Individualisierung von Autos: Sag niemals nein

Published 28/09/2017 in Motor, Technik & Motor

Individualisierung von Autos: Sag niemals nein
Ein gerngesehener Gast bei den Fachleuten für gewisse Extras ist der Neunelfer.

Wünsche aller Art zur Individualisierung teurer Autos, auch absonderliche, erfüllen Unternehmenstöchter wie die Porsche Exclusive Manufaktur. Das ist ein höchst lukratives Geschäft.

Die Preisliste für den Porsche 911 hat 104 Seiten und umfasst rund 197 Positionen an Extras und Optionen. Doch vielen Kunden ist das offenbar nicht genug. Deshalb fragt mehr als jeder Dritte von ihnen, ob es nicht vielleicht ein bisschen mehr sein könnte, und lässt seinen Sportwagen ab Werk individualisieren – sehr zur Freude der Exclusive Manufaktur, die mittlerweile so viel zu tun hat, dass die Porsche-Tochter die Größe ihrer Werkstatt gerade erst mehr als verdoppelt hat. Rund 15.000 Autos machen den Umweg über die Hallen, in denen Hightech auf Handwerkskunst trifft. Im Schnitt brauchen die 180 Handwerker vom Sattler bis zum Lackierer, die mittlerweile sogar im Drei-Schicht-Betrieb arbeiten, je Auto zwar nur zwei Stunden. Doch immer wieder stehen Elfer wegen aufwendiger Änderungen auch mal ein, zwei Wochen auf den Hebebühnen, wie Boris Apenbrink, Leiter der Manufaktur, berichtet.

Und damit sind die schnellen Schwaben nicht allein. Sämtliche Hersteller aus der Oberliga von Audi bis Land Rover haben längst eigene Abteilungen, in denen die Experten für Extrawürste den zahlungskräftigen Kunden ihre in der Regel ziemlich teuren Sonderwünsche erfüllen. Selbst der kunterbunte Lifestyle-Winzling wird im Mercedes-Auftrag auf der verlängerten Werkbank bei Bodo Buschmann in Bottrop mehrere hundert Mal im Jahr zu einem Unikat, das sich die Kunden dann auch mal 40.000 Euro und mehr kosten lassen.

Ein Heckscheibenwischer für Alfred Krupp

Bei Porsche ist die Individualisierung keine neue Mode, sondern fast so alt wie die Sportwagen selbst. Der erste Auftrag kam schon in den Fünfzigern und galt einem 356er Coupé. Kein Geringerer als Alfred Krupp habe sich damals einen Heckscheibenwischer an sein Coupé montieren lassen, erzählt Apenbrink über die Anfänge seiner Abteilung.

Abgesehen von einer kleinen Leistungssteigerung und einer anderen Auspuffanlage gibt es bei ihm heute allerdings keine funktionalen Änderungen mehr. „Die Exclusive Manufaktur kommt vor allem dann ins Spiel, wenn die Kunden besondere Wünsche bei Farben und Materialien haben“, sagt Apenbrink. Das beginnt bei Banalitäten wie einem belederten Sicherungskasten im Fußraum oder einem Etui für den dritten Zündschlüssel, führt über eine deutlich verlängerte Optionsliste mit 600 weitere Positionen für Lack und Leder und endet bei völlig frei nach den Vorgaben der Kunden ausgeschlagenen Autos, wofür dann schon mal 60 Stunden Arbeit anfallen. Einzelpositionen gibt es schon für ein paar hundert Euro, doch lassen sich die Fahrzeugpreise schnell verdoppeln oder verdreifachen.

Mit kaum einem Auto haben sie sich in der Manufaktur allerdings so gründlich beschäftigt wie mit dem jüngsten Sondermodell des 911 Turbo S, der in einer auf 500 Exemplare limitierten und sofort vergriffenen Auflage als „Exclusive Series“ an den Start geht. Allein bis die Motorhaube aus Kohlefaser gebacken und mit den beiden markanten Sichtkarbonstreifen lackiert ist, vergehen 240 Stunden – und da sind die tagelangen Ruhe- und Trockenphasen noch nicht mitgerechnet. Für die Kreuznaht am Lenkrad braucht ein erfahrener Sattler zwar nur 30 Minuten. Doch weil der golden schimmernde Faden auch die Sitze zusammenhält, die Dach- und Türverkleidung ziert und selbst beim Etui für den in Wagenfarbe lackierten Schlüssel Verwendung findet, müssen die Männer und Frauen mit den spitzen Nadeln schon einige hunderttausend Stiche setzen. Und dann erst die neuen 20-Zoll-Räder. Damit dort haarfein goldene Konturen im glanzschwarzen Lack hervorleuchten, werden die Aluräder erst mit Goldlack grundiert und dann schwarz übersprüht, bevor ein Laser genau so viel dunklen Lack wegbrennt, dass man die Goldstreifen zu sehen bekommt – und wieder sind fünf Arbeitstage vergangen. Je Rad, versteht sich. Wenn man das hört, wundert man sich auch nicht mehr, dass Porsche für die Exclusive Series stolze 259.992 Euro verlangt und der Aufpreis zum ohnehin schon teuren Turbo S bei mehr als 50.000 Euro liegt.

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