Gedanken zum Totensonntag: Ein Leben auf das Ende hin

Published 26/11/2017 in Leib & Seele, Stil

Gedanken zum Totensonntag: Ein Leben auf das Ende hin
Der abnehmende Mond leuchtet durch den Morgennebel in Brandenburg.

Dieses Wochenende ist Totensonntag. Ein Anlass sich ein paar Gedanken über das alltägliche Überleben und den Tod, das Sterben und die Unsterblichkeit zu machen.

Ende. An einem kalten Wintermorgen im Jahr 1917 saß meine Großmutter wie festgefroren auf der Schulbank, so sehr war sie gefangen von dem, was sie hörte. Den Herrn Lehrer hatte sie gern, er hatte eine gütige Art, er verstand es zu erzählen, und heute vergaß er wieder einmal, dass das Einmaleins eingeübt werden sollte. Wir wollen heute übers Leben reden, sagte er und sprach von der Zeit und der Unendlichkeit, von der schwer fassbaren Distanz von 83 Jahren bis zum Jahr 2000.

„Was werdet ihr in zehn Jahren machen, Kinder? Wo werdet ihr in 20 Jahren sein? Franziska!“

Franziska, das war meine Oma. Zaghaft schaute sie auf. „Franziska, wann bist zu geboren?“ – „Ich bin ein Neuner, Herr Lehrer!“ – „So, so, ein Neunerle. Was glaubst du: Was wirst du 1919 tun? Bist du 1929 schon verheiratet, und wie heißt dein Mann? Wie viele Kinder hast du 1939? Wenn es die Welt 1989 noch gibt, wirst du 80 Jahre alt sein. Weißt du, wie alt du werden musst, um das Jahr 2000 zu erleben?“

Das war nun wirklich einfach. „91, Herr Lehrer.“ Der Lehrer wandte sich an die Klasse. „91, ihr habt es gehört. Vielleicht…“, wieder nahm er Franziska ins Visier, „vielleicht wird einer von euch das Jahr 2000 erleben. Ich, so viel steht fest, werde nicht das Vergnügen haben.“

Meiner Oma hat sich diese Schulstunde tief eingeprägt, im Alter hat sie ihren Enkeln immer wieder davon erzählt. Sie wollte schon als Mädchen alt werden. Sie lebte auf das Ende hin.

Anfang. Im Spital, auf der Neugeborenenstation, ging eine Fotografin hausieren. Zum Preis von 200 Euro bot sie „Exklusivfotos deines Babys“ an. Meine Frau, selbst Fotografin und mit Zwillingen im Wochenbett, besah sich den Musterkatalog und schickte die Kollegin fort. „Schlafende Babys knipsen, das kann jeder. Die schauen ja aus wie tot!“

Geburt und Tod. Jede Minute werden auf der Welt 158 Kinder geboren. Die wuchtige Lebensenergie der zeitgleich Geborenen, ein frenetischer Chor aus Geschrei und Gezeter, durchdringt den Äther.

Jede Minute sterben auf der Welt 100 Menschen. Hundertfaches Seufzen und ein Aushauchen wie aus einem Mund. Hundertmaliges Verstummen und ein einzig großes Schweigen. Und dann? Was widerfährt ihnen? Verweilen sie unter der Zimmerdecke und betrachten den zurückbleibenden Leib? Gehen sie fort und wenn ja, wohin?

Der Mensch, ob er an Gott glaubt oder der Religion der Neurologie anhängt, überprüft im Laufe seines Lebens immer wieder, welche Idee vom Ende in sein aktuelles Weltbild passt und in die jeweilige Zeit. Die Thesen von einem Weiterleben via Wiedergeburt, eine Verwandlung und Fortentwicklung zu einem höheren Wesen, das Aufgehen vom beschwerlichen Körperlichen ins rein Geistige, erscheinen so plausibel wie der Glaube an das Nichts: Ist der tote, kalte, feindliche Raum da draußen nicht Beweis genug, um alle Hoffnung zu begraben?

Seele. Schreibe nur, wovon du glaubhaft berichten kannst, weil du es selbst durchlitten hast. Über den Tod zu schreiben, über das Sterben, bleibt Mutmaßung und Anmaßung.

Was könnte das sein? Wer oder was hat sie in die Welt gebracht und wann genau? Sobald ich hiermit fertig bin, werde ich meine Zwillingsmädchen fragen. Sie werden mich anlächeln, und ich werde wissen: Ja, es gibt eine Seele. Etwas in der Art.

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