Muslimische Schönheitsideale: Kardashian statt Kopftuch

Published 01/01/2018 in Leib & Seele, Stil

Muslimische Schönheitsideale: Kardashian statt Kopftuch
Gilt vielen muslimischen Frauen in Deutschland eher als Wegweiser in Sachen Schönheitsideale als die Religion: Kim Kardashian.

Schönheitsideale sind für viele muslimische Frauen kein Emanzipationshemmnis. Ästhetische Korrekturen gelten als Bereicherung. Doch die Standardisierung von Schönheit birgt Gefahren.

Im Alter von sieben Jahren lernte ich Schönheitsoperationen kennen. Meine Tante, damals 28 Jahre alt, hatte sich die Nase verkleinern und anheben lassen. Die ganze Familie redete darüber. Meine Kinderaugen aber erkannten keinen Unterschied zwischen ihrer großen Nase und der neuen kleinen Stupsnase. Verwundert fragte ich mich, weshalb sie sich an einem Detail wie ihrer Nase stören konnte. Denn sie war für mich eine Schönheit, mit ihren dunklen Locken, den tiefbraunen großen Augen, den geschwungenen Brauen, der zierlichen Figur, die sie in elegante Kleider hüllte.

Heute verstehe ich, dass der medizinische Eingriff ein logischer Schritt für eine Frau war, die ihre Schönheit perfektionieren wollte. Eine große Nase störte. Eine große Nase sollte an die gängigen Standards angepasst werden.

Mit den Jahren entdeckte ich überhaupt die vielen großen Nasen meiner weiblichen Verwandten in Familienalben. Und ich erkannte, wie enorm der Druck für uns Frauen ist, gesellschaftlichen Vorstellungen von Schönheit entsprechen zu müssen. Ob wir uns dagegen wehren, die vorgegebenen Standards ablehnen oder sie totschweigen – unter dem sozialen Diktat des Äußeren leiden wir alle.

Anders als in der deutschen Gesellschaft sprechen viele meiner Freunde und Bekannten offen über Schönheitsvorstellungen. Nasenverkleinerungen, Brustvergrößerungen, Botoxbehandlungen, Lippenunterspritzungen dominieren alltägliche Gespräche neben Beziehungsproblemen oder der deutsch-türkischen Krise in meiner Migranten-Community. Ich habe mich schon in etlichen Diskussionen wiedergefunden, in denen es um die vielen Wege ging, den Idealvorstellungen näherzukommen, also schön, jung und attraktiv zu werden oder zu bleiben.

Die Frage, ob man dem Oberflächlichen eine Bedeutung beimessen und sich für das Künstliche statt für das Natürliche entscheiden sollte und sich damit gesellschaftlichen Normen beugt, muss keine feministische Debatte entfachen. Die Entscheidung für ästhetische Korrekturen liegt bei jeder Frau selbst. Sie sollte gesellschaftlich nicht verurteilt werden.

Botox ist hierzulande schnell gesellschaftlich verpönt

Natürlich, Botox, Nasenkorrekturen und Brustvergrößerungen werden dann zur anti-feministischen Waffe, wenn man den eigenen Körper nicht für ein besseres Körperempfinden verändert, sondern um anderen gefallen zu wollen, zum Beispiel Männern. Denn wenn eine über starre Normen definierte Schönheit zur Ideologie wird, wenn sie zur einzigen Quelle von Kraft, Lebensfreude und Selbstbewusstsein wird – dann hören die Operationen so wenig auf wie die Selbstzweifel. Eine Frau, die mit sich unzufrieden ist, kann niemals schön sein. Eine starke Persönlichkeit definiert Schönheit, keine abstrakten Ideen von Maßen und Symmetrien.

Nicht nur Botox ist hierzulande schnell gesellschaftlich verpönt, sondern überhaupt der Wunsch der Frau, als schön gelten zu wollen. Schönheit in meiner Migranten-Community hat hingegen eine ganz andere Bedeutung. Sie macht uns zu Frauen, die selbstbewusst mit ihrem Aussehen umgehen können. Wir kennen unsere äußerlichen Stärken. Unsere Schwächen bleiben uns dadurch aber nicht verborgen. So verfallen wir immer schneller der Versuchung, auch dank dem technischen Fortschritt, uns künstlich korrigieren und optimieren zu müssen.

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