Nach Anschlägen in Indonesien: Terror ganzer Familien

Published 15/05/2018 in Ausland, Politik

Nach Anschlägen in Indonesien: Terror ganzer Familien
Innerhalb von nur zehn Minuten sprengte sich die gesamte Familie in die Luft. Sogar die beiden Töchter trugen Sprengstoffgürtel.

Am frühen Sonntagmorgen begaben sich sechs Mitglieder einer Familie aus Indonesien aus ihrem Haus. Ihre Mission: Möglichst viele Menschen mit sich in den Tod zu reißen. Vor ihren Anschlägen jedoch führte die Familie in ihrer Heimatstadt ein unauffälliges Leben.

Bevor die indonesische Familie mehrere Anschläge auf Kirchen verübte, führte sie in ihrer Heimatstadt ein unauffälliges Leben. Der Vater war ein Geschäftsmann, der sein Geld mit dem Verkauf von Gewürzölen verdiente, darunter die Sorten Schwarzkümmel, Sesam und Haselnuss. Seine Ehefrau war eine ausgebildete Krankenschwester. Auf Facebook hatte sie einst eine Vorliebe für die Cartoons von „Tom und Jerry“ gezeigt. Das Ehepaar hatte vier Kinder, zwei Söhne im Alter von 16 und 18 Jahren, sowie zwei Töchter im Alter von neun und zwölf. Nachbarn erzählten, dass die Familie muslimisch gewesen sei, so wie die meisten Indonesier. Sie habe aber keine extremen Ansichten gezeigt.

Auf Fotos ist eine Mittelklassefamilie zu sehen, mit zwei verschmitzt lächelnden Söhnen und zwei Mädchen mit roten Kopftüchern. Die Tat der Familie ist deshalb besonders schwer zu fassen. Am frühen Sonntagmorgen begaben sich die sechs Mitglieder der Familie aus ihrem Haus. Ihre Mission: Möglichst viele Menschen mit sich in den Tod zu reißen. Auf Motorrädern, im Auto und zu Fuß nahmen sie drei christliche Gotteshäuser in Surabaya ins Visier. Innerhalb von nur zehn Minuten sprengte sich die gesamte Familie in die Luft. Sogar die beiden Töchter trugen Sprengstoffgürtel.

Nach dem Anschlag waren 14 Menschen tot und mehr als 40 verletzt. Dabei blieb es allerdings nicht. Am Montag folgte wieder ein Anschlag, diesmal auf das Polizeihauptquartier von Surabaya. Und wieder war es eine ganze Familie, die zum Mittel der erweiterten Selbstmordattacke griff. Auch diesmal waren Kinder beteiligt, von denen nur ein achtjähriges Mädchen überlebte. Insgesamt kamen vier Menschen ums Leben. Darüber hinaus war bei den Vorbereitungen womöglich auch noch eine dritte Familie involviert. Sie wurde entdeckt, als am Sonntagabend in einer Wohnung offenbar versehentlich ein Sprengsatz explodierte. Die Mutter und ein Kind wurden dabei getötet. Der Vater wurde von Polizisten erschossen, als sie die Wohnung stürmten.

Die „Mutter Satans“

Die Anschlagsserie in der ostjavanischen Stadt wirft nicht nur die Frage auf, wie Eltern es übers Herz bringen können, ihre minderjährigen Kinder so in den Tod zu führen. Sondern auch, ob damit eine neue Methode für Selbstmordattentate ausprobiert wird. In Indonesien ist der Kollektivanschlag im Familienverbund ein neues Phänomen. Während im Nahen Osten Frauen und Kinder schon Anschläge verübt haben, waren sie in Indonesien bisher nur passiv beteiligt. Meist verübten dort junge Männer die Anschläge – allein oder in Gruppen.

Allerdings hat die Terrormiliz „Islamische Staat“ (IS) zuletzt dazu aufgerufen, Frauen und Kinder einzusetzen. Denn sie erregen weniger Misstrauen. Dass der IS hinter den Anschlägen steckt, daran hat die indonesische Polizei keine Zweifel. Ihr zufolge sollen die drei Familien zu einer Zelle der indonesischen Terrororganisation Jemaah Ansharut Daulah (JAD) gehören, die Kontakte zum IS pflegt. Laut Polizeichef Tito Karnavian hatte die Familie, die am Montag das Polizeihauptquartier angegriffen hatte, sogar direkte Anweisungen vom IS erhalten. Sie sollte Vergeltung für die Inhaftierung führender JAD-Terroristen üben. Die Familie, die für die Bombenserie am Sonntag verantwortlich sein soll, war vor einiger Zeit nach Syrien gereist, um sich dem IS anzuschließen. Später reiste sie in die Türkei, wurde verhaftet und ausgewiesen. Danach sei der Vater Anführer der örtlichen JAD-Zelle geworden.

Den als „Mutter Satans“ bezeichneten Sprengstoff, der bei den Anschlägen in Surabaya zum Einsatz kam, nutzen Terroristen des IS zudem häufig. All das nährt die Befürchtung, dass IS-Rückkehrer weitere Anschläge in Indonesien verüben könnten. Der indonesische Präsident Joko Widodo rief deshalb das Parlament dazu auf, die von ihm lange geplanten verschärften Anti-Terrorgesetze zu verabschieden. Sie erlauben der Polizei präventive Maßnahmen gegen Terroristen. Menschenrechtler kritisieren die Gesetze. Angesichts der Anschlagsserie drohte Widodo sogar damit, eine Notstandsverordnung zu erlassen, sollten die Gesetze nicht verabschiedet werden.

Die Behörden rechnen mit weiteren Anschlägen und auch damit, dass sich Frauen und Kinder daran beteiligen, vielleicht sogar ganze Familien. Über die Attentäter, die am Montag den Anschlag auf das Polizeihauptquartier verübten, ist bisher nicht viel bekannt. Wie es hieß, waren neben den Eltern zwei Söhne und eine acht Jahre alte Tochter beteiligt. Die fünf waren gegen 8.50 Uhr auf zwei Motorrädern an den Kontrollpunkt vor der Polizeistation gefahren und hatten eine Bombe gezündet. Gut möglich, dass die Nachbarn den nun anrückenden Journalisten bald das Gleiche erzählen werden wie über die erste Familie: Dass sie ganz unauffällig gewesen sei.

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