Weingut Huff: Eine kurze Geschichte der Liebe

Published 21/09/2018 in Essen & Trinken, Stil

Weingut Huff: Eine kurze Geschichte der Liebe
Wenn Wein der zweifelsfreie Beweis für die göttliche Menschenliebe ist, dann ist Riesling sein zuverlässigster Kronzeuge.

Rheinhessen wird immer mehr zur Domäne junger talentierter Winzerinnen, die sich nicht für sich, sondern nur für ihre Weine interessieren – wie die fabelhafte Christine Huff aus Nierstein-Schwabsburg.

Theologisch ist der letztgültige Beweis für Gottes Menschenliebe sein Sohn Jesus Christus am Kreuz von Golgatha. Önologisch ist die Sache genauso klar, wenn auch ein bisschen anders. „Wein ist der Beweis, dass Gott uns liebt“, steht am Eingang des Weinguts Huff in Nierstein-Schwabsburg, und zwar nicht aus Ketzerei, sondern aus generationenübergreifender Lebenserfahrung. Familie Huff muss es wissen, denn sie sind seit sieben Generationen Winzer, leben in einem Gutshaus aus dem Jahr 1819, erbringen ihren göttlichen Liebesbeweis mittlerweile in Gestalt von Christine Huff.

Beinahe aber wäre es nie so weit gekommen, weil Fritz Ekkehard und Doris Huff drei Töchter geboren wurden. Und da das Winzerwesen trotz mancher leuchtender Ausnahme noch immer eine Männerwirtschaft ist, glaubten die Eltern fest daran, dass sie die letzten Weinbauern ihres Geschlechtes sein würden. Die eine Tochter wandte sich ohnehin der Erziehungslehre zu, die andere dem Versicherungsgewerbe, doch die Eltern hatten die Rechnung ohne die Dritte im Mädchenbunde gemacht.

Sie fand großen Gefallen an der Arbeit ihres Cousins Jochen Dreissigacker, eines Pioniers im rheinhessischen Qualitätsweinbau, und nachdem sie ein Schülerpraktikum bei Klaus Peter Keller gemacht hatte, dem Zeus in Rheinhessens Winzerolymp, stand der Entschluss der kleinen Christine fest: Sie machte eine Winzerlehre, studierte anschließend Weinbau in Geisenheim und übernahm 2010 mit sechsundzwanzig Jahren den Familienbetrieb. „Meine Eltern hatten sich auf einen geruhsamen Lebensabend gefreut, aber daraus ist nichts geworden“, sagt sie ganz ohne schlechtes Gewissen – obwohl statt eines Hängemattendaseins Werkstatt und Traktor den Lebensabend von Vater Fritz Ekkehard prall ausfüllen, während sich Mutter Doris um Buchhaltung und Verkauf kümmert.

Die Liebe zur deutschen Urtraube

In den vergangenen acht Jahren hat Christine Huff ihrem Cousin konsequent nachgeeifert und ihr Gut kategorisch auf Qualität getrimmt. Sie bewirtschaftet inzwischen acht Hektar in Nierstein und Schwabsburg, ein Viertel davon Steillagen mit bis zu sechzig Jahre alten Reben und das meiste davon im Roten Hang, dem berühmtesten Weinberg Rheinhessens, der tatsächlich so schamlos rot leuchtet wie das Outback Australiens.

Das verdankt er dem Rotliegenden, einer Mischung aus Ton und Sandstein, zusammengepresst in 280 Millionen Jahren und wieder zum Vorschein gekommen, als es sich der Rhein in seinem Bett bequem machte. Für Rieslinge, sagt Christine Huff, sei das ein Paradiesgarten, weil der Rotliegende die Wärme wie Schiefer speichere, den Trauben aber eine mildere Säure und würzige Aromen von getrockneten Kräutern mitgebe. Die restlichen Lagen bestehen meist aus Kalkstein, auf denen Burgunder und zu einem kleinen Teil der übliche bunte Rebsortenstrauß Rheinhessens wachsen.

Wenn Wein der zweifelsfreie Beweis für die göttliche Menschenliebe ist, dann ist Riesling sein zuverlässigster Kronzeuge. Die Liebe zur deutschen Urtraube war es auch, die den neuseeländischen Winzersohn Jeremy Bird an den Rhein lockte, an dem er dann zusätzlich zu Christine Huff in Liebe entbrannte, sie heiratete, ihren Namen annahm, mit ihr zwei Töchter zeugte und jetzt gleichfalls Weine im Huffschen Keller keltert, naturgemäß Sauvignon Blanc, aber auch Scheureben und Rotwein-Cuvées.

Wo der Trinkspaß am größten ist

Die Chefin bleibt gleichwohl Christine Huff, deren Zuneigung zu ihren Reben nur von jener zu ihren Töchtern übertroffen wird. Wenn man mit ihr durch ihre Weinberge fährt, erklärt sie nicht nur jede einzelne Parzelle mit größter Hingabe, sondern hält auch eigens an einem kümmerlichen Rebstöcklein an, das sie im Hitzesommer 2018 schon todgeweiht wähnte und jetzt doch wieder austreibt. „Das ist mein Lieblingsstock“, sagt sie voller Zärtlichkeit, und spätestens in diesem Moment glaubt man ihr aufs Wort, wenn sie versichert, sich nirgendwo wohler zu fühlen als im Weinberg.

„Wenn ich die Wahl habe zwischen einer Messe und dem Berg, gehe ich immer zu meinen Reben“, sagt die Winzerin, die mindestens zehn Gänge pro Saison durch ihre Wingerte unternimmt und dabei jedem einzelnen Rebstock eine individuelle Behandlung bei Laubschnitt oder Düngung gönnt. Die entscheidende Arbeit am Wein, so ihr Credo, müsse im Berg gemacht werden. Im Keller gehe es dann nur noch darum, sich die Früchte dieser Arbeit nicht zu versauen.

Sauerei ist nicht ganz der adäquate Begriff, um die Früchte von Christine Huffs Arbeit zu beschreiben. Sie keltert blitzsaubere Terroir-Weine, die handwerklich höchsten Ansprüchen genügen, dabei vollkommen auf Pomp, Effekthascherei, Geschwätzigkeit verzichten und – nichts liegt uns übrigens ferner, als Ehekrisen im Hause Huff heraufzubeschwören – noch ein wenig eleganter sind als die Weine von Jeremy Huff-Bird.

Ihre Ortsweine wie der Schwabsburger Riesling oder sein Niersteiner Bruder vom Rotliegenden sind glasklare Gewächse mit einer derart charakterstarken Mineralität, dass man manchmal meinen könnte, an einem Salzstein zu lecken. Der Niersteiner Grauburgunder wiederum hat nichts von der fetten Aufdringlichkeit, die man bei dieser Traube so häufig findet, sondern ist ein filigraner, zurückhaltender und doch ungemein intensiver Wein, wie ihn vielleicht nur Frauen machen können.

Am größten ist der Trinkspaß aber bei den Lagenweinen. Der Rabenturm Riesling hat alles an Kraft, Aroma und Mineralität herausgesogen, was im Rotliegenden des Roten Hangs steckt, und bleibt dennoch ein hochkonzentriertes, geradliniges Gewächs ohne jede barocke Opulenz. Der Riesling von der Schwabsburger Spitzenlage Orbel ist noch schlanker, weil es in Schwabsburg minimal kälter ist als an der Rheinfront, verblüfft dann aber mit herrlichen Maracuja-Aromen.

Und der Pettenthal Riesling ist so dicht wie ein Jus aus Trauben, voller Petrol und Weinbergpfirsich, von einer wohlwollend strengen Säure im Zaum und in Form gehalten, ein Wein, der es mit jedem Großen VdP-Gewächs aufnehmen kann, ein Liebesbeweis, der keiner weiteren Worte bedarf.

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