Behandlung von Traumata: Eine Therapie ist nicht aussichtslos

Published 22/01/2018 in Gesellschaft, Gesundheit

Behandlung von Traumata: Eine Therapie ist nicht aussichtslos
Der Stadtsee in Staufen

In der Debatte um die Versäumnisse im Staufener Missbrauchsfall stellt sich eine wichtige Frage: Wie sollen Behörden und Ärzte künftig mit schwer traumatisierten Opfern umgehen?

Im Staufener Pädophilie-Fall sind noch viele Fragen zu klären. So muss rekonstruiert werden, ob der neun Jahre alte Junge nicht früher und dauerhaft in einer Pflegefamilie hätte untergebracht werden müssen, um ihn vor den pädokriminellen „Freiern“, seiner pädophilen Mutter und vor allem vor dem Hauptverdächtigen, seinem Stiefvater Christian L., zu schützen. Gab es frühere Hinweise der Polizei, hätte ihnen intensiver nachgegangen werden müssen? Dass es einen erheblichen Aufklärungsbedarf in diesem Fall gibt, haben das Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald, dessen Jugendamt den Jungen seit 2008 zunächst wegen einer Entwicklungsverzögerung betreute und das 2017 für einen Monat auch eine kurzfristige Inobhutnahme durchgesetzt hatte, sowie das Oberlandesgericht Karlsruhe und das Amtsgericht Freiburg selbst eingestanden. Auch die zuständigen Landesministerien werden sich die Akten kommen lassen.

In einem solchen Fall stehen die schrecklichen, manchmal voyeuristisch ausgebreiteten kriminellen Taten im Vordergrund. Die Behörden und Mediziner müssen sich aber auch um die Opfer kümmern. Am Freitag beauftragte das Landratsamt eine Berliner Anwaltskanzlei, den Jungen vor dem Zugriff der Medien zu schützen. Kinder und Jugendpsychiater kümmern sich um das Kind.

Lange Wartezeiten für Behandlungsplätze

Eva Möhler, Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Heidelberg, hält auch in einem so schweren Fall eine Therapie für nicht aussichtslos. „Primär sollte man ihm einen sicheren Ort bieten – er kann erst zur Ruhe finden, wenn er weiß, wo er leben wird und dass er dort sicher ist. Man sollte ihn auch angesichts des Medienrummels vor einer Pathologisierung schützen – nicht jedes Kind wird nach einem Missbrauch psychisch schwerkrank“, sagt die Ärztin. Hilfreich könne zunächst ein Resilienz- und Stabilisierungstraining sein. Bei schweren posttraumatischen Symptomen komme dann, wenn ein Patient hinreichend stabil sei, eine „aufarbeitende Therapie“ in Frage. „Wir haben da in Deutschland in den letzten zehn Jahren deutliche Fortschritte gemacht: Möglich ist in einem solchen Fall eine traumafokussierte Verhaltenstherapie oder die KIDNET-Therapie, eine narrative Expositionstherapie.“ Beide Therapieformen stammten aus den Vereinigten Staaten, seien aber mittlerweile in verschiedenen Zentren in Deutschland evaluiert worden. „Ziel ist es“, so die Ärztin, „die Ereignisse mit den Patienten so aufzuarbeiten, dass die posttraumatischen Belastungssymptome abnehmen.“

Kein Arzt oder Psychologe würde pädophile Gewalttaten verharmlosen. Erfahrene Kinder- und Jugendpsychiater weisen aber darauf hin, dass auch ein schwerer sexueller Missbrauch nicht zwangsläufig zu „kaputten Menschen“ führen müsse. „Natürlich kann man solche Ereignisse nicht löschen, es werden nach einer so multiplen Misshandlung wohl immer Erinnerungsspuren zurück bleiben“, sagt Eva Möhler. Aus Studien wisse man, dass etwa 15 Prozent der jungen Mütter eine Missbrauchserfahrung in der eigenen Kindheit gehabt hätten. Von diesen Müttern haben aber nur ein Fünftel in Interviews angegeben, jemals psychisch krank gewesen zu sein. Das zeige, so Eva Möhler, dass es auch nach schweren traumatischen Belastungen zumindest äußerlich möglich sei, ein normales Leben zu führen. „Wir sehen Kinder mit äußerst schwierigen Biographien, zum Beispiel mit vielen Bezugspersonenwechseln, oder sie waren in zahlreichen Heimen und sind vernachlässigt und missbraucht worden. Und auch bei so schwer und dauerhaft belasteten Kindern haben wir manchmal gute therapeutische Erfolge.“

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