Reiner Haseloff: „Viele Menschen in den neuen Ländern sind verunsichert“

Published 14/05/2018 in Inland, Politik

Reiner Haseloff: „Viele Menschen in den neuen Ländern sind verunsichert“
Viele Ostdeutsche haben schon einmal das Scheitern eines Staates erlebt: ein verwitterter Grenzpfosten der DDR in Hötensleben (Sachsen-Anhalt).

28 Jahre nach der Einheit fühlen sich viele in den neuen Ländern abermals vom sozialen Abstieg bedroht. Ob diese Ängste berechtigt sind oder nicht, die Politik muss sie ernst nehmen. Ein Gastbeitrag.

Deutschland geht es gut. Die deutsche Wirtschaft wächst, und die Prognosen für dieses Jahr sind erfreulich. Die Zahl der Beschäftigten hat ein Rekordniveau erreicht, die Arbeitslosigkeit geht immer mehr zurück. Vielen Menschen geht es wirtschaftlich so gut wie noch nie. Ihr Lebensstandard ist im internationalen Vergleich sehr hoch. In Deutschland lässt sich gut leben. International werden wir von vielen beneidet.

Aber dieser Blick von außen unterscheidet sich doch merklich von der Binnenperspektive. Die eigenen Bürgerinnen und Bürger geben Deutschland schlechtere Noten. Woran liegt das? Oft wird die eigene Situation nicht mit der anderer Menschen außerhalb des eigenen Landes verglichen. Es fehlt schlicht an Informationen über die Lebenswirklichkeit jenseits der deutschen Grenzen. Es kommt hinzu, dass die von außen wahrgenommenen positiven Dinge wie wirtschaftliche und politische Stabilität hierzulande selbstverständlich sind. Drittens wird die Politik oft an einem Ideal gemessen, das sie unmöglich erreichen kann. Den gerechten Staat, der keine Armut mehr kennt und der die demokratiegefährdenden Ungleichheiten des Marktes beseitigt, wird es nie geben können. Er bleibt eine Utopie. Mit anderen Worten: Das Positive wird zu wenig gewürdigt und das Negative umso mehr kritisiert. Diese Tendenz wird mitunter auch von den Medien befeuert. Das „Normale“ und „Alltägliche“ findet in der Berichterstattung eher selten statt. Es fehlt auch an einem Resonanzraum. Der Soziologe Niklas Luhmann beobachtete schon vor Jahrzehnten „ein hohes Maß an Reflexivität – Berichte in den Medien berichten über Berichte in den Medien“.

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