Pariser Modewoche: Duell der Luxuskonzerne

Published 25/09/2018 in Mode & Design, Stil

Pariser Modewoche: Duell der Luxuskonzerne
Wie in einem Nachtclub der achtziger Jahre: Models der Gucci-Show auf der Paris Fashion Week

Der erste Tag der langen Pariser Prêt-à-porter-Woche ist der wichtigste. Denn es geht los mit einem Duell von zwei besonders stilprägenden Häusern – mit Dior und Gucci.

Und dann singt Jane Birkin. Sie steht einfach von ihrem Stuhl auf, im legendären Theater Le Palace an der Rue du Faubourg-Montmartre, und setzt an zu „Baby Alone in Babylone“. Man war eigentlich schon sprachlos, nach diesem Aufgebot an Federn, nach den mit Kristallen besetzten Lendenschürzen, dem Sturm aus Lurex und Glitzer an diesem Montagabend. Von dem Look aus violettem Leder und dem Janis-Joplin-Verschnitt, der gerade an einem vorbeigezogen ist. Von dem Mickey-Mouse-Kopf, den ein anderes Model so in der Hand trägt, wie in der Saison zuvor jemand auf seinem Laufsteg die Nachbildung eines menschlichen Kopfes dabei hatte. Nur, dass Alessandro Michele es dieses Mal noch mal toppt mit seinen Referenzen. In einer kleinen Presserunde nach der Schau sagt er selbst, dass er müde ist. Er reibt sich die Augen, damit sie nicht zufallen.

Mit dieser Welt ist der Gucci-Kreativdirektor natürlich ganz bei sich und trotzdem woanders, weil er sie eben nicht in Mailand ausbreitet, sondern in Paris. Der Montag, der erste einer neun Tage dauernden Prêt-à-porter-Woche ist somit gleich mal der wichtigste. Denn es ist auch jener, an dem es die zwei französischen Luxuskonzerne LVMH und Kering locker auf ein Duell ankommen lassen. Eins, das hier zwischen den Marken Gucci, die zu Kering gehört, und Dior, Teil von LVMH, ausgetragen wird. Es sind jene zwei Marken, die für ihren Konzern aktuell die Mode bestimmen wie sonst keine andere im jeweiligen Portfolio. Maria Grazia Chiuri, Kreativdirektorin von Dior, hat das geschafft, indem sie ihrem Haus ein radikales Frauenprogramm auferlegt hat. Es wurde recht schnell weitergereicht: Überall auf der Welt tragen Frauen seitdem T-Shirts mit feministischen Sprüchen, ohne dass sie von Dior sind. Mit ihrer Arbeit hat Mode in den vergangenen Jahren zumindest den Ansatz einer politischen Dimension bekommen.

„Tanzt. Tanzt. Ansonsten sind wir verloren“

Montagnachmittag, geht es also in die erste Runde dieses Wettkampfes, passenderweise auf dem Gelände der Pferderennbahn Longchamp. Die Sprüche an den Wänden des Schauentheaters von Dior sind so eindringlich, wie es sich für dieses Haus gehört: „Tanzt. Tanzt. Ansonsten sind wir verloren“, ein Zitat von Pina Bausch. Oder: „Die Geschichte kommt vom Inneren des Körpers.“ Das hat die israelische Choreographin Sharon Eyal gesagt, und sie und ihre Kompagnie tanzen hier wirklich zur Mode auf dem Laufsteg, den man so gesehen als Bühne begreifen muss. Diese Kollektion setzt sich natürlich mit Frauen auseinander. Es ist ihr Thema. Aber dieses Mal sind es Tänzerinnen. Die Models tragen nicht nur lockerere Versionen der Bar-Jacke, darüber Umhängetaschen, sondern auch Netzstoff und Röcke, die selbst wenn sie aufwändig bestickt sind, an die Requisiten erinnern, die diesen selbstverständlichen Ballett-Look ausmachen.

Es ist die erste Kür an diesem Tag. Nur hat ein paar Stunden später eben gerade Jane Birkin gesungen, und das ist wahrlich nicht das Ende des Stückes, das Alessandro Michele hier ganz allein zu choreographieren scheint. Sein überladener Mix der Referenzen ist die zweite große Veränderung der Mode der vergangenen Jahre, und in den Schauspielern Leo de Berardinis und Perla Peragallo, zwei Figuren des Experimentellen Theaters, hat er Menschen gefunden, die ihm auf gruselige Weise ähnlich sind. Bevor es mit dieser absurd schönen Mode losgeht, zeigt Michele einen Kurzfilm: ein Horrorhaus irgendwo weit draußen, die Frau schreit und krampft und trägt ein Kleid, das aussieht, als hätte er es gemacht, Alessandro Michele. Nur ist der Film von 1970 und die Ära Michele gerade mal drei Jahre alt. Er sei erst vor kurzem auf das Material gestoßen.

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„Ich wollte nicht im Louvre zeigen“, sagt er nach der Schau, und man kann das durchaus als Seitenhieb an die Leute von LVMH verstehen, die für Louis Vuitton eben schon öfter das berühmteste Museum der Welt gebucht haben. „Dieses kleine Theater steht nicht für diese französische Größe. Es ist ein Ort, an dem normalere Dinge passieren. Deshalb war hier für mich mehr Leben.“ In seinen besten Zeiten als Nachtclub, in den siebziger und achtziger Jahren, hätten einige Charaktere dieses Designers hier ja tatsächlich so aufschlagen können.

Alessandro Micheles Welt ist natürlich trotzdem überirdischer und unterirdischer zugleich. Menschen bedienen sich gegen sehr viel Geld daran, nehmen Stücke raus wie aus einem Setzkasten. Der Designer füllt ihn ständig neu auf, mit frischen Ideen. Körperliche Entbehrung scheint ein Symptom zu sein, mit dem er zu leben hat. Ob er Angst habe, dass diese Zeit irgendwann vorbei sein könnte, fragt jemand aus der Presserunde an diesem Abend. „Ich habe vorher etwas gemacht, mit dem ich genauso glücklich war“, antwortet Michele. „Wovor ich Angst habe, ist nicht mehr das machen zu können, was ich liebe.“

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