Schlafentzug bei Politikern: Das musste ja schiefgehen!

Published 19/02/2018 in Medizin & Ernährung, Wissen

Schlafentzug bei Politikern: Das musste ja schiefgehen!
Die Kanzlerin, heißt es immer, würde Schlafmangel gut wegstecken. Experten haben da so ihre Zweifel.

Seit einem halben Jahr kommt die Politik nicht zur Ruhe: Immer wieder wird die ganze Nacht hindurch verhandelt. Schlafmediziner Ingo Fietze erklärt im F.A.S.-Interview, warum die Beteiligten dann nicht mehr ganz zurechnungsfähig sind.

Herr Professor Fietze, Frau Merkel hat in den langen Groko-Verhandlungsnächten angeblich leichtfertig Ministerien verschenkt, Martin Schulz die eigene Karriere vor die Wand gefahren. Da kann man sich schon die Frage stellen: Wie zurechnungsfähig ist der Mensch eigentlich, wenn er 24 Stunden am Stück über das Schicksal der Nation streitet?

Er ist eben nicht fit, und dann kommt da so etwas bei raus. Kein Mensch würde nachts um drei eine Prüfung absolvieren, ein Diktat schreiben oder eine lebenswichtige Entscheidung treffen. Das gibt es nicht. Dabei haben CDU und SPD ja bei einer Sitzung selbst gezeigt, wie man es besser macht: abends abbrechen, sich ein bisschen Schlaf gönnen, am nächsten Tag weitermachen.

Auf welche geistigen Fähigkeiten kann man sich nach einer schlaflosen Nacht am wenigsten verlassen?

Unter dem Schlafentzug leidet vor allem unsere Konzentrationsfähigkeit. Aber auch Geschicklichkeit, Genauigkeit und Gedächtnis werden schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ähnliches gilt für alle anderen Funktionen, die mit dem Kopf zu tun haben. Ein Dartspieler braucht in einem solchen Zustand bei einem Wettkampf gar nicht anzutreten, ein Schachspieler genauso wenig. Ein Gewichtheber dagegen, der in erster Linie auf seine Kraft angewiesen ist und weniger koordinieren muss, kann zur Not wahrscheinlich auch noch mit Schlafmangel seine Leistung abrufen.

Warum bauen wir derart ab?

Weil vor allem unser Gehirn und unser Gedächtnis auf den Schlaf angewiesen sind. Warum das so ist, dazu gibt es viele Thesen. Die einfachste lautet: Nach 16 Stunden Wachsein und Informationsaufnahme ist Schicht im Schacht, da passt oben nichts mehr rein. Es braucht dann den Schlaf, damit das Gehirn diese Informationen sortieren, reinigen, verwerfen oder speichern kann. Und um sich von Schadstoffen und Stoffwechselprodukten zu befreien. Wir sind zwar in der Lage, den Körper mal eine Nacht zu überlisten. Aber langfristig kann unser Gehirn ohne Schlaf nicht funktionieren.

Und die Konzentrationsstörungen?

Es gibt drei potente Schlafhormone. Im Laufe des Tages steigen ihre Spiegel kontinuierlich an, was dazu führt, dass wir müde werden. Im Verlauf der Nacht werden Adenosin, Melatonin und GABA wieder abgebaut. Schlafe ich zu kurz, verschwindet vor allem einer dieser Botenstoffe nur unzureichend. Das heißt, am nächsten Morgen ist das GABA immer noch da und signalisiert meinem Gehirn, dass es eigentlich schlafen möchte. Auf Grund der dadurch verminderten Wachheit schneiden Versuchspersonen nach einer schlaflosen Nacht in Konzentrations- und Reaktionstests nicht besser ab als Probanden mit einem Promille Alkohol im Blut.

Woher kommen die kurzen Aussetzer und Blackouts, über die Nachteulen immer wieder klagen?

Jeder von uns erlebt am Tag drei Tiefpunkte: einen zwischen 9 und 10 Uhr, den nächsten zwischen 12 und 14 Uhr und das dritte Tief zwischen 16 und 18 Uhr. Als ausgeschlafener Mensch bemerkt man diese Müdigkeitsattacken nicht unbedingt. Wenn die Nacht aber nur drei bis fünf Stunden lang war, sieht das anders aus. Der Schlafmangel verstärkt das Tief. Zudem kommt hier noch ein zweiter Rhythmus ins Spiel. Ganz unabhängig von diesen Zyklen diktiert uns unsere innere Uhr noch einmal zusätzlich, alle neunzig bis hundert Minuten müde zu werden. In solchen Momenten lässt die Konzentration kurz nach, und das kann sich für Unausgeschlafene als deutliches Leistungstief bemerkbar machen.

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