Porträt Charlotte Tilbury: Die Anwältin des Make-Up

Published 02/12/2017 in Leib & Seele, Stil

Porträt Charlotte Tilbury: Die Anwältin des Make-Up
Ihr Schlafzimmerlook ist selbst in der Welt der Schönheit radikal: Charlotte Tilbury, hier in Berlin, schminkt sich auch nachts.

Wenn Amal Clooney oder Kate Moss noch schöner aussehen wollen, dann nehmen sie die Dienste von Charlotte Tilbury in Anspruch. Denn niemand liebt Lippenstift und Eyeliner mehr als diese Visagistin.

Charlotte Tilbury sieht nicht müde aus, aber sie ist es. Gestern Nacht war es nach ein Uhr, als sie ins Bett kam. Heute morgen ist sie dann gleich nach Berlin geflogen. Am Vortag war sie noch im Nahen Osten unterwegs, davor in Los Angeles, New York, Italien, Spanien, davor wieder Los Angeles, das alles in einem Zeitraum von wenigen Wochen. Sie sagt, sie sei jetzt so weit, dass sie nach jedem Trip die Tage zähle. „Wie lange ich zu Hause sein darf, bevor es wieder losgeht.“ Immerhin hat sie für ihren Platz auf dem Sofa im Berliner „Soho House“ ihre eigenen Kissen mitgebracht, natürlich versehen mit dem Logo ihrer Marke.

Charlotte Tilbury lebt nicht erst seit gestern so. Seit gut 25 Jahren führt sie ein Leben im Namen des Make-ups. Nach Jahrzehnten des Reisens und einer weiteren kurzen Nacht sieht sie daher auch nicht müde aus. Schwarzer Mascara auf den Wimpern, schokoladenfarbener Eyeliner, Lidschatten in Karamell und Bronze. Trägt sie auch nachts so. Wenn alle Katzen grau sind, schminkt sie ihre hellen Wimpern neu mit Mascara, aber dazu später.

Charlotte Tilbury ist so etwas wie die Anwältin des Make-ups. Selbst die blumigen Formulierungen, die man sich in den Marketingabteilungen der konzerngelenkten Beautyindustrie ausdenkt, können nicht mithalten mit der flammenden Rede, die diese Frau auf das Make-up hält. „Make-up soll keine Maske sein“, sagt sie. „Es ist dazu da, einer Frau den bestmöglichen Auftritt zu verschaffen.“ Auf der Kosmetiktasche, die sie als Teil ihrer eigenen vier Jahre alten Linien verkauft, steht zwischen lauter Kussmündern: „Gebt einer Frau das richtige Make-up, und sie kann die Welt erobern.“ Ihr Motto: „Smokey eye till I die“.

Bei den Stars muss sie mit ihrer Art einen Nerv getroffen haben. In den Neunzigern ging es los mit den Supermodels und mit Prinzessin Diana, dann kam Kate Moss, mit der sie privat befreundet ist – das britische Model ist die Patentante ihrer beiden Söhne. Die Visagistin hat Poppy Delevingne 2014 zur Hochzeit in Marrakesch geschminkt und Amal Clooney 2015 ein Braut-Make-up in Venedig verpasst. Mit ihren Argumenten dürfte sie selbst jene Frauen überzeugen, die mit jedem neuen Beauty-Phänomen, mit jedem strobing, glowing und highlighting größere Skepsis gegenüber Cremedosen und Puderpinseln entwickeln und stattdessen einfach nur ein bisschen Mascara auftragen und fertig.

Charlotte Tilbury lacht. „Ha, die Schnellen und Einfachen, Typ fertig in fünf Minuten“, sagt sie mit rauchiger Stimme. „Auch die brauchen nicht viel länger, wenn sie dann mal ein vernünftiges Programm haben.“ Das ist ihr Vorhaben. Nein: „Das ist meine Mission!“

Die traurige Wahrheit könnte nämlich tatsächlich lauten: Make-up ist für die meisten Frauen längst zu kompliziert. Wer einmal den Faden verloren hat und sich dann in der Parfümerie, im Kaufhaus, im Drogeriemarkt wiederfindet, weiß gar nicht, wo er anfangen soll, bei welcher Marke, welchen Produkten. Bleiben Reste vom karmesinroten Lippenstift nicht ganz bestimmt an den Zähnen hängen? Wird der Creme-Lidschatten nicht sofort verschmieren? Und warum überhaupt Farbe auf den Lidern?

Es sind einfach zu viele Produkte

Charlotte Tilbury kann dazu Studien aus dem Ärmel schütteln: „In Großbritannien lassen 50 Prozent aller Frauen die Finger vom Make-up, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. 50! Weil sie nicht wissen, was sie kaufen und anschließend verwenden sollen.“ Eine Studie des Schönheitskonzerns Procter & Gamble und der Universität Harvard belegt es. Für Deutschland ist die Zahl nicht viel geringer. Es sind einfach zu viele Produkte. Wobei sich an diesem Punkt natürlich die Frage stellt, ob die Welt wirklich noch eine weitere Make-up-Linie braucht wie die von Charlotte Tilbury.

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