Blutdruckmessung: Der Streit um die Obergrenze

Published 12/12/2017 in Gesellschaft, Gesundheit

Blutdruckmessung: Der Streit um die Obergrenze
Was ist nun die richtige Messung?

In den Vereinigten Staaten gelten neue Werte für die Diagnose Bluthochdruck. Über Nacht wurden dadurch Millionen Amerikaner zu Patienten. Wer legt solche Werte fest – und wieso?

Am Vorabend des 13. November sind ungefähr 31 Millionen Amerikaner gesund zu Bett gegangen – und krank wieder aufgestanden. An jenem Morgen, einem Montag, wurden in den Vereinigten Staaten neue Grenzwerte veröffentlicht. Seitdem gilt jeder, bei dem ein Blutdruck von mehr als 130 zu 80 Millimetern Quecksilbersäule gemessen wird, als krank. Zuvor hatte die Grenze bei 140 zu 90 gelegen. Mit der Änderung, so schätzen das die Leute, die sie gemacht haben, steigt die Zahl der Bluthochdruckpatienten von 72 auf 103 Millionen. Oder anders: Auf einmal ist fast jeder zweite erwachsene Amerikaner einer von ihnen.

Für gar nicht so wenige Amerikaner könnte der 13. November 2017 also life changing gewesen sein, weil sie nun vielleicht Medikamente bekommen oder wenigstens beim Blutdruckmessen von ihren Ärzten scharf angeguckt werden. Für die Menschen im Rest der Welt, zum Beispiel für die in Deutschland, wo – das beeilte sich die zuständige Fachgesellschaft zu sagen – bis auf weiteres der alte Grenzwert für Bluthochdruck von 140 zu 90 gilt, ist das mindestens verwirrend: Sind die Amerikaner jetzt anders krank? Sind wir nicht krank genug? Wer legt so etwas fest und warum?

9300 Patienten mit einem erhöhten Risiko

Paul Whelton heißt der Mann, der in Amerika für die neuen Grenzwerte verantwortlich ist, und für ihn bedeutet life changing in diesem Zusammenhang etwas ganz anderes: Er ist davon überzeugt, dass der neue Grenzwert Leben retten wird. Whelton ist Professor an der Tulane University in New Orleans und Hauptautor der neuen, von zwei amerikanischen Kardiologenverbänden herausgegebenen Blutdruck-Leitlinie. Wenn man Whelton zuhört, dann hätte der Blutdruckwert, der nun in Amerika als normal gilt, durchaus noch tiefer sein können. Denn, so betont der Mediziner, schon für einen Blutdruck, bei dem der obere Wert (der sogenannte systolische, siehe Text unten) über 130 liegt, sei das Risiko für einen Herzinfarkt doppelt so hoch, als wenn er zwischen 120 und 129 liegt. „Wir wollen offen mit den Menschen sein“, sagt Whelton, „über eine Verdopplung des Risikos sollten sie Bescheid wissen.“

Anlass für den neuen Grenzwert in den Vereinigten Staaten ist vor allem eine Studie mit rund 9300 Patienten mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Untersuchung wurde noch vor dem geplanten Ende abgebrochen – wegen zu großen Erfolges, wenn man so will. Es gab früh eindeutige Ergebnisse.

Sprint wird die Studie abgekürzt, und für sie wurden die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt. Die der einen versuchten über vier Jahre hinweg einen Blutdruck von unter 140 zu erreichen, die der anderen einen Wert von unter 120. Relativ gesehen war das Ergebnis enorm: In der Gruppe mit dem niedrigeren Blutdruck hatten die Probanden 25 Prozent weniger kardiovaskuläre Ereignisse, also etwa Schlaganfälle und Herzinfarkte. Dass der Grenzwert für einen krankhaft hohen Blutdruck in Amerika jetzt nicht unter 120, sondern „nur“ unter 130 abgesenkt worden ist, nennen die, die das festgelegt haben, angesichts solcher Zahlen einen Kompromiss, „mit dem wir leben können“.

Nachdem Hauptautor Paul Whelton am 13. November die neuen Grenzwerte vorgestellt und gesagt hatte, dass ein guter Blutdruck immer der tiefstmögliche sei, meldeten sich viele seiner Kollegen, die entweder das Gegenteil behaupteten oder zumindest etwas gegen Wheltons Entschiedenheit hatten.

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