Offensive für ländlichen Raum: „Wie eine süße Schmerztablette“

Published 11/12/2017 in Inland, Politik

Offensive für ländlichen Raum: „Wie eine süße Schmerztablette“
„Minister Al-Wazir war seit meinem Amtsantritt am 1. September 2015 nicht ein einziges Mal bei uns zu Besuch“: Odenwald-Landrat Matiaske

Der Landrat des Odenwaldkreises hat Schwarz-Grün vorgeworfen, sich zu wenig um den ländlichen Raum zu kümmern. Im Interview sagt er, was er von ihrer neuen Offensive hält. Und nennt einige Schwachpunkte.

Sie haben immer wieder auf die Bedeutung des ländlichen Raums und der „Heimat“ hingewiesen. Sehen Sie sich durch die Initiative des Ministerpräsidenten in Ihrer Haltung bestätigt?

Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Auch die zugesagten 1,8 Milliarden Euro klingen erst einmal gut. Aber die Vorschläge lesen sich wie ein Sammelsurium. Für mich klingt das erst einmal wie eine süße Schmerztablette, die verteilt wird. Ich frage mich, was passieren soll, wenn deren Wirkung nachlässt.

Sie meinen, das Land kuriert nur oberflächlich an den Symptomen herum?

Zu den Ursachen, warum eine Förderung der ländlichen Regionen dringend nötig ist, wird jedenfalls nichts gesagt.

Wie lautet denn Ihre Diagnose?

Es gibt mehrere Ursachen, warum das Land sich abgehängt fühlt. Wir brauchen zum Beispiel Verkehrsanbindungen über Straßen oder den Öffentlichen Personennahverkehr, die attraktiv sind, die zum Beispiel bei Bus und Bahn einen ähnlichen Takt wie in der Großstadt haben. Als Verkehrsminister Tarek Al-Wazir im November im Landtag über Verkehrspolitik sprach, erwähnte er Autobahnknotenpunkte, Radschnellwege und die Feinstaubbelastung im Ballungsraum, aber nicht den ländlichen Raum. Tatsache ist, dass es dort für die nächsten fünf Jahre von Hessenmobil für den Odenwald überhaupt keine Planungen gibt, obwohl gleich vier Projekte konkret als vordringlicher Bedarf ausgewiesen wurden, die den Verkehrsfluss in Richtung Ballungsraum nachhaltig verbessern. Ein weiteres großes Thema sind Arbeitsplätze auf dem Land. Warum gibt es zum Beispiel keine Positionsprüfung bei jeder Dienststelle des Landes? Es gibt keinen einsichtigen Grund, warum das Regierungspräsidium Südhessen unbedingt in Darmstadt sein muss. Hessen schafft es auch nicht wie Bayern und Baden-Württemberg, Hochschulstandorte auf dem Land aufzubauen. Die beiden an uns grenzenden Bundesländer haben da klare Strategien.

Hat die Landesregierung vor ihrer „Offensive“ mit Landräten das Gespräch gesucht? Wurden Sie angerufen und gefragt?

Es gab keine Anfrage. Auch auf der Kommunalkonferenz im Sommer hat der Ministerpräsident das Gespräch nicht wirklich gesucht. So etwas wie unsere Bürgermeister-Kreisversammlung, die alle vier Wochen tagt, gibt es auf Landesebene nicht. Minister Al-Wazir war seit meinem Amtsantritt am 1. September 2015 nicht ein einziges Mal bei uns zu Besuch. Wenn wir uns zu Wort melden, dann über die kommunalen Spitzenverbände.

Was sagen Sie zu den konkreten Vorschlägen, die das Land macht?

Da muss man erst einmal die Konkretisierung und die Verteilung der Gelder abwarten. Aber es gibt schon jetzt einige Ideen, die mir nicht einleuchten, zum Beispiel die der Gemeindeschwester. In Hessen verdienen die Landärzte etwa 30 Prozent weniger als in Bayern und Baden-Württemberg. Das weiß hier jeder, auch die Ärzte, die überlegen, eine Praxis im Odenwald zu eröffnen. Wenn sich da nichts ändert, hilft uns auch die Gemeindeschwester nicht viel weiter.

Sie hatten einmal die Einsetzung eines „Heimatministers“ gefordert. Halten Sie daran fest?

Mir kommt es nicht auf die Bezeichnung an. Ich halte es aber für wichtig, dass es einen Ansprechpartner und Verantwortlichen gibt, der in Wiesbaden mit am Kabinettstisch sitzt. Entscheidend ist ein Wechsel in der Philosophie, die sich auch in neuen Zuständigkeiten widerspiegelt.

Stört es Sie, dass das Thema Tourismus keine Erwähnung in der Pressemitteilung des Landes gefunden hat?

Nein. Bislang hat man über den ländlichen Raum doch immer nur unter den Stichworten „Landwirtschaft“ und „Tourismus“ gesprochen. Beides ist wichtig, aber die Reduzierung darauf ist eine Denkweise, gegen die ich ankämpfe. Wir sind wichtig für die positive Entwicklung der Metropolregion. Jeder Euro, der bei uns investiert wird, kommt auch dem Ballungsraum zugute. Wenn bei uns günstige Wohnungen entstehen und die Verkehrsanbindung stimmt, dann entlastet das die Großstädte. Wir haben ein großes Zukunftspotential, das noch nicht richtig gesehen wird.

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