Neuer Aufsichtsratschef: Rettet Jim Snabe die Siemens-Mitarbeiter?

Published 19/11/2017 in Unternehmen, Wirtschaft

Neuer Aufsichtsratschef: Rettet Jim Snabe die Siemens-Mitarbeiter?
Der Däne Jim Hagemann Snabe, 52, Sohn eines Hubschrauberpiloten, war bis 2014 Vorstandssprecher von SAP und soll im kommenden Januar Aufsichtsratchef von Siemens werden.

Bei Siemens geht es hoch her. Der Mann, der im Aufsichtsrat bald das Sagen hat, schwärmt trotzdem von der Zukunft. Ein Besuch bei Jim Hagemann Snabe.

Für Spitzenmanager gibt es derzeit vergnüglichere Aufgaben, als die Sparpläne von Siemens zu verteidigen. Der Dax-Konzern aus München schließt – trotz Rekordgewinn – Fabriken und streicht 7000 Stellen. So will es der Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser, so hat es Personalvorstand Janina Kugel angekündigt, sehr zum Missfallen von Betriebsrat, Gewerkschaft und Wirtschaftsministerium. Schon werden vor den Werkstoren Trillerpfeifen verteilt. Jetzt müsse der Aufsichtsrat einschreiten, tönt es aus Politik und Belegschaft.

Jim Hagemann Snabe, geboren und wohnhaft in Dänemark, aber bekannt geworden als Vorstandssprecher des deutschen Softwarekonzerns SAP, ist am selben Donnerstag weit weg von München. In Kopenhagen hält er vor Studenten, Professoren und Unternehmenslenkern im Audimax der Wirtschaftshochschule einen Vortrag. Das Thema ist angenehm vage („Neue Prinzipien für Strategie, Innovation und Management in der vierten industriellen Revolution“), Snabe spart nicht mit klugen Worten, nimmt sich aber hin und wieder auch selbst auf die Schippe. Das Publikum dankt es ihm mit Applaus, Bewunderung, allgemeinem Wohlbefinden. Danach gibt es Schnittchen. Keiner fragt nach Siemens.

Schwergewicht aus Deutschland

Doch genau dort ist der Däne als neuer Aufsichtsratschef ausgeguckt, im Januar soll er gewählt werden. Dann sind Kaeser und Kugel ihm Rechenschaft schuldig. Dann gelten die Trillerpfeifen auch ihm. Wer also ist dieser Mann? Und vor allem: Warum tut er sich das an?

Nötig hat Jim Hagemann Snabe den Posten nicht, so viel vorweg. Er braucht kein Geld mehr zu verdienen, auch wenn er erst Anfang 50 ist: Knapp 30 Millionen Euro gab es von SAP allein für die Jahre von 2011 bis 2014, als er dort das Sagen hatte. Er muss es auch niemandem mehr beweisen, an niemandem Rache nehmen: SAP hat er damals in Ehren verlassen, um mehr Zeit mit Tochter, Sohn und Ehefrau zu verbringen, in der Villa in einem Vorort von Kopenhagen, wo die Luft salzig und das Meer nur einen Steinwurf weit weg ist. Und damit ihm in der Idylle nicht die Decke auf den Kopf fällt, hat er vorgesorgt: Nebenher ist er für das Genfer Weltwirtschaftsforum im Einsatz, er gibt ab und zu Vorlesungen als Honorarprofessor, zusammen mit dem dänischen Handballnationaltrainer hat er ein Buch über Führungsqualität geschrieben, außerdem schon eine Reihe von anderen Aufsichtsratsmandaten angenommen, bei der Allianz und beim Elektronikhersteller Bang & Olufsen zum Beispiel. Das mit Abstand größte dänische Unternehmen namens Mærsk, dem wiederum die größte Containerreederei der Welt gehört, hat ihn vor kurzem sogar zum Aufsichtsratschef gemacht. Demnächst also dieselbe Funktion auch noch bei Siemens, dem Schwergewicht aus Deutschland, wo er bisher einfaches Aufsichtsratsmitglied war.

Vor seinem Aufstieg ins Management

Das macht aus Jim Hagemann Snabe, der seine Karriere mit dem Abschied von SAP schon so frühzeitig beendet zu haben schien, plötzlich einen der einflussreichsten unter Europas Wirtschaftslenkern. Siemens bringt 350.000 Beschäftigte, einen Umsatz von gut 80 Milliarden Euro und fast 100 Milliarden Euro Börsenwert auf die Waagschale. Dazu kommen fast 90.000 Mærsk-Mitarbeiter, umgerechnet 30 Milliarden Euro Umsatz und fast genauso viel Börsenwert. Beide Firmen haben eine große Geschichte und legendäre Gründerfiguren, beide residieren in bester Lage in vornehmen Zentralen: Am Wittelsbacherplatz in München ballt sich der Stolz der Siemens-Ingenieure, an der Esplanade in Kopenhagen das Selbstbewusstsein der Mærsk-Kapitäne. An beiden Adressen türmen sich aber auch die Probleme. Denn für das, was man seit jeher gut kann, sind die Preise im Keller: Bei Siemens, weil die Kundschaft weniger Gaskraftwerke bestellt als einst prognostiziert- bei Mærsk, weil schlicht zu viele Containerschiffe auf den Weltmeeren unterwegs sind. Und von dem, womit in Zukunft die besten Geschäfte zu machen sein werden, verrät die glorreiche Vergangenheit nicht allzu viel.

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