Vater spendet Leber an Tochter: Ein Teil von mir für dich

Published 28/12/2017 in Gesellschaft, Gesundheit

Vater spendet Leber an Tochter: Ein Teil von mir für dich
Paula Freese und ihr Vater Robert haben die OP gut überstanden. Nur Immunsuppressiva muss Paula noch nehmen, aber vielleicht kann die Medizin ihr da demnächst auch helfen.

Mit 15 Jahren wird Paula Freese so krank, dass sie eine neue Leber braucht. Über ein Jahr wartet sie vergebens auf ein Fremdorgan, bis klar wird: Ihr Vater könnte ihr das Leben retten.

Als der Arzt zur Visite kam, verstand Paula Freese sofort, dass er etwas Schweres mitzuteilen hatte. „Morgen möchte ich gern die Ergebnisse besprechen“, sagte er, „da sollten deine Eltern dabei sein.“ Paula war zu dem Zeitpunkt 15, sie war mit starkem Untergewicht ins Krankenhaus gekommen. Bei einer Größe von 1,52 Metern wog sie nur noch 36 Kilo. Jeder Schultag war für die Gymnasiastin ein Kraftakt, manchmal döste sie mitten im Unterricht ein. Als sie ein Kleinkind war, hatte man bei Paula eine chronische Gallenwegsentzündung diagnostiziert. Über die Jahre hatte sie davon kaum noch etwas gemerkt. Doch dann meldete sich die Krankheit zurück.

Als ihr Vater und ihre Mutter am nächsten Tag neben Paula saßen, eröffnete ihnen der Arzt, dass Paula eine Leberzirrhose hatte. Dabei stirbt gesundes, funktionsfähiges Lebergewebe ab und wird durch funktionsloses Bindegewebe ersetzt. Die Leber verhärtet und vernarbt und kann ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Betroffene sind oft müde und verlieren Gewicht. Bei Paula hatte vermutlich die Krankheit aus der Kindheit zu dieser Entwicklung geführt, und jetzt stand fest, dass Paula eine neue Leber brauchte.

„Darauf vorbereitet war ich wirklich gar nicht“, erinnert sie sich. „Es war ein Schock, wobei man erst mal gar nicht begreift, was das jetzt bedeuten soll.“ Paula ist eine kleine, zierliche Person. Ihre dichten, dunkelbraunen Haare reichen bis weit über die Schultern. Die dunkle Brille mit dem dicken Rand kontrastiert mit ihren zarten Gesichtszügen. Inzwischen ist Paula 17, aber wenn man sich mit ihr unterhält, wirkt sie älter. Jeder Satz ist überlegt, und wenn sie Details ihrer Krankheit erklärt, klingt sie fast wie eine Medizinstudentin.

Warten auf den entscheidenden Anruf

Nach der Diagnose Leberzirrhose mussten die Ärzte schnell handeln. Paula wurde aus Stuttgart ans Universitätsklinikum Tübingen überwiesen. Da sie gerade noch einen Monat lang 15 war, sollte sie so bald wie möglich auf die Transplantationsliste kommen. Mit 15 gilt man noch als Kind und wird bevorzugt behandelt. Als das geschafft war, begann für Paula und ihre Familie eine lange Zeit des Wartens. Auf der Warteliste für eine Organtransplantation zu stehen bedeutet, in ständiger Habachtstellung zu sein: Jeden Tag könnte der entscheidende Anruf kommen. Die Klinik riet Paulas Familie, nicht weiter als 400 Kilometer zu verreisen. Sobald ein passendes Organ für Paula gefunden sein würde, sollte sie innerhalb weniger Stunden in die Klinik kommen können.

Über die Sommerferien verbesserte sich Paulas Zustand deutlich, zum Schulanfang ging sie wie geplant in die 12. Klasse des Gymnasiums. Je besser sie sich fühlte, desto schlechter wurden jedoch ihre Aussichten auf ein Spenderorgan. Denn die Warteliste funktioniert so: Je schlechter es einem geht, desto eher bekommt man ein Organ – vorausgesetzt, man ist noch fit genug für eine Operation. „Wir haben über ein Jahr auf eine Leber gewartet, und es ist nichts passiert, nicht ein Angebot, nicht ein Anruf, gar nichts“, erzählt Paulas Mutter, Jana Freese. „Am Anfang haben wir richtig drauf gewartet, dass jemand anruft“, sagt auch Paula, „aber irgendwann hört das auf.“ Wenn sie über ihre Krankheit spricht, sagt sie nie „ich“, sondern immer „wir“. Die Familie ist in der Zeit noch enger zusammengerückt.

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