Dreier-BMW im Retro-Stil: So rollt der Rubel

Published 06/10/2017 in Motor, Technik & Motor

Dreier-BMW im Retro-Stil: So rollt der Rubel
Glubschauge mit Staubsauger.

Bei Bilenkin in Moskau wird aus dem Dreier-BMW ein Prunkwagen im Retro-Stil. Auch in Deutschland kann man ihn jetzt kaufen.

Seine junge Firma kommt aus dem Osten, doch sein Herz schlägt für alte Autos aus dem Westen. Denn Kiril Bilenkin schwärmt für die Amischlitten aus den Sechzigern. Nur von deren Technik hält der Russe nicht viel. „Wir haben zu lange schlechte Autos gefahren, als dass ich damit wieder anfangen wollte“, sagt Bilenkin. Wie gut, dass er in Moskau ein Unternehmen für Karosseriebau und Fahrzeug-Restauration betreibt und sich deshalb seinen Traum erfüllen kann: ein Auto mit dem Design von gestern und der Technik von heute. Und weil er mit diesem Geschmack offenbar nicht allein ist, hat er Anfang des Jahres eine Kleinserienproduktion gestartet und die ersten zwei Dutzend Autos verkauft.

Als Basis für sein Retro-Coupé dient Bilenkin die jüngste Generation des BMW Dreier-Coupés. Davon kauft er Gebrauchtwagen, weil er die Technik für unverwüstlich hält und der Service in jeder BMW-Werkstatt erledigt werden kann. Allerdings muss man schon sehr genau hinschauen, um den Bayern im Bilenkin noch zu erkennen. Denn wenn daraus mal der „Vintage“ geworden ist, gibt es kein gemeinsames Blechteil mehr und auch innen kaum mehr etwas, das an BMW erinnert. Nur von Antrieb und Fahrwerk lässt Bilenkin die Finger. Es bleibt deshalb bei Sechszylinder-Benzinern und Dieseln mit bis zu 306 PS mit Heck- oder Allradantrieb, und wer lange genug bettelt, bekommt auch den V8-Motor aus dem M3.

So wird aus dem Dreier ein Coupé, das aussieht wie aus einem Science-Fiction-Film der sechziger Jahre: Vorne trägt der Vintage einen Grill wie ein Staubsauger und Glubschaugen-Rundscheinwerfer, die Gürtellinie hat einen eigenwilligen Knick hinter der Tür, und das Heck läuft zwischen den hohen Kotflügeln schräg aus, wie bei einem Volvo P1800, einem VW 1600 oder einem Aston Martin.

Solange der Vintage seine Zweifarblackierung in dezenten Tönen und nicht, wie besonders gerne genommen, in Türkis und Gold trägt, hält sich außen die Provokation noch in engen Grenzen. Doch innen ist das Coupé eine schwere Prüfung für den westeuropäischen Geschmack. Denn Bilenkin hat den Vintage ausgestattet, als hätte Präsident Putin einen neuen Prunkwagen im Stil der Zaren bauen wollen. Für die Sitzbezüge gibt es auf Wunsch kunterbunte Bezüge italienischer Modedesigner, aus denen Edelsteine und Goldfäden funkeln. In den Türtafeln schimmert in wechselnden Farben bunt hinterleuchtetes Rauchglas, der Fußboden ist mit weißem Pelz ausgelegt, auf dem Schalthebel thront ein Knauf aus Bleikristall, und überall zwischen den hölzernen Intarsienarbeiten glitzern und glänzen Zierelemente in Gold und Edelstein, bis hin zur güldenen Blume mit schimmernden Blütenblättern aus Diamanten vor dem Beifahrer.

Die Instrumente hat Bilenkin im Retro-Design umgestaltet und mit Perlmutt vertäfelt, das Lenkrad mit dem freiliegenden Kranz für die Hupe und einem vom Staatswappen inspirierten Doppeladler ist natürlich auch vergoldet, und das Navigationssystem sieht aus wie ein Volksempfänger. Nur das Head-up-Display leuchtet modern, und anders als bei echten Oldtimern wacht ESP über die Sicherheit der Passagiere.

Schönheit liegt ja gewöhnlich im Auge des Betrachters, doch in seiner Wertigkeit ist das russische Kunsthandwerk über jeden Zweifel erhaben. Nicht umsonst lässt Bilenkin für sich keine Automechaniker arbeiten, sondern Juweliere, Goldschmeide und Geigenbauer. Zumindest wenn das Auto neu ist, sehen Rolls-Royce oder Bentley deshalb nicht besser aus. Nur dass ein Continental oder ein Ghost gegen einen Bilenkin fast schon Massenware sind. Denn mehr als 40 Autos im Jahr wird die Manufaktur kaum fertig bekommen. Schließlich haben die knapp 30 Mitarbeiter mit jedem Wagen mindestens drei Monate zu tun.

Dafür sind die Preise beinahe unverschämt günstig. Importeur Klaus Pilsner, der über eine Eishockey-Freundschaft aus der Jugend Kontakte nach Moskau hat und in Deutschland über immerhin sechs Händler schon die ersten Autos los wurde, verlangt für das sehr ordentlich ausgestattete Basismodell ohne Gold, aber mit jeder Menge Lack und Leder bescheidene 150 000 Euro – das Grundfahrzeug aus München inklusive. Doch nach oben sind keine Grenzen gesetzt. „Denn es gibt quasi nichts, was wir nicht machen würden“, sagt Pilsner, zeigt einen Kofferraum voller Musterbücher mit unterschiedlichsten Ledern und Furnieren und erzählt von einem Kunden aus Amerika, der zum Beispiel das Cockpit mit Edelsteinen ausgelegen ließ – bis hin zu den Rubinen für den roten Bereich des Drehzahlmessers. „Da standen am Ende über 800 000 Euro auf der Rechnung“, strahlt der Selfmade-Importeur. So rollt der Rubel.

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