Abbiegeassistenten: Wie lässt sich die Todesgefahr durch abbiegende Lastwagen eindämmen?

Published 10/07/2018 in Unternehmen, Wirtschaft

Abbiegeassistenten: Wie lässt sich die Todesgefahr durch abbiegende Lastwagen eindämmen?
Vorsicht, Radfahrer: Nur Spiegel helfen nicht genug, nun sollen elektronische Assistenzsysteme installiert werden.

Um die Einführung von Abbiegeassistenten für Laster wird politisch gerungen. Doch das generelle Interesse der Kunden ist gering…

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat für diesen Dienstag Akteure der Lasterbranche und Verkehrspolitik nach Berlin eingeladen: Spediteure, Vertreter von Logistikverbänden, Herstellern, Zulieferern, Radfahr- und Verkehrssicherheitsverbände, auch technische Prüfdienste und Verkehrspolizisten. Nach einer Serie tödlicher Radfahrunfälle in den vergangenen Monaten beim Abbiegen von Lastern im toten Winkel soll ein politisches Signal zur verpflichtenden Einführung von elektronischen Abbiegeassistenten in den Lastwagen gesendet werden. Solche Systeme warnen die Fahrer mit einem Ton, wenn sich ein Fußgänger oder Radfahrer neben dem Fahrzeug befindet.

Doch so einfach ist das nicht. Eine Einführung bedarf europäischer Abstimmung. Und nicht nur da hakt es regelmäßig. „Die deutsche Politik ist das Thema in der internationalen Abstimmung in der Vergangenheit leider nicht besonders offensiv angegangen. Das gilt auch für optimale Bremsassistenten in Lastern und Bussen“, sagte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), der F.A.Z. „Wenn alle Lastwagen einen solchen elektronischen Abbiegeassistenten hätten, könnten jährlich rund 200 Unfälle mit getöteten oder schwer verletzten Radfahrern verhindert werden.“

Unter Scheuers Vorgängern im Amt des Verkehrsministers, den CSU-Parteifreunden Alexander Dobrindt und Peter Ramsauer, wurde das Thema offenbar links liegengelassen. Währenddessen nimmt der Verkehr in Städten immer mehr zu – und die Zahl der Radfahrer steigt. Im Juni starb in Berlin ein Achtjähriger auf dem Weg zur Schule, als ihn ein Lastwagenfahrer übersah. Tödliche Unfälle gab es auch in Köln, Leipzig und Hannover. Zwar wurde eine Gesetzesinitiative zur Einführung von Abbiegeassistenten im Koalitionsvertrag der Bundesregierung festgelegt, doch könnte Deutschland gar nicht allein solche Systeme an Bord von Lastern festschreiben. Das wäre nur der EU möglich, welche wiederum die Verhandlungen der Arbeitsgruppe der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen (UNECE) in Genf überlässt. Dieses Verfahren hat sich durchgesetzt, weil für die Hersteller im gesamten europäischen Raum (bis zur Türkei oder Republik Moldau) einheitliche Regeln gelten sollen. Doch nicht jede Nation unterstützt strengere Richtlinien – und so zieht sich der Entscheidungsprozess wie Kaugummi.

Die UNECE schreibt auf Anfrage in einer Mail, dass derzeit die Experten diskutierten, für welche Fahrzeugkategorien die Regelungen zum Abbiegeassistenten gelten sollten. Laut der Genfer Arbeitsgruppe würden die Deutschen eine Installation der Systeme für Lastwagen mit einer Tragfähigkeit von mehr als 8 Tonnen vorschlagen. Andere Länder seien der Ansicht, dass dies für mehr Kategorien von Fahrzeugen gelten müsste, auch kleinere. Frühestens im November oder Dezember 2019 könnte eine neue Verordnung in Kraft treten – wenn sich in den nächsten Monaten alle schnell einig werden sollten. UDV-Leiter Brockmann rechnet damit, dass aufgrund der üblichen Übergangsfristen eine Regelung für den verpflichtenden Abbiegeassistenten wohl erst in fünf Jahren in Kraft treten wird. Zehn Jahre dürften vergehen, bis alle Lastwagen das System an Bord hätten. „Deshalb müssen jetzt unbedingt nachrüstbare Systeme vorangebracht werden. Aber da hakt es bei den Herstellern. Sie sind aufgerufen, willigen Spediteuren Abbiegeassistenten anzubieten.“

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