Fluch und Segen der Indexfonds

Published 18/08/2017 in Finanzen, Fonds & Mehr

Fluch und Segen der Indexfonds
Das Wachstum der Indexfondbranche gewinnt derzeit an Fahrt.

Der Siegeszug der ETF-Branche ist in vollem Gange. Das hat aus Anlegersicht gute Gründe. Doch wenn alle so denken, wären die Finanzmärkte ihrer Funktion beraubt.

Das ohnehin schon schnelle Wachstum der Indexfondsbranche gewinnt an Fahrt. Fonds, die sich darauf beschränken, einen Index nachzubilden, und keine aktiven eigenen Anlageentscheidungen treffen, verbuchten von Januar bis Juli Zuflüsse von 391 Milliarden Dollar und damit schon mehr als im bisherigen Rekordjahr 2016 insgesamt. Wie aus den Zahlen des unabhängigen Analysehauses ETFGI hervorgeht, erhöht sich damit das global in ETF verwaltete Vermögen auf mehr als 4,1 Billionen Dollar (umgerechnet 3,5 Billionen Euro). Der Zuwachs allein seit Anfang 2016 beträgt 50 Prozent. Größter Markt sind die Vereinigten Staaten, wo schon die Hälfte des verwalteten Vermögens nicht mehr aktiven Entscheidungen folgt, sondern an Indizes gekoppelt ist.

Aus Anlegersicht gibt es für die börsengehandelten Indexfonds gute Gründe. Sie bedürfen keines teuren Fondsmanagements. Ein ETF auf den Dax kostet zum Beispiel nur rund 0,1 Prozent Gebühr im Jahr. Ein Fonds hingegen, für den ein Fondsmanager aktiv einzelne deutsche Aktien aussucht und nicht bloß eine Indexzusammensetzung nachbildet, kostet in der Regel 1,5 Prozent Gebühr im Jahr und zu Beginn der Geldanlage auch noch meist eine Extragebühr von 5 Prozent, als Ausgabeaufschlag bezeichnet. Das Anlageergebnis der aktiven Fondsmanager ist manchmal besser, aber oft auch schlechter als das bloße Investment in dem Vergleichsindex. Da man den Erfolg einem Fondsmanager vorher nicht ansehen kann, ist der günstige ETF eine gute Alternative, zumal der Anleger ziemlich genau weiß, welche Werte im Index enthalten sind, während das Tun des Fondsmanagements weitgehend im Dunkeln bleibt.

DVFA bestätigt Vorteile

Eine Umfrage der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) unter ihren Mitgliedern bestätigt diese Vorteile. 74 Prozent der befragten Analysten, Fondsmanager, Vermögensverwalter, Banker und Berater bescheinigen den ETF das bessere Preis-Leistungsverhältnis. Eine klare Mehrheit gestand zu, dass aktives Management für den Anleger nur selten eine bessere Wertentwicklung hervorbringe, vor allem, und das sahen 76 Prozent so, weil die Fondsmanager bei ihren Anlageentscheidungen viel zu nah an ihrem Vergleichsindex investierten.

Infografik /  ETF Anlagen

Doch je größer die ETF-Branche wird, desto mehr werden auch mögliche Gefahren in den Blick genommen. Kommt es zu unternehmensspezifischen Nachrichten, reagieren ETF darauf überhaupt nicht. Wenn aber ein immer größerer Teil des Aktienmarktes (und vor allem hier sind ETF stark verbreitet) gar nicht mehr an Einzelunternehmen interessiert ist, überlässt er den Markt den wenigen anderen. Ergebnis: Weniger Akteure handeln, und ihr Tun kann in einem engeren Markt größere Kursreaktionen auslösen. In einem fiktiven Extrembeispiel, wenn nur noch ein Anleger aktive Anlageentscheidungen trifft und seine Aktien verkaufen will, findet er keine Handelspartner mehr, und der gesamte Aktienmarkt rutscht ins Bodenlose. Von einer optimalen Kapitalallokation durch die Finanzmärkte kann keine Rede mehr sein.

So weit ist es aber längst noch nicht. In Deutschland sind nach Angaben des Fondsverbandes BVI nur 120 Milliarden des insgesamt 970 Milliarden Euro großen Publikumsfondsmarktes in ETF investiert. Aber auch hierzulande wächst der Markt. Das ETF-Fachmagazin „Extra-Magazin“ verzeichnet etwa eine deutlich steigende Zahl von ETF-Sparplänen bei den Online-Banken. Von weniger als 150.000 Sparplänen Anfang 2015 wuchs die Zahl bis auf den Rekord von nun 450.000 im Juli. Durchschnittlich investieren die Sparer etwa 150 Euro im Monat in ihre ETF, so dass im Juli mit 67 Millionen Euro ein neuer Rekordzuflussmonat durch ETF-Sparpläne verzeichnet wurde, Tendenz weiter steigend.

Größter Anbieter ist iShares

In der DVFA-Umfrage äußern 64 Prozent Bedenken, dass dies zu einem geringeren Handelsvolumen und größeren Kursausschlägen bei den einzelnen Unternehmenswerten führt. Mehr als 61 Prozent sehen daher im Siegeszug der ETF das Potential – siehe das fiktive Extrembeispiel –, die Stabilität der Finanzmärkte zu beeinträchtigen. Die drei großen ETF-Anbieter in den Vereinigten Staaten halten mittlerweile 23 Prozent der Aktien der vier großen amerikanischen Fluggesellschaften. Diese Beteiligung an allen konkurrierenden Unternehmen einer Branche wirft die Frage auf, ob Konkurrenz noch im Sinne der ETF-Anbieter ist oder ob es ihnen als Eigentümer aller Fluggesellschaften nicht eigentlich lieber wäre, sie würden sich keine Konkurrenz machen. 39 Prozent der Befragten sehen diese Gefahr der Wettbewerbsbeschränkung, 26 Prozent sehen sie nicht.

Eine klare Mehrheit von 75 Prozent spricht sich für mehr Transparenz aus, welche Werte in einen Index aufgenommen werden und warum. Immerhin 55 Prozent sehen den Bedarf einer stärkeren Regulierung der Indexanbieter, weil deren Entscheidungen zum einen große Kapitalströme lenken, zum anderen, wie im Falle der Aufnahme chinesischer Aktien in die MSCI-Indizes, aber auch politische Implikationen haben. MSCI ist der größte Indexanbieter auf der Welt. Größter europäischer Anbieter ist der zur Deutschen Börse gehörende Anbieter Stoxx, zu dem auch die Dax-Indizes gehören. Die starken Marktstellungen der Indexanbieter führen zu extrem hohen Gewinnmargen. Größter ETF-Anbieter auf der Welt und auch in Europa ist die Blackrock-Marke iShares. Ihr flossen allein in diesem Jahr weitere 159 Milliarden Dollar zu. In Europa haben zudem db X-Trackers von der Deutschen Bank und die französische Lyxor starke Positionen. Größte Indexfonds hierzulande sind nach BVI-Angaben die Fonds von iShares auf den Euro Stoxx 50, den Dax und den Stoxx Europe 600.

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