Wo sind die Vögel Neuseelands?: Der große Hunger im Vogelparadies

Published 16/09/2018 in Leben & Gene, Wissen

Wo sind die Vögel Neuseelands?: Der große Hunger im Vogelparadies
Die großen Adler haben auf Neuseeland genau so wenig überlebt wie die Moas (künstlerische Darstellung von John Megahan).

Jahrtausende hatten die Tiere auf Neuseeland eine kleine Welt für sich. Dann machten die Maoris ihnen den Garaus. Fossile DNA liefert neue Einblicke in die einstige Artenvielfalt.

Das Zeitalter tonnenschwerer Dinosaurier, Flugsaurier und ähnlich imposanter Reptilien ging vor rund 65 Millionen Jahren abrupt zu Ende. Von diesem Artensterben profitierten langfristig die Säugetiere. Auf allen Kontinenten außer der allzu frostigen Antarktis entwickelten sie eine reichhaltige Fauna. Auch größere Inseln beherbergten eine Fülle verschiedenartiger Säugetiere. Mit Ausnahme von Neuseeland: Vögel – genau genommen also die letzten Nachfahren der Dinosaurier – besetzten hier die ökologischen Nischen, in denen sich sonst Säuger tummelten: Statt Mäusen huschten winzige Sperlingsvögelchen über den Waldboden, statt Huftieren machten sich massige Moas über die Pflanzenwelt her. Auf Neuseelands Inseln haben mehr Vogelarten als irgendwo sonst auf der Erde die Fähigkeit zu fliegen verloren, denn kraftvolle Schwingen erwiesen sich hier oft als überflüssig.

Von Gondwana, dem riesigen Südkontinent des Erdmittelalters, aus dem später die Antarktis, Australien, Südamerika, Afrika und Indien hervorgingen, hat sich Neuseeland als Erstes abgespalten. Nie wieder durch Landbrücken mit anderen Regionen verbunden, erlaubten die abgelegenen Inseln eine individuelle Evolution: Bevor eine Gruppe von Polynesiern vor etwa 750 Jahren auf Neuseeland Fuß fasste, waren dort außer ein paar Fledermäusen keinerlei Säugetiere unterwegs. Ein recht kühles Klima und dichte Wälder waren für die Neuankömmlinge, deren Nachfahren sich Maori nannten, sicher befremdlich. Doch das Meer ringsum bot einen reich gedeckten Tisch, und an Land entpuppte sich Neuseeland als regelrechtes Schlaraffenland für Liebhaber von Geflügel.

Analyse der Küchenabfälle liefert Ergebnisse

Um herauszufinden, was bei Neuseelands Entdeckern auf dem Speiseplan stand, haben australische und neuseeländische Wissenschaftler deren Küchenabfälle studiert. Dass Überreste der Jagdbeute oft als undefinierbare Knochensplitter daherkommen, ist ein altbekanntes Problem. Die Forscher um Frederik Seersholm von der Curtin University in Bentley und Theresa Cole von Manaaki Whenua Landcare Research in Lincoln untersuchten solche Fragmente deshalb nicht einzeln. Stattdessen nahmen sie aus den Müllhaufen der frühen Maori jeweils Hunderte von winzigen Knochenproben. Zusammen zu Pulver zermahlen, lieferte dieses Gemisch dann reihenweise aufschlussreiche DNA.

Bei ihren Analysen ging es den Biologen stets um die Erbsubstanz der Mitochondrien. Diese Organellen liefern chemische Energie für den Stoffwechsel und sind in den meisten Zellen zahlreich vorhanden. Dass es so viele Kopien ihres genetischen Inventars gibt, vergrößert die Chance, bestimmte Abschnitte auch nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden intakt vorzufinden. Anhand einschlägiger Datenbanken ließ sich solche DNA dann einzelnen Spezies zuordnen. In 21 alten Abfallhaufen und 15 noch älteren, zum Vergleich herangezogenen Ansammlungen von Knochenfragmenten konnten Seersholm und seine Kollegen mit diesem Verfahren 110 Tierarten identifizierten.

Dabei stellte sich heraus, dass die Maori wie erwartet häufig Fisch aßen. Das war sicher schon bei ihren weitgereisten Vorfahren üblich. Gewöhnlich wohnen auf kleinen Inseln fleißige Fischer. Wie die Forscher in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, stammten diverse Säugetiere, deren Knochen im Müll der Maori gelandet waren, ebenfalls aus dem Meer: Einmal wurde in dem jahrhundertealten Abfall Erbmaterial des Finnwals entdeckt und des Südkapers. Beide Bartenwale waren wohl auch für ambitionierte Fischer ein paar Nummern zu groß. Wahrscheinlich wurden gestrandete Wale ausgeschlachtet. Man holte sich dort, was man brauchen konnte, nicht nur Fleisch und Fett, sondern auch Knochen, aus denen sich Schmuckstücke und Werkzeug schnitzen ließen. Delphine und andere kleine Wale könnten ebenfalls gestrandet sein, ehe sie den Maori in die Hände fielen. Womöglich wurden sie aber auch mit Booten in flaches Wasser getrieben und dort mit Harpunen getötet.

See-Elefanten, Seelöwen und Seebären als Leibspeise

Weitaus häufiger in den Küchenabfällen nachzuweisen waren See-Elefant (Mirounga leonina), Seelöwe (Phocarctos hookeri) und Seebär (Arctocephalus forsteri). Diese Robben wurden vermutlich dort erlegt, wo sie ihre Jungen zur Welt brachten. Mit der Folge, dass an Neuseelands Küsten bald keine See-Elefanten mehr lebten. Die Seebären wurden nicht gar so stark dezimiert. Den Seelöwen stellten die Maori zumindest so eifrig nach, dass sie von den Hauptinseln verschwunden waren, als sich die ersten Europäer dort umschauten.

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