Rettungsassistent im Interview: „Du bist einfach da für deine Stadt“

Published 10/12/2017 in Gesellschaft, Menschen

Rettungsassistent im Interview: „Du bist einfach da für deine Stadt“
Man hört die Sirene, und man weiß, es ist was passiert: Im Schnitt muss ein Team mit seinem Rettungswagen in acht Stunden sechs Einsätze fahren. Nicht jeder davon ist dramatisch.

Ernst Koban arbeitet seit mehr als vier Jahrzehnten im Rettungsdienst. Ein Gespräch über Mitleid und schwarzen Humor, Gaffer und Anspruchsdenken.

Herr Koban, Sie dürften einer der dienstältesten Rettungsassistenten überhaupt sein. Was war Ihr allererster Einsatz Mitte der siebziger Jahre?

Ich war 16 und durfte als dritter Mann in einem alten Ford Transit beim Roten Kreuz mitfahren. Sonntagnachmittag ging es mit einem Blaulichteinsatz mit Hubschrauberlandung los- einem jungen Soldaten hatte es die Munitionskiste zerrissen. Danach sind wir zu einem kleinen Kind mit offenem Schädel-Hirn-Trauma gefahren, bei dem das Gehirn quasi zu sehen war. Abends lag ich dann im Bett und hab mich gefragt: Das soll jetzt schön sein? Ich hatte mir die Arbeit ganz anders vorgestellt, irgendwie heroischer. Aber nach einem Mal wollte ich es nicht schon abhaken und bin weiter mitgefahren. Und die Faszination wurde immer größer.

Was genau hat Sie am Rettungsdienst so begeistert?

Gut, zum einen war für mich immer klar, dass ich mal Feuerwehrmann werden würde. Alles mit Blaulicht fand ich toll. Das ist zwar bei vielen Buben so, aber bei mir blieb es. Das Schöne ist, dass man ja nie weiß, was passiert. Du bist einfach da für deine Stadt. Da, wenn deine Stadt aufwacht, und da, wenn sie einschläft. Am faszinierendsten war aber dieser Korpsgeist, der Zusammenhalt in der Truppe. Wenn es einem von uns nach dem Einsatz schlechtging, hat der keinen Kriseninterventionsdienst gebraucht, sondern ist mit uns nach der Arbeit in die Kneipe. Und wurde da wieder aufgebaut. Es war eine richtige eingeschworene Gemeinschaft, eine absolute Männerdomäne. Man war sich eigentlich näher als den eigenen Ehefrauen.

Welche Voraussetzungen braucht man denn, um ein guter Rettungsassistent zu sein?

Klar, die Liebe zur Medizin, aber vor allem muss man ein fürchterlich eigenartiger Mensch sein. Ich meine, wer macht das schon: Mitten in der Nacht zu fremden Menschen rasen, versuchen, denen zu helfen, sie ins Krankenhaus zu bringen, und sie dann nie wieder sehen? Dafür muss man irgendwie geschaffen sein- vieles kann man nicht lernen. Bei Polizisten und Feuerwehrmännern ist das sicher ähnlich.

Wie sieht eigentlich Ihr Alltag aus? Außenstehende bekommen ja meist nur die typischen Blaulichtfahrten mit.

Es gibt natürlich Routinearbeiten, also dass man morgens erst mal das Auto checkt und Material auffüllt. Dann geht das Warten los. Bis der erste Alarm kommt, dauert es meist nicht lange. Und dann arbeitet man eben einen Einsatz nach dem anderen ab. Die sind an unterschiedlichsten Orten: in Heimen, Wohnungen, Schwimmbädern, auf der Straße. Drei Viertel der Einsätze sind internistisch, also so etwas wie Kreislaufkollaps, Herzinfarkte, Lungenprobleme- ein Viertel sind Unfälle. Dazwischen trinkt man Kaffee, raucht eine Zigarette, bespricht Einsätze nach. Aber meist arbeitet man ziemlich durch. Im Schnitt sind es sechs Alarme in acht Stunden.

Ist man nach so langer Zeit vor Einsätzen noch manchmal aufgeregt?

Am Anfang habe ich schon immer stark geschwitzt und riesige Ängste gehabt, dass etwas passieren könnte. Mittlerweile ist es so, dass die Kollegen sagen, sie sind heilfroh, wenn ich dabei bin – weil ich so viel Ruhe ausstrahlen würde.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen