, die mit der Zeit Richtung Damenmode expandierte. Von 1997 an lief es sieben Jahre lang gut, unter Michael Kors als Chefdesigner. Dann kam lange wenig. Erst Phoebe Philo sorgte mit ihrer Arbeit wieder für Begehrlichkeit, indem sie daraus eine Marke von einer Frau für andere Frauen machte, eine Marke, die zunächst einmal die ultimative Garderobe zu bieten hatte. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als das perfekte weiße Hemd, um Hosenanzüge, Mäntel, und weil sich diese Teile nicht viele Frauen leisten können, kamen schnell Accessoires für ein paar mehr Kundinnen dazu. Slip-Ons, wie es sie von Vans gibt und Sandalen wie von Birkenstock, nur beides luxuriös. Und natürlich: Taschen, Taschen, Taschen, mit denen die Leute in der Produktion auch in Post-It-Bag-Zeiten kaum hinterherkamen. Denn sie waren nicht nur Meisterwerke aus Leder, sondern hielten dazu recht praktische Lösungen bereit.

Dass es mit diesem konsequent frauenfreundlichen Konzept vorbei sein würde, war schon mit der Ernennung Hedi Slimanes klar, als Kreativ-Direktor und zugleich als ersten künstlerischen und Image-Direktor des Hauses. Das Debüt seiner Damenkollektion am Freitagabend ist jetzt erst der Auftakt, und es geht gleich richtig los. Hedi Slimane dekliniert die härteren Jahrzehnte der Jugendkultur durch, die Sechziger und Achtziger, und richtet sich damit vornehmlich an eine junge Generation, die heute unter dem Eindruck der zunehmenden Konsumkultur aufwächst. Die große Sorge der Luxusmarken, in Zukunft abgehängt zu sein, befeuert schließlich den Kampf um diese junge Kundschaft, und Hedi Slimane, man muss es so sagen, nähert sich in der Hinsicht recht klug, ohne sich anzubiedern: Was hier Mode für Männer ist oder welche dieser Anzüge auch Frauen tragen können, bleibt jedem Kunden selbst überlassen. Das passt in eine Zeit des dritten Geschlechts, in der sich jeder finden soll, wie er mag. Das ist ja auch der Sinn von Mode. Wobei diese hier trotzdem offenlässt, warum die Models Fascinator als Kopfschmuck tragen.

Mit Umsätzen jenseits der Milliarde dürfte zu rechnen sein

Aber natürlich ist diese Personalie vorrangig das Ergebnis einer finanziellen Entscheidung. Wenn Slimanes Arbeit unter Kritikern auch polarisieren mag, darüber, dass sie sich bestens verkauft, herrscht Konsens. In den frühen nuller Jahren kamen diese Erlöse dem Luxuskonzern LVMH zu Gute als Slimane für Dior Homme entwarf. Zehn Jahre später verhalf – er mit seiner Arbeit bei Saint Laurent dann dem Kering-Konzern dazu, die Milliarden-Marke zu knacken. Unter ihm verdreifachte sich der Umsatz des Hauses nahezu, von 473 Millionen Euro auf 1,2 Milliarden.

Klar, dass Bernard Arnault, Chef von LVMH, um ihn gekämpft haben wird – wie ein Jahrzehnt zuvor übrigens um Phoebe Philo. Klar auch, dass bei Celine in naher Zukunft mit Umsätzen jenseits der Milliarde zu rechnen sein dürfte. Unter Philo war das nicht möglich. Das ist – so bitter es klingt – der Preis von Frauenversteher-Mode, von bequemen Sandalen und weichen Mänteln, von Teilen, die eine Frau für andere Frauen macht.

Die Slimane-Formel berücksichtigt hingegen auch den Faktor Y. Den Mann, selbst wenn es nicht um Herren-, sondern um Damenbekleidung geht. Denn natürlich hat Mode als Statussymbol ihren Sinn. Sie soll Sicherheit geben, und Anerkennung. Sie ist eine Waffe, die den Besitzern bei der Bewältigung ihres Lebens hilft, bei kleineren und bestenfalls größeren Konflikten mit sich selbst. Und Slimanes Erfolg der Vergangenheit, der sich mit den Cut-Out-Kleidern und Mikroröcken wohl fortsetzen wird, erzählt auch davon, dass Stücke im Namen der Verführung, Stücke, die zuweilen vulgär sind, noch immer ein nicht zu unterschätzendes Argument für Damenmode sind.

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