Sternsinger: Unterwegs mit Königskindern

Published 08/01/2018 in Gesellschaft, Menschen

Sternsinger: Unterwegs mit Königskindern
Im Namen des Herrn unterwegs: Sternsinger Dominique (links) und Sternträger Wadik auf dem Weg zum nächsten Hausbesuch.

Auf dem Dorf wird einfach geklingelt, in der Stadt kommen die Sternsinger nur noch nach Anmeldung vorbei. Die Spendenaktion von Kindern für Kinder ist kein Selbstläufer.

Hans-Peter Labonte hätte auch Fußballtrainer werden können. Stattdessen hat er sich für das Amt des Pastoralreferenten entschieden. Kabinenansprachen hält er trotzdem. Solche, in denen er Schimpfwörter benutzt und auch mal den Stinkefinger zeigt, in denen er in die Hände klatscht und sein Team einschwört. „Ihr seid der Boss“, sagt er. Vor ihm sitzen keine Fußballspieler, sondern Sternsinger. Jungen und Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren.

Die Krönchen sitzen schief auf den Köpfen, die Umhänge rutschen, draußen regnet es. Labonte kann sich auf sein Team verlassen. 30 Sänger schickt er in diesem Jahr in Schwanheim los. 150 Haushalte müssen in vier Tagen abgedeckt werden. Je Haushalt rechnet der Pastoralreferent der Pfarrei St.Jakobus 30 Minuten ein. In Schwanheim, sagt er, sei die Welt noch in Ordnung. Da werden Sternsinger noch zu einer Tasse Kakao eingeladen, da werden die „Könige aus dem Morgenland“ noch ins heimische Wohnzimmer gebeten – trotz nasser Schuhe und triefender Umhänge. Und so ein bisschen Menschlichkeit kostet eben Zeit. „Das, was die Kinder hier machen, ist unheimlich gut fürs Selbstvertrauen“, sagt Labonte.

Beutelweise Süßigkeiten

Zum ersten Mal dabei ist die acht Jahre alte Sura. Sie läuft in einer Gruppe mit ihrem Bruder Wadik, dem elf Jahre alten Dominique und der zehn Jahre alten Andriyana. Begleitet werden sie von einer Betreuerin. Suras roter Königsmantel ist schon nach wenigen Metern nass, der Text aber sitzt. Vier Haushalte soll die Gruppe an diesem Nachmittag ablaufen. Viermal klingeln, viermal eintreten, viermal vor unterschiedlichen Menschen bestehen. Sie werden an diesem Tag bei einem alten Ehepaar, einer fünfköpfigen Familie, im Haus eines pensionierten Lehrerpaares und bei Andriyanas afrikanischer Mutter singen. Sie werden viele Gläser Saft trinken, Süßigkeiten gleich beutelweise nach Hause schleppen und am Ende sogar mit antiken Münzen beschenkt werden.

Aber all das ahnen sie noch nicht, als sie an der ersten Türe klingeln. Für Sura gleich eine harte Prüfung. Denn die Familie, die zwischen Weihnachtsgeschenken und ungepackten Koffern für den Skiurlaub sitzt, hat Kinder, die kaum älter sind als sie selbst. Allesamt Jungs. Auftreten vor Gleichaltrigen – für die Sternsinger ist das die wohl größte Hemmschwelle. Auch Hans-Peter Labonte weiß, dass die Sache mit dem Schamgefühl für das Ende vieler Sternsingerkarrieren verantwortlich ist. „Im Alter von zwölf Jahren kippt es oft“, sagt er. Zumindest bei den Mädchen. „Die wollen sich nicht mehr verkleiden.“ Da stehe dann „Coolness“ über „Charity“. Labonte weiß, dass er den Kindern Anreize bieten muss, um Jahr für Jahr eine große Sängergruppe zusammenzubekommen. Er kämpft mit einer Übernachtung im Gemeindehaus, Pizzaabenden, Trampolinspringen und einer Hüpfburg gegen den Sängerschwund. Mit Erfolg.

Wertvolle Lektion für Kinder

Schwerer hat es da Monika Stanossek, Pastoralreferentin und Pfarrbeauftragte der katholischen Kirchengemeinde St.Gallus. Sie arbeitet in einem, wie sie sagt, „multireligiösen Stadtteil“. Auch hier ziehen die Sternsinger von Haus zu Haus, auch hier müssen sich die Kirchenmitglieder vorher anmelden, um den Segen „C+M+B“, Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus“, an die Tür geschrieben zu bekommen. „Es ist nie sicher, ob wir genug Kinder zusammenbekommen“, sagt sie. Oft müsse sie den Gemeindenachwuchs gezielt darum bitten, sich für das Spendenprojekt des Kindermissionswerkes zu engagieren. Seit 60 Jahren sammeln Sternsinger deutschlandweit um den Dreikönigstag herum Spenden für Kinder in Not. In diesem Jahr soll das Geld für Projekte gegen Kinderarbeit in Indien eingesetzt werden. „Es ist für die Kinder eine wertvolle Lektion, in ein solches Hilfsprojekt eingebettet zu sein“, sagt Monika Stanossek. Rund 20 Haushalte, Kindergärten und Pflegeeinrichtungen im Gallus hatten in diesem Jahr um einen Besuch der Sternsinger gebeten. Stanossek und ihr Team mussten niemanden enttäuschen. Im nächsten Jahr gehe die Suche nach Sternsingern von vorn los. „Dabei ist es so ein schöner Brauch, sich bewusstzumachen, dass das neue Jahr unter Gottes Segen steht“, sagt sie.

Sura und ihre drei Begleiter schlagen sich indes gut. Im ersten Haushalt singen sie noch leise, im zweiten werden sie schon mutiger, im dritten sitzt die Aufführung fast fehlerfrei, und im vierten laufen sie zur Hochform auf. Ehepaar Ponseck applaudiert, wieder gibt es Saft. Wadik, der schon zum dritten Mal dabei ist, übernimmt den Smalltalk. Profi, wie er ist, spricht er den Hausherrn auf eine alte, in einer Vitrine stehende Urne an. Mehr als 2500 Jahre alt sei das Tongefäß, erklärt Walter Ponseck, pensionierter Lehrer. Es folgt ein kleiner Vortrag über Archäologie und eine große Überraschung. Denn Ponseck drückt den vier jungen Sängern jeweils eine kleine Münze in die Hand. Jede mindestens 800 Jahre alt. „Gut darauf aufpassen“, mahnt er. „Vielleicht werde ich reich durch das alte Zeug“, entgegnet Wadik. Später im Gemeindehaus werden die Süßigkeiten aufgeteilt, und das Spendengeld wird eingesammelt. Ihre Münzen aber dürfen die vier Sternsinger behalten.

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