Jung und Alt in der Politik: „Alte neigen zu Starrköpfigkeit“

Published 18/02/2018 in Inland, Politik

Jung und Alt in der Politik: „Alte neigen zu Starrköpfigkeit“
Paul Ziemiak (links) und Jens Spahn gelten als Nachwuchshoffnungen in der CDU (Aufnahme vom Oktober 2017 in der CDU-Parteizentrale).

Vor der Bekanntgabe der Minister fordern viele, das neue Kabinett müsse jünger werden. Aber wie unterscheidet sich der Politikstil von Jungen und Alten? Ein Interview mit Generationenforscher Klaus Hurrelmann.

Herr Hurrelmann, wer sich aktuell umguckt, der sieht in bedeutenden politischen Ämtern ziemlich viele junge Menschen – Sebastian Kurz, Justin Trudeau, Emmanuel Macron. Wird die politische Welt, nachdem sie weiblicher wurde, jetzt auch jünger?

Ich hoffe es, leider sind die genannten Beispiele aber Ausnahmen. Die statistische Betrachtung zeigt: 60 bis 70 Prozent aller Positionen und Ämter werden von der Generation der Babyboomer, also der Ende 40- bis Mitte 60-Jährigen besetzt. Hier handelt es sich um sehr starke Jahrgänge, die von den 68ern das politische Handwerk gelernt haben und deren Werk konstruktiv fortgeführt haben. Durch ihre große Zahl konnten sie überall die Standards setzen und Regeln bestimmen. Auch in den politischen Parteien liegt das statistische Durchschnittsalter bei 60 Jahren, bei den Grünen etwas darunter. Es wäre wunderbar, wenn Macron, Kurz und Trudeau hier eine Trendwende anzeigen würden.

Wie erklären Sie sich das Auftauchen der Jungen in der Politik?

Die Menschen, die die Parteien mit aufgebaut haben und politische Strukturen gesetzt haben, scheiden nun allmählich aus – nicht nur aus dem Berufsleben. Im Wirtschaftssektor sehen wir diese Entwicklung nämlich schon seit längerer Zeit. Dort können und müssen jüngere Leute bereits in die Betriebe einrücken. Ein solcher Kamineffekt tritt nun auch in der Politik ein. Im politischen System gibt es allerdings keine Altersgrenze, wie etwa ein Renteneintrittsalter, deshalb sind die Abläufe hier nicht so mechanisch wie in Unternehmen. Es handelt sich also um einen demographischen Grund und nicht um eine aktive Politik der Parteien. Ob diese nämlich die Entwicklung begrüßen oder sie doch eher zähneknirschend hinnehmen, ist fraglich. In der Regel räumen die Älteren ihre Positionen nicht freiwillig, oft glauben sie, sie hätten selbst die besseren Voraussetzungen. Dort, wo jüngere Abgeordnete sich Positionen erobert haben, mussten sie dies sehr häufig gegen den Willen der Älteren erkämpfen.

Sebastian Kurz ist mit 31 Jahren Bundeskanzler von Österreich. Für sein junges Alter ist er nicht nur bewundert, sondern auch kritisiert worden. Kann man mit 31 Jahren Lebenserfahrung ein guter Politiker sein?

Aber selbstverständlich. Ob man einen Politiker als gut oder schlecht bewertet, hat mit der inhaltlichen politischen Position zu tun und mit der Frage, ob die Person ihrem Amt gerecht wird. Diskriminierung auf Grund des Alters gibt es in beiden Richtungen: Donald Trump ist mit 71 Jahren der älteste Präsident, der in den Vereinigten Staaten je das Amt antrat. Auch hier wurden bereits Stimmen laut, die fragen, ob er dement sein könnte. Bei Altersdiskriminierung wird oft nicht sauber getrennt, ob es wirklich um die geistige und körperliche Verfasstheit geht oder ob man einfach mit inhaltlichen Entscheidungen nicht übereinstimmt.

Bei Sebastian Kurz ist es ebenfalls leichter zu sagen, er könne mit 31 gar keine klugen Entscheidungen fällen, anstatt sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. Was stimmt: Alte Menschen laufen Gefahr starrköpfig zu werden, das ist sogar biologisch erklärbar. Junge Menschen laufen hingegen Gefahr zu spontan zu entscheiden, weil sie wenig zurückliegende Erfahrung haben. Wenn ein ziemlich junger oder alter Mensch in verantwortliche Positionen kommen, ist es daher umso wichtiger, dass dieser Politiker gut eingebettet ist – also einen Beraterkreis hat und ein kluges Team um sich bildet. Eine Kritik, die sich nur auf das Alter bezieht, unterschwellig aber die Ablehnung der politischen Haltung betrifft, ist unseriös.

Sie bezeichnen die Generation Y als Egotaktiker, die sich bis zum Schluss alle Optionen offenhalten …

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