Tödliche Keime: Wie der Mensch sich mit Antibiotika selbst entwaffnet

Published 25/01/2018 in Medizin & Ernährung, Wissen

Tödliche Keime: Wie der Mensch sich mit Antibiotika selbst entwaffnet
Wegen fahrlässiger Verwendung: Sowohl beim Menschen als auch bei Nutztieren verliert das Medikament zusehends an Wirkung.

Antibiotika sollen jährlich Millionen Leben retten. Doch weil Ärzte, Patienten und Landwirte fahrlässig damit umgehen, verlieren sie an Wirkung. Lässt sich der Kampf gegen resistente Erreger noch gewinnen?

Die drohende medizinische Großkatastrophe, das „Pharmageddon“, hat viel mit der ökologischen Krise des Planeten gemeinsam: Die Gefahr ist real, doch die wenigsten spüren sie- ein Entrinnen wäre theoretisch möglich, aber in der Praxis wird blockiert. Die Menschheit läuft Gefahr, eine ihrer schärfsten Waffen im Kampf gegen Infektionskrankheiten – Antibiotika – unbrauchbar zu machen. Sie riskiert, dass vielleicht schon bald kleine Eingriffe an der Haut, ein winziger Schnitt, eine Wunde oder eine an sich harmlose Entzündung im Todeskampf enden.

Immerhin: Die weltumspannende Ausbreitung von gefährlichen Bakterien, denen die zwei, drei Dutzend verfügbaren Antibiotika nichts mehr anhaben können, weil die Mittel zu viel und falsch eingesetzt werden, ist nach vielen verlorenen Jahren zu einem weltumspannenden Politikum geworden. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde das Thema in New York in der Generalversammlung der Vereinten Nationen behandelt. Die G-20-Runde hat sich damit beschäftigt. Und in Parlamenten und Behörden auf der ganzen Welt wird nach Auswegen gesucht.

Die Gefahr lässt sich schwer auf eine Zahl bringen. Die am häufigsten zitierten Prognosen stammen aus Großbritannien, von der sogenannten O’Neill-Kommission: Im Jahr 2050 sollen zehn Millionen Tote auf das Konto des Antibiotikaversagens gehen- die Zahl der erwarteten Krebsopfer ist geringer. In einer Umfrage unter 375 der gut 2500 Wissenschaftler, die zum Thema publizieren, hat Markus Lehmkuhl vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zwar nur eine Minderheit ermittelt, die diese Prognosen für belastbar hält. Doch sind auch zwei Drittel der Antibiotika-Fachleute der Auffassung, dass man gut begründet von einer drohenden globalen Katastrophe sprechen könne: „Fast alle, 98,4 Prozent, befürchten ernste oder sehr ernste Konsequenzen, sollte nichts gegen die Ausbreitung resistenter Erreger unternommen werden.“

Ob die weltweit zehn Millionen Todesopfer im Jahr 2050 realistisch sind, oder ob die 25.000 stimmen, die heute schon für Europa angenommen werden – Tatsache ist: Der Mensch entwaffnet sich selbst. Neunzig Jahre nach der Wiederentdeckung des Penizillins, als Alexander Fleming im St. Mary Hospital zu London die bakterientötende Wirkung des Schimmelpilz-Produkts in Staphylokokken-Kulturen entdeckte und damit jene schon im Jahr 1874 vom Wiener Chirurgen Theodor Billroth gemachte Beobachtung bestätigte, spricht vieles für das Ende einer goldenen Ära der Medizin. Die Präzisionswaffe Antibiotikum, die nur Bakterienzellen tötet, weil sie nur bakterienspezifische Verbindungen angreift und nicht etwa tierische oder menschliche Zellen, diese natürliche Wunderwaffe krepiert in unserer Hand. Und nicht nur das: Während wir immer wehrloser werden, werden die gefährlichen Keime immer gefährlicher. Fahrlässig brüten wir sie aus, wie Flugrost treibt das Übel um den Globus.

Ein natürliches Wettrüsten

Resistenzen an sich sind nichts Neues: Sie verbergen sich meist in winzigsten ringförmigen Genschnipseln, Plasmide genannt, die sich mit den Bakterien vermehren und ausbreiten können. Die Plasmide sind so programmiert, dass sie Enzyme produzieren, die die Wirkung der Antibiotika ins Leere laufen lassen und die Bakterien schützen. Seit Jahrmillionen gibt es solche Erfindungen der Natur, sie sind das Ergebnis eines natürlichen Wettrüstens. Aber als der Mensch Dutzende neue Wirkstoffe entwickelte und begann, diese tonnenweise und oft wahllos einzusetzen, schaukelte sich der Resistenzwettlauf hoch. Viele Bakterien enthalten inzwischen drei, vier und mehr Resistenzplasmide. Beispiel Tuberkulose: Ein an sich behandelbares Bakterium, das Mycobacterium tuberculosis, zählt inzwischen zu den hartnäckigsten und tödlichsten Keimen. Dagegen helfen heute praktisch nur noch Kombinationspräparate mit mehreren unterschiedlichen Wirkstoffen, und selbst die können versagen. 480.000 neue Fälle von multiresistenter Tuberkulose hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 2014 offiziell bestätigt, lediglich die Hälfte davon war behandelbar.

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