Fotograf David Bailey wird 80: Geburtshelfer der Coolness

Published 02/01/2018 in Mode & Design, Stil

Fotograf David Bailey wird 80: Geburtshelfer der Coolness
Vorbild für „Blow Up“: David Bailey zeigt Jean Shrimpton, wie sie posieren soll – und Terry O’Neill fotografiert.

Er selbst findet sich stillos, aber da kann es sich nur um Koketterie handeln: dem Mode- und Porträtfotografen David Bailey zum Achtzigsten.

Das Bild, das sich die Welt von David Bailey macht, wird für immer mit dem Film „Blow Up“ und dem Schauspieler David Hemmings verknüpft sein. Mit der Szene, in der er in einem Park heimlich ein Liebespaar beobachtet, und mit der Szene, in der er fotografierend über das Modell Veruschka von Lehndorff klettert und krabbelt, bis die beiden zu einem Knäuel werden wie im Liebesakt. Doch ein anderer Moment, fast beiläufig untergebracht, charakterisiert ihn im Rückblick am besten: Der Augenblick, in dem er einer exaltierten Vanessa Redgrave den Tanz zum Jazz erklärt. Langsam, langsam, sagt er, als sie zur Musik hektisch mit dem Körper zappelt, gegen den Rhythmus.

David Bailey war Ende zwanzig, als Michelangelo Antonioni 1966 den Kinofilm „Blow Up“ drehte. Sein Alltag als Modefotograf diente der Handlung als Gerüst, und ursprünglich hatte Bailey sogar die Hauptrolle übernehmen sollen. Er war der Shooting Star der britischen Mode-Szene, mehr noch: Er revolutionierte sie. Ungebildet und mit der Rotznäsigkeit dessen, der schlechte Manieren in Arroganz münden lässt, war ihm der Sprung aus dem Arbeitermilieu des Londoner East End in die elegante Welt der Moderedaktionen gelungen. Die Vogue stellte ihn 1960 ein – und er fortan alles auf den Kopf.

Bailey ging mit seinen Modellen aus dem Atelier hinaus in die wirkliche Welt, brachte ihnen neue, kecke Posen bei und verzichtete auf die Aura des Entrückten, Überirdischen, welche die Mannequins bis dahin umflorte. Er arbeitete mit frechen Gören wie Jean Shrimpton, Penelope Tree und Twiggy, womit er die Schönheit gewissermaßen demokratisierte. Vor allem eines aber prägte seine Bilder: Während das Team um ihn herum die Modelle in die teuersten Kleider steckte, zog er sie mit den Augen ganz ungeniert wieder aus. Jedes seiner frühen Bilder gleicht einem sexuellen Vorspiel – und vermutlich waren die Aufnahmen genau das. Zumindest gaben Baileys heftige Affären und kurze Ehen der Boulevardpresse, deren liebstes Enfant terrible er bis in die siebziger Jahre blieb, reichlich Stoff – spätestens durch seine Heirat mit Catherine Deneuve auch für die Titelseiten. „Wir waren der neue Adel“, hat er das bei Gelegenheit kommentiert. Und folgerichtig kaufte er von seinem Honorar als Erstes einen Rolls-Royce – aus Rache am Establishment, was im klassenbewussten England durchaus Wirkung zeigte. Die Wohnung teilte Bailey sich zu jener Zeit mit Mick Jagger, dem Frontmann der Rolling Stones.

Es spricht für die seismographischen Qualitäten der Zeitschrift „Vogue“, dass sie die Zeichen des Aufbruchs und Umsturzes früh zu lesen verstand, die Jugend als Konsumentengruppe ernst nahm und mit David Bailey bei dieser neuen Klientel Fuß fassen wollte. Die ausgelassene Stimmung des Swinging London der sechziger Jahre zwischen Lackstiefeln, Mini-Rock und Pop hat er gleichermaßen geprägt wie dokumentiert. Doch als er der Epoche Jahrzehnte später ein gewaltiges Bilderbuch widmete, nannte er es „Birth of the Cool“ – als wollte er sagen: Langsam, langsam, gegen den Rhythmus.

Schon sein überdimensionierter Porträtband „Goodbye Baby & Amen“ von 1969 voller prominenter Zeitgenossen aus der Kunst und der Politik war vielen vorgekommen wie die letztgültige Enzyklopädie der Sechziger. Aber damals hatte Bailey kontraststarke Schwarzweißmotive ausgewählt, in denen die Männer fast allesamt ins Dämonische gerückt oder zu Fratzen verzerrt waren und nur die Frauen von weichem Licht umschmeichelt wurden. Es war ein skeptischer Blick, geprägt von der Angriffslust des Emporkömmlings. Die spätere Rückschau, „Birth of Cool“, war weniger aggressiv, versöhnlicher, auf eigentümliche Weise fast brav. Als gehöre er nun selbst zum Establishment und wolle nicht aus der Rolle fallen mit Bildern ausgerechnet einer Epoche, die ja genau dafür berühmt geworden ist.

Porträts und Mode sind die Gattungen geblieben, denen sich Bailey hauptsächlich widmet. Erst vor drei Jahren hat man bei ihm den Auftrag für das offizielle Porträtbild von Königin Elisabeth anvertraut – und er tat alles, um der alten, großen Dame zu schmeicheln. In Farbe, der er sich schon von den siebziger Jahren an bediente, bisweilen dicht an den knalligen Tönen der Pop-Art.

David Bailey selbst benutzt für seine Bildsprache die Vokabel „stillos“. Das ist Koketterie. Denn wie soll sich jemand über einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert nicht verändern und weiterentwickeln. Immer wieder hat er Neues erprobt: Er trieb sich für Sozialreportagen und Architekturfotografien in Londons schmuddeligen Ecken herum oder forderte sämtliche Besucher seines Ateliers auf, sich für ein Bild auszuziehen, um eben keine Aktaufnahmen zu machen, ein Genre, in dem er sich längst profiliert hatte, sondern Bilder von nackten Menschen. Das Buch nannte er „Democracy“.

Er drehte mehr als fünfhundert Werbespots und etliche abendfüllende Filme. Er widmete der Stadt Havanna eine melancholisch stimmende Langzeitdokumentation, in der er unter dem Lächeln der Bewohner die Tristesse einer fehlgeschlagenen Politik bloßlegte. Und erst dieser Tage erschien sein jüngster Band mit Aufnahmen aus den Naga Hills, einer Bergregion zwischen Indien und Burma, die von Kopfjägern bewohnt ist. Manche der Bilder zeugen von naiver Neugierde, manche sind von politischem Bewusstsein geprägt, Todessymbolik schwebt über Stillleben, und einige Porträts entsprechen exakt seinen Aufnahmen aus den sechziger Jahren: schwarzweiß, die Menschen vor einem weißen Hintergrund. Stillos ist das keineswegs. Heute wird David Bailey achtzig.

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