Vorwürfe gegen Weinstein: Das Schweigen der Männer

Published 11/10/2017 in Gesellschaft, Menschen

Vorwürfe gegen Weinstein: Das Schweigen der Männer
Georgina Chapman (rechts) hat sich nach zehn Ehejahren aufgrund der Anschuldigungen von Harvey Weinstein getrennt.

Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow – die Anschuldigungen über sexuelle Belästigung durch Harvey Weinstein finden kein Ende. Nun distanziert sich auch ein einflussreicher Produzent von ihm. Er ist einer von sehr wenigen.

Die italienische Schauspielerin und Regisseurin Asia Argento beschreibt gegenüber dem „New Yorker“ detailliert, wie Weinstein sie mit 21 Jahren in einem Hotel in Südfrankreich zu einer Filmparty einlud, die nie stattfand. Stattdessen musste sie ihm eine Massage geben, danach zwang er sie zu Oralsex. Die Zweiundvierzigjährige beschreibt das Erlebnis als „furchtbares Trauma“: „Mein ganzer Körper zittert, während ich darüber rede.“

Argento spricht auch von der Angst, die sie dazu trieb, einen der mächtigsten Männer der Filmbranche gewähren zu lassen. „Ich hatte das Gefühl, ich muss das tun, denn mein Film kam gerade heraus, und ich wollte ihn nicht verärgern.“ Ähnliches berichten Schauspielerinnen nun über viele Übergriffe, die zum Teil Jahrzehnte zurück liegen. Gemeinsam ist den Frauen, dass sie alle jung waren und neu in der Branche. Es war bekannt, dass Weinsteins Filme Oscars gewannen. Eine Rolle in seinen Produktionen konnte Jungschauspielerinnen zu Stars machen – und er konnte Besetzungen auch leicht verhindern. Weinstein nutzte diese Macht schamlos aus, davon zeugt die Lawine an Anschuldigungen, die jetzt über ihm niedergeht.

Jolie: Ich habe andere vor ihm gewarnt

In der „New York Times“ berichten nun auch Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie davon. Beide sprechen über sexuelle Belästigung zu Beginn ihrer Karriere. „Ich war noch ein Kind, ich stand unter Vertrag, und ich war wie versteinert“, sagt Paltrow. Angelina Jolie berichtet: „Ich hatte eine schlimme Erfahrung mit Harvey Weinstein in meiner Jugend und habe deshalb beschlossen, nie wieder mit ihm zu arbeiten und andere vor ihm zu warnen.“

Weinsteins Verhalten war in der Filmbranche ein offenes Geheimnis. Das beweisen nicht nur die Bekenntnisse von Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen der Weinstein Company. Schon 2013 machte Schauspieler Seth MacFarlane bei der Moderation der Oscarverleihung Witze darüber. Als er die Nominierten für die beste Schauspielerin präsentierte, schloss er mit dem Satz: „Herzlichen Glückwunsch, Ladies, ihr müsst jetzt nicht mehr so tun, als ob ihr Harvey Weinstein attraktiv fändet.“ Großes Lachen im Saal.

Eigentlich kann also niemand behaupten, nichts gewusst zu haben. Der „New Yorker“ veröffentlicht nun sogar einen Audio-Mitschnitt aus Polizeiarchiven aus dem Jahr 2015. Darauf versucht Weinstein, eine Frau in sein Hotelzimmer zu drängen. Als sie sich wiederholt weigert, ihn zu begleiten, wirft er ihr vor, eine Szene zu machen und ihn in dem Hotel zu blamieren. „Aber ich fühle mich unwohl, gestern haben Sie einfach meine Brüste angefasst“, sagt die Frau. „Ach, komm endlich mit rein. Ich bin das halt so gewohnt“, antwortet Weinstein.

Sobald Frauen ihn beschuldigten, schaltete der Produzent Anwälte ein, ließ Verschwiegenheitsklauseln aushandeln und zahlte Geld an die Belästigten. Sein Verhalten änderte er nicht. Bevor sein eigenes Unternehmen, die Weinstein Company, ihn feuerte, rechtfertigte er sich noch damit, in den Siebzigern groß geworden zu sein, als man Frauen so behandelte. Dann schrieb er eine Mail an Produzenten und Studioleiter: „Alles, was ich brauche, ist die Unterstützung der Industrie.“

Katzenberg: „Du hast vielen Frauen furchtbare Dinge angetan“

Aber nicht alle ticken so. Das machte Jeffrey Katzenberg deutlich. Als damaliger Vorsitzender der Disney Studios kaufte er 1993 Weinsteins Miramax-Produktionsfirma auf, er kennt den Produzenten seit mehr als 30 Jahren. Im Branchenblatt „Hollywood Reporter“ veröffentlichte er seine Antwort auf Weinsteins Mail. „Du hast über Jahre vielen Frauen furchtbare Dinge angetan. Ich kann nicht einfach schreiben, dass das okay für mich ist. Das ist es nämlich überhaupt nicht. Es bereitet mir Übelkeit und macht mich wütend auf Dich. Ich bin unglaublich enttäuscht von Dir.“

Während immer mehr Frauen in die Öffentlichkeit treten, ihre verstörenden Erlebnisse mit Weinstein teilen oder sich von dem Produzenten distanzieren, ist Katzenberg einer der wenigen Männer, die sich bisher zu dem Fall öffentlich geäußert haben. Auf Medienanfragen gaben sich Schauspieler und Regisseure bislang bedeckt, mit Ausnahme von George Clooney, Seth Rogen und Mark Ruffalo, die sein Verhalten verurteilten.

Weinsteins Frau Georgina Chapman hat sich am Dienstag nach zehn Jahren Ehe von ihrem Mann getrennt. Sie leide mit allen Frauen, die „nach diesen unverzeihlichen Aktionen“ unermesslichen Schmerz erlitten hätten.

Die Lawine an Anschuldigungen rollt weiter.

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