Kolumne Geschmackssache: Gestern ein Bauer, heute ein Held

Published 22/12/2017 in Essen & Trinken, Stil

Kolumne Geschmackssache: Gestern ein Bauer, heute ein Held
Mehr als ein Bauer: der Winzer Philipp Kuhn

Dem deutschen Wein geht es so gut wie noch nie. Das verdanken wir Winzern wie Philipp Kuhn aus der Nordpfalz, dessen Werdegang ein Spiegelbild des deutschen Weinwunders ist.

Es ist Zeit für eine kleine Zeitreise, denn es gilt, Großes zu feiern. Wir gehen ein Vierteljahrhundert zurück in die Nordpfalz des Jahres 1992. Die Gegend um Grünstadt, spröder, rauer, derber als die bilderbuchpittoreske Mittelhaardt, wird von wackeren Weinbauern bewohnt, die am liebsten Müller-Thurgau, Morio-Muskat und andere Massenweintrauben mit Monstererträgen aus der Alchimistenküche der Rebenneuzüchtungen pflanzen. Daraus keltern sie liebliche Fruchtbomben, die sie fuderweise an Großkellereien verkaufen, obwohl sie beste Weinböden bewirtschaften. Doch dieser Frevel wider den guten Geschmack ist den meisten Deutschen egal, weil sie den heimischen Wein ohnehin wahlweise für zu süß, zu sauer oder zu seicht halten und sich stattdessen lieber Pinot Grigio, Beaujolais Primeur oder Chablis Supermarché hinter die Binde kippen. Der einzige Qualitätsleuchtturm weit und breit ist der Johannishof der famosen Brüder Knipser in Laumersheim, und nur ein paar Meter weiter sollte in jenem schicksalhaften Jahr 1992 ein zwanzigjähriger Abiturient die Entscheidung seines Lebens treffen: Er verzichtet auf ein Studium, auf das Reisen, auf die Freiheit der Flausen und übernimmt stattdessen das Weingut seines Vater, dem das Herz schwer zu schaffen macht.

Fünfundzwanzig Jahre später sitzt Philipp Kuhn in jenem Weingut, das seinen, seines Vaters und seines Großvaters Namen trägt, und erzählt seine Geschichte mit der Gelassenheit eines Menschen, der längst nicht mehr daran zweifeln muss und wohl auch nie daran zweifelte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben – eine Geschichte, in der sich archetypisch die wundersame Wandlung der deutschen Weinkultur widerspiegelt. Sieben Hektar übergab der Vater damals seinem Sohn, dem der Berufsberater in der Schule so vehement wie vergeblich den Winzerberuf ausreden wollte, und schon zwei Jahre später den gesamten Betrieb, wogegen nun der Notar so eindringlich wie erfolglos intervenierte, weil der Senior dem Junior volles Vertrauen schenkte. Der junge Philipp riss die Doppelnamenreben heraus, pflanzte Riesling und Spätburgunder, experimentierte mit französischen Klassikern, reduzierte die Erträge, erweiterte die Rebfläche, schaffte die Fassware ab, baute seine Weine nur noch trocken aus und fand unter den jungen Winzern Nachahmer im Dutzend.

Bald wurde die gehobene Gastronomie auf ihn aufmerksam, mit der Zeit kamen die Kennzeichen der Autos auf dem Hof aus ganz Deutschland und nicht mehr nur aus der Region, 2008 war schließlich die Zeit reif für den Ritterschlag: für die Aufnahme in den Verband der Deutschen Prädikatsweingüter. Heute zählt Philipp Kuhn zu den berühmtesten Winzern Deutschlands, bewirtschaftet 36 Hektar in den besten Laumersheimer Lagen, hat einen Ehrenplatz auf den Weinkarten vieler deutscher Spitzenrestaurants und gewinnt Preise im Akkord: Weingut des Jahres bei Gault Millau und Eichelmann, zweimaliger Rieslingchampion und neunmaliger Gewinner des deutschen Rotweinpreises, Auszeichnungen für die besten Großen Gewächse in den Kategorien Riesling und Pinot Noir, Goldmedaille bei den Decanter World Wine Awards in London, Staatsehrenpreise in wandfüllender Zahl.

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