Wahlen in Brasilien: Die Entzauberung des „Mythos“

Published 01/10/2018 in Ausland, Politik

Wahlen in Brasilien: Die Entzauberung des „Mythos“
„Ele não“: Proteste gegen Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro in Brasilien

Eine Woche vor dem ersten Wahlgang in Brasilien regt sich auf breiter Front Widerstand gegen den rechtsradikalen Kandidaten Jair Bolsonaro, der weiterhin die Umfragen anführt. Der Angriff kommt reichlich spät – und hilft vor allem einem.

„Ele não“ schreit derzeit halb Brasilien – „er nicht“. Gemeint ist der rechtsradikale Präsidentschaftskandidat Jair Bolsonaro. Am Wochenende gingen in zahlreichen Städten des Landes Zehntausende auf die Straßen, um gegen den 63 Jahre alten Abgeordneten aus Rio de Janeiro zu demonstrieren, der in der Vergangenheit durch etliche frauenverachtende, rassistische und homophobe Äußerungen aufgefallen war. Die Demonstrationen wurden von Frauen und linken Bewegungen angeführt, zogen jedoch Manifestanten bis weit in die politische Mitte an. Auch in anderen Ländern kam es zu kleineren Kundgebungen gegen Bolsonaro. In den Tagen zuvor hatte sich der Widerstand gegen Bolsonaro in den sozialen Netzwerken verstärkt. An der Kampagne gegen Bolsonaro beteiligte sich auch eine Reihe von Künstlerinnen. Sie stellten sich in Videos öffentlich gegen den Kandidaten, den die als Gefahr für die Demokratie und eine offene Gesellschaft sehen.

Auch von anderer Seite wurde das Feuer gegen Bolsonaro eröffnet. Der konservative Kandidat Geraldo Alckmin, der vor der Wahl als Favorit gehandelt wurde, jedoch viele Wähler an Bolsonaro verloren hat und in Umfragen nur an vierter Stelle liegt, ist zum offenen Angriff übergegangen. In den vergangenen Tagen druckten zudem mehrere Zeitungen und Zeitschriften in Brasilien Berichte, die den rechtsradikalen Kandidaten in Erklärungsnot bringen. So soll Bolsonaro, dem das Image eines Saubermanns anhaftet, beispielsweise dem Obersten Wahlgericht nicht sein gesamtes Vermögen deklariert haben. Wellen schlug auch ein Artikel der Zeitschrift „Veja“ über die Scheidung zwischen Bolsonaro und seiner früheren Ehefrau. Während des Prozesses soll diese Bolsonaro unter anderem beschuldigt haben, übermäßig aggressiv gegen sie gewesen zu sein. Heute bestreitet sie das und beteuert, er sei immer ein guter Ehemann und Vater gewesen.

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Tumultartige Szenen im Flugzeug

Bolsonaro war vor drei Wochen während eines Kampagnenanlasses von einem Mann mit einem Messer schwer verletzt worden und musste mehrmals operiert werden. Am Samstag konnte er das Krankenhaus verlassen. Laut Augenzeugenberichten soll es im Linienflug, der Bolsonaro von São Paulo nach Rio de Janeiro brachte, zu tumultartigen Szenen gekommen sein. Zwei Passagiere weigerten sich, im selben Flugzeug wie Bolsonaro zu reisen – einer aus Protest, der andere aus Angst vor einem neuerlichen Anschlag auf den Kandidaten. Noch ist unklar, ob Bolsonaro an der letzten Fernsehdebatte im wichtigsten brasilianischen Sender TV Globo teilnehmen wird, die am kommenden Mittwoch stattfinden wird.

So oder so dürfte an Bolsonaros Einzug in die Stichwahl kaum noch etwas zu rütteln sein. Wenige Tage vor dem ersten Wahlgang am kommenden Sonntag liegt der von seinen Anhängern als „Mythos“ verehrte Abgeordnete und Hauptmann der Reserve, der die brasilianische Militärdiktatur als eine glorreiche Zeit verherrlicht, in den Umfragen weiterhin mit 28 Prozent in Führung. Die Entzauberung des „Mythos“ in den traditionellen Medien und sozialen Netzwerken kommt deshalb reichlich spät. Seine treuen Anhänger sind ohnehin gegen die Berichterstattung in den traditionellen Medien resistent. Sie bezeichnen die Enthüllungen der Presse als „Fake News“ oder als eine Kampagne des Establishments, die um ihr politisches Überleben fürchte.

Der Profiteur der Kampagne gegen Bolsonaro ist jedoch nicht der bevorzugte Kandidat dieses Establishments, der konservative Geraldo Alckmin, sondern Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei PT. Haddad hat nach Bolsonaro die besten Aussichten auf den Einzug in die Stichwahl – und in einer Stichwahl gegen Bolsonaro zudem gute Chancen auf einen Sieg. Haddad ist der Ersatzkandidat für den früheren Präsidenten Lula da Silva, der aufgrund einer Verurteilung wegen Korruption und Geldwäsche nicht zur Wahl zugelassen wurde. Trotzdem ist Lula da Silva wahlentscheidend, da er weiterhin die Sympathien vieler brasilianischer Wähler genießt, die nun Haddad zugute kommen. Lula da Silva wie Bolsonaro gehören zu den Politikern mit der höchsten Ablehnung in Brasilien, was im Hinblick auf eine mögliche Stichwahl zwischen Bolsonaro und Haddad einen äußerst zugespitzten Wahlkampf verspricht. Die Stimmen der Frauen könnten am Ende entscheidend sein. 47 Prozent der Frauen würden sich in einer Stichwahl laut einer aktuellen Umfrage für Haddad aussprechen, jedoch nur 30 Prozent für Bolsonaro.

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