Schlankheitswahn in Japan: Kinder wie Basketbälle

Published 14/09/2018 in Leben & Gene, Wissen

Schlankheitswahn in Japan: Kinder wie Basketbälle
Der gesellschaftliche Druck, schlank zu sein, lastet besonders schwer auf Japanerinnen.

Frauen nehmen während einer Schwangerschaft an Gewicht zu. Immer mehr Japanerinnen versuchen das jedoch mit Diäten zu vermeiden, was vor allem den Neugeborenen schadet.

Japan könnten bald zwei Entwicklungen zu schaffen machen, zum einen, dass jede fünfte Japanerin zwischen 20 und 30 Jahren magersüchtig oder grenzwertig magersüchtig ist und zum anderen dass der Anteil der Neugeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 2,5 Kilogramm seit 1980 zunimmt. Heute hat jedes zehnte japanische Kind ein geringes Geburtsgewicht, vor vierzig Jahren jedes zwanzigste. Die Epidemiologin Naho Morisaki vom „Nationalen Zentrum für Kindergesundheit und Entwicklung“ in Tokio befürchtet, dass dieses Geschehen der öffentlichen Gesundheit schaden wird und dass Japan in Zukunft mit einer wachsenden Krankheitslast und einer sinkenden Lebenserwartung zu rechnen hat. Kinder, die mit einem geringen Geburtsgewicht zur Welt kommen, erkranken später eher an Diabetes und Bluthochdruck als normalgewichtige Neugeborene. Bei der Lebenserwartung steht das Land derzeit auf Platz drei hinter San Marino und Hongkong.

Das Bild, das Schwangere in Japan von sich haben, sei das einer sehr schlanken Frau, die das Kind wie einen riesigen Basketball vor sich hertrage, sagte Morisaki gegenüber der Zeitschrift „Science“. Deren Asien-Korrespondent Dennis Normile berichtet in der neuesten Ausgabe über den Schlankheitswahn der Japanerinnen . Viele beginnen eine Schwangerschaft mit Untergewicht. Die Hälfte der Schwangeren möchte auch weniger als die empfohlene Menge an Gewicht zunehmen. Das hat unlängst eine Befragung von Naho Morisaki und ihren Kollegen gezeigt.

Keinerlei Nutzen, nur lebensgefährlich

Dabei ist die empfohlene Gewichtszunahme für Schwangere in Japan ohnehin niedriger als in Deutschland oder in den Vereinigten Staaten. In Japan sollen untergewichtige Frauen neun bis zwölf Kilogramm zunehmen, hierzulande 12,5 bis 18 Kilogramm. Die japanischen Behörden machen trotz der wachsenden Zahl an leichtgewichtigen Neugeborenen keine Anstalten, diese Empfehlungen zu revidieren. Laut der Befragung erhoffen sich Japanerinnen von einer geringeren Gewichtszunahme eine geringere Komplikationsrate bei der Geburt und dass sie nach der Einbindung schneller ihr Ausgangsgewicht zurückerlangen. Beides trifft nicht zu. Die Restriktion hat also keinerlei Nutzen, sondern gefährdet nur das Kind.

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In Japan fällt noch eine weitere Entwicklung auf. Die Menschen schrumpfen dort. Waren japanische Männer 1979 noch durchschnittlich 171,5 Zentimeter groß, sind sie heute 0,7 Zentimeter kleiner. Frauen sind mit durchschnittlich 158,3 Zentimeter heute 0,2 Zentimeter kleiner als vor vierzig Jahren. Der Rückgang der Körpergröße sei behutsam, aber nicht zu leugnen, schreibt Dennis Normile in „Science“. Wenn die Körpergröße so weiterschrumpft wie bisher, werden die im Jahr 2014 geborenen japanischen Jungen durchschnittlich 170 Zentimeter groß sein, die Mädchen 157,9 Zentimeter.

Magersucht in Deutschland

Weil die Medien in Japan diese Entwicklungen zunehmend thematisieren, rechnen viele mit einer Änderung, allerdings nicht hin zu einem gesünderen Ausgangsgewicht und der gebotenen Gewichtszunahme während der Schwangerschaft, sondern zu mehr Fitness. Die Devise könnte dann heißen: nicht schlank, sondern sportlich durch die Schwangerschaft.

In Deutschland haben laut dem Mikrozensus aus dem vergangenen Jahr 12,2 Prozent der 18 bis 20 Jahre alten Frauen einen Body-Mass-Index an der Grenze zur Magersucht, in der Gruppe der 20- bis 25-Jährigen sind es 8,4 Prozent und bei den 25- bis 30-Jährigen sechs Prozent. Vielleicht sollte auch in Deutschland mehr über die Risiken einer Schwangerschaft bei grenzwertigem mütterlichen Körpergewicht gesprochen werden.

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