Genetik : Evolution auf der Überholspur

Published 14/02/2016 in Natur, Wissen

Genetik : Evolution auf der Überholspur
Wildpferde in der Mongolei

Die Anpassung mancher Tiere an neue Lebensbedingungen geschieht überraschend schnell. Bisweilen innerhalb weniger Generationen, wie genetische Analysen zeigen.

Die Entwicklung des Lebens verläuft nach Überzeugung der meisten Wissenschaftler im Schneckentempo. Bei Wirbeltieren wie Fischen und Pferden sind erst nach Tausenden oder Zehntausenden von Jahren ansehnliche evolutionäre Ergebnisse zu erwarten. Wenn eine rasche Anpassung an neue Lebensbedingungen gefragt ist, also Darwins „natürliche Auslese“ besonders streng daherkommt, kann es mit der Evolution aber offenkundig viel schneller vorangehen. Das haben zwei Forschergruppen festgestellt – die eine Gruppe an Jakutischen Hauspferden, die andere an Stichlingen, die an Alaskas Südküste leben.

In Jakutien ist der Winter auch für sibirische Verhältnisse extrem frostig: Zuweilen sinkt die Temperatur unter minus 70 Grad Celsius. Ein turksprachiges Reitervolk, ursprünglich wohl am Baikalsee oder westlich davon zu Hause, ließ sich davon jedoch nicht abschrecken. Bedrängt von den benachbarten Mongolen, zog es zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert immer weiter nach Norden. Dort entwickelten die Jakuten eine außergewöhnliche Form der Viehzucht: Die Rinder überwintern zwar in Ställen, die Schutz vor allzu eisigen Temperaturen bieten.

Die Jakutischen Pferde, die ebenfalls Fleisch und Milch liefern, bleiben aber das ganze Jahr über im Freien und müssen auch im Winter selbst ihr Futter suchen. Mit ihrem kompakten Körperbau, kurzen, kräftigen Beinen und einem dichten, langhaarigen Winterfell scheinen sie dafür gut gerüstet. Zumal sie sich während des kurzen Sommers auch üppige Fettpolster zulegen und im Winter sparsam mit diesen Vorräten haushalten. Erst im Frühling bringen die Tiere ihren Stoffwechsel wieder richtig auf Trab.

Von Äußerlichkeiten darf man sich nicht täuschen lassen

Anders als manche Fachleute vermuteten, stammen die Jakutischen Pferde aber nicht von den Wildpferden ab, die einst auch so hoch im Norden gelebt haben. Ihre unmittelbaren Vorfahren waren wohl eindeutig Hauspferde. Das haben Wissenschaftler aus Dänemark, Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Spanien, der Schweiz, Russland, Frankreich, Finnland und Saudi-Arabien herausgefunden, als sie das Genom von Jakutischen Pferden und unterschiedlichen Hauspferdrassen studierten und miteinander verglichen. Fossile Pferdeknochen aus Jakutien sowie Przewalski-Pferde, die letzten überlebenden Wildpferde, wurden ebenfalls in die Untersuchungen einbezogen.

Wie Pablo Libradoa und Clio Der Sarkissiana von der Universität Kopenhagen und ihre Kollegen in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, stellte sich heraus, dass die Jakutischen Pferde allesamt recht eng miteinander verwandt sind. Ein schon vor zweihundert Jahren gestorbenes Tier, dessen DNA aus Knochen und Zähnen isoliert wurde, fügt sich in diesen molekulargenetischen Stammbaum ebenfalls unauffällig ein. Offenbar haben die Züchtungsversuche zu Sowjetzeiten kaum Spuren hinterlassen. Damals sollten die Pferde in Jakutien durch Kreuzung mit Hauspferden unterschiedlicher Herkunft leistungsfähiger werden – was gründlich misslang. Für das dortige Klima waren die Tiere der Jakuten wohl schon optimal geeignet.

Von Äußerlichkeiten darf man sich aber nicht täuschen lassen. Obwohl die Jakutischen Pferde so urtümlich anmuten, sind sie mit Wildpferden – in Zoologischen Gärten lebenden und fossilen Exemplaren aus Jakutien – nur weitläufig verwandt. Ihre nächsten Verwandten sind diverse Rassen von Hauspferden. Mit den robusten Mongolischen Pferden ist die genetische Übereinstimmung jedoch größer als mit edlen Arabern.

Gut gegen frostiges Klima gewappnet

Kein Wunder, von der ursprünglichen Heimat der Jakuten und ihrer Pferde war es wohl kein allzu weiter Weg bis zur mongolischen Steppe. Das einzige bis heute überlebende Wildpferd, nach seinem europäischen Entdeckter Przewalski benannt, bevölkerte ebenfalls innerasiatische Steppengebiete. Den Wildpferden, die in Europa von eiszeitlichen Jägern kunstvoll auf Höhlenwände gemalt wurden, sieht das Przewalski-Pferd verblüffend ähnlich. Wie die in Jakutien heimischen Wildpferde ausgesehen haben, ist allerdings nicht überliefert. Ob ihre letzten Herden noch durch die Tundra streiften, als die Jakuten mit ihren Viehherden dort eintrafen, ist ebenso wenig bekannt.

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