Internet-Phänomen „Poppy“: Perfektion, aber aus Plastik

Published 22/12/2017 in Gesellschaft, Menschen

Internet-Phänomen „Poppy“: Perfektion, aber aus Plastik
Poppy erschien bei den Streamy Awards 2017 in einem Käfig aus Glas.

Sie ist das absurde Gesicht des Internets. Mit quietschiger Stimme und schräger Message ist Poppy zum Youtube-Phänomen schlechthin avanciert. Ist sie eine Allegorie auf das Web?

Poppy ist blond, Poppy ist zart, Poppy ist süßer als die klebrigste Zuckerwatte. Poppy kann mit Pflanzen sprechen, Poppy liebt das Internet, und Poppy, ja, diese Poppy, sie kann die Schwerkraft erklären. Was muss man noch über Poppy wissen? „Ich bin Poppy“, antwortet Poppy auf derlei profane Fragen. Und das beantwortet zwar nicht viel, aber doch zumindest eine Frage. Oh, noch etwas: Poppy ist nicht in einer Sekte! Behauptet sie zumindest.

Als das allererste Video von Poppy auf Youtube erschien, im November 2014, konnte sich niemand so richtig sattsehen an ihr. Was wollte Poppy uns bloß sagen? Sie saß, sehr blond und sehr geschminkt, in einem rosafarbenen Ballett-Anzug einfach da und verspeiste mit großem Genuss Zuckerwatte. Mehr geschah nicht. Mehr war auch nicht nötig, um Poppy über Nacht zum Youtube-Phänomen schlechthin zu machen. Wer ist Poppy? Was will sie? Ist Poppy Kunst? Ist Poppy beschränkt? Ist Poppy die fleischgewordene Barbie?

Und wie alt ist Poppy bloß? Sie könnte 14 sein, sie könnte aber auch ein äußerst zurechtgemachtes 22 Jahre altes Babyface sein. Als Antwort auf all diese Fragen folgten weitere Videos von Poppy. Diese fielen jedoch nicht weniger kryptisch aus, und eigentlich erfuhr man von ihr nur eines: „I am Poppy.“ Seltsame Schwingungen empfingen Zuschauer, die sich Poppys Videos zumuteten – und das taten viele: Mehr als 13 Millionen Mal wurde eines ihrer erfolgreichsten Videos geklickt. Darin sagt Poppy etwa 23.000 Mal den immergleichen Satz. „I am Poppy.“

Das ist natürlich Kunst, sagt Regisseur Titanic Sinclair, der nach eigenen Aussagen „einer der berühmtesten Filmemacher im Internet“ ist. Er tritt mal mit Poppy auf, mal allein und erklärt in der Rolle des gruseligen Märchenonkels seine eigene Person. Dass er nämlich berühmt ist und Filmemacher. Sinclair heißt mit bürgerlichem Namen Corey Mixter und gilt als Vertreter der abstrakten Filmkunst. Er soll Mitschöpfer der Kunstfigur Poppy sein und vermarktet seine eigene Figur ähnlich bizarr. Auf seiner Website findet sich ein angebliches Zitat von Rap-Superstar Jay-Z: „Titanic ist die kreativste Person auf Erden. Ich gebe ihm all mein Geld.“ Bei den Streamy Awards 2017 in Beverly Hills erschienen Titanic Sinclair und Poppy gemeinsam: Er zog sie in einem rollbaren Plexiglas-Käfig hinter sich her.

Und dann hatte sein Produkt Poppy plötzlich einen Hit. „Baby, your’re the Highlight of my Lowlife“, sang Poppy 2015 und klang gar nicht mehr so grauenhaft mädchensüß und zuckrig-aufgesetzt, sondern soulig und nach Mainstream. Poppy wollte, so schien es, neben der Youtube-Sphäre auch die Popwelt erobern. Das gelang ihr in Maßen. Bei dem einen Hit blieb es, trotz ihrer durchaus mainstream-tauglichen Wandlung.

Poppy ist ein Schmankerl für Nerds

Doch Poppy war und ist zu schräg für die große Bühne. 2017 ist sie mit neuen Songs zurückgekehrt und damit wohl auch zu ihren Wurzeln. Quietschige Stimme, Gameboy-Sounds, fliegende Katzen: Poppy ist ein Schmankerl für Nerds. Mit ihrem beinahe manga-artigen Aussehen entspricht sie dem Schönheitsideal fernöstlicher Kulturen – vielleicht singt sie deshalb jetzt auch auf Japanisch. Wie eine einzige große japanische Quiz-Show mit Gesangseinlage kommen jedenfalls Poppys neue Videos daher.

Was Poppy vermutlich auch hervorragend kann: Fetische bedienen. Das verraten schon diverse zweideutig-schmierige Kommentare unter ihren Videos. Eine sprechende Puppe, klein-mädchenhaft mit den Wimpern klimpernd, jederzeit abrufbar, jederzeit zugänglich. Die wenig Widerworte gibt, wenig Reibungsraum bietet. Quasi die Olimpia 2.0.

Poppy wird daher von vielen Fans und Kritikern als Allegorie auf das Web, auf die Schnelllebigkeit des digitalen Zeitalters verstanden. Sie macht genauso süchtig wie das Internet, sie ist genauso zugänglich wie Soziale Medien und zugleich genauso leer. Im Prinzip verspricht Poppy dasselbe wie das Web 2.0 selbst: Nahbarkeit, aber keine Nähe. Perfektion, aber aus Plastik. Dasein, aber nie da sein.

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