DFB-Fitnessprofis im Gespräch: „Wir würden auch Ballett tanzen“

Published 27/11/2017 in Leib & Seele, Stil

DFB-Fitnessprofis im Gespräch: „Wir würden auch Ballett tanzen“
Anschwitzen: Die deutsche Nationalmannschaft Anfang November in Köln beim Aufwärmen vor dem Länderspiel gegen Frankreich.

Für die Fitness der besten deutschen Fußballspieler tun Nicklas Dietrich und Yann-Benjamin Kugel alles. Nun wollen sie auch Amateursportler flottmachen. FAZ.NET hat die beiden getroffen – und sich Übungen fürs Büro zeigen lassen.

Sie sind die Athletiktrainer der deutschen Nationalmannschaft und haben ein Buch veröffentlicht. Der Titel lautet „Fit wie die Mannschaft“. Wie fit ist sie denn?

Dietrich: Die Nationalspieler werden generell natürlich in den Vereinen trainiert und fit gemacht. In den normalen Länderspielpausen haben wir nur sehr wenig Zeit, um mit ihnen zu arbeiten. Die meisten spielen auch mit ihren Klubs international, haben oft eine harte Woche hinter sich. Da geht es dann eher um Regeneration. Die meisten Übungen zur Kräftigung aus dem Buch spielen eine Rolle, wenn es in Richtung Turniervorbereitung geht.

Kugel: Wir haben an die Leute aus dem Breitensport gedacht, als wir das Buch geschrieben haben. Der Amateurtrainer lässt vielleicht zwei, drei Mal die Woche trainieren und denkt sich: Fünf Jungs müssten etwas an der Spritzigkeit arbeiten, drei Jungs könnten etwas mehr Kraft gebrauchen, weil sie zum Beispiel in den Zweikämpfen nicht so stark sind. Jetzt kann er sich sagen: „Hey, ich hab doch das Buch von der Mannschaft. Was gibt es für Übungen, was kann ich einbauen?“

Wie kann ich als Fußballer mit Hilfe der Übungen aus dem Buch Zweikampfstärke gewinnen?

Dietrich: Das lässt sich so pauschal schwer sagen. Es ist erst einmal wichtig, auf dem Platz immer wieder Zweikämpfe zu führen, damit man weiß, was auf einen zukommt. Dem einen fehlt dann vielleicht die Fähigkeit, den Körperschwerpunkt tiefer abzusenken, um sich besser in den Gegner reinzudrücken, der andere braucht vielleicht mehr Stabilität im Rumpf, um gegenhalten zu können. Da müssen ganze Bewegungen trainiert werden, deshalb ist es schwer zu sagen: Das ist die eine Übung, die mich im Zweikampf weiterbringt.

Kugel: Es geht nicht darum, isoliert einen Muskel zu trainieren oder den Bizeps schön aussehen zu lassen. Wir wollen zeigen, wie man fußballspezifisch trainieren kann. Grundsätzlich aber können auch Leute, die nicht Fußball spielen, sondern zum Beispiel Tennis oder Volleyball, das Buch nutzen. Es soll eine ideale Vorbereitung für den Sport sein.

Die Fußballer standen lange in dem Ruf, zwar gut kicken zu können, aber bei der Athletik nachlässig zu sein.

Dietrich: Als Fußballer bekommt man das von anderen Sportarten oft noch vorgehalten. Ich glaube aber, dass sich mittlerweile die meisten Sportarten in Deutschland im Fußball umschauen können, um Neues mitzunehmen.

Es gibt in Ihrem Buch eine Übung, bei der man aus einer Drehung des Oberkörpers einen Medizinball gegen die Wand wirft. Was bringt das?

Kugel: Da wird eine ganze Muskelkette beansprucht. Es geht darum, explosiv aus der Hüfte zu beschleunigen. Das kann einem Spieler helfen, wenn er im Sprint schnell die Richtung wechseln will, aber auch, wenn er einen Gegenspieler an der Schulter hat und versucht, den Ball zu behaupten.

Wo haben die Profifußballer vor allem noch Defizite?

Kugel: Wir haben sehr viele Spiele nacheinander. Da braucht man ein gutes Verhältnis zwischen Be- und Entlastung. Diese Steuerung zu verbessern, da ist grundsätzlich noch einiges an Potential da.

Gibt es auch die Gefahr, zu viel zu trainieren?

Dietrich: Im Amateurbereich kann das etwa passieren, wenn jemand vier Mal die Woche ins Fitnessstudio läuft und seine Priorität auf Bizeps und Brust legt. Das kann sich in einer Fehlstellung oder Dysbalancen ausprägen. Uns geht es auch darum, intelligent zu trainieren. Man muss dem Körper Zeit geben, sich anzupassen. Der Satz „Viel hilft viel“ ist nicht angemessen.

Vor der WM 2006 haben mit dem Amerikaner Mark Verstegen und dessen Team erstmals Fitness-Trainer für die Nationalmannschaft gearbeitet, Thera-Bänder und Yoga-Matten mitgebracht. In der Öffentlichkeit wurde dies mitunter belächelt. Wie ist die Wahrnehmung heute?

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