Zwischen Terror und Heldentum

Published 20/08/2017 in Ausland, Politik

Zwischen Terror und Heldentum
Die Polizei schoss in Turku (Finnland) auf einen Messerangreifer geschossen, der zuvor mehrere Menschen verletzt hatte.

Der islamistische Terror hat Finnland erreicht. Die Bürger suchen den richtigen Umgang damit, die Polizei sucht weiter nach dem Motiv des Messerstechers von Turku.

Am Sonntag sammeln sich wieder die Polizisten auf dem zentralen Marktplatz von Turku. Sie halten Papiere in ihren Händen, markieren Wege mit Pylonen. Neben ihnen stehen Absperrzäune, umgeben von Blumen und Kerzen. Auf Twitter teilt die Polizei mit: „Keine Sorge“. Sie stellt den Anschlag vom Freitag in der finnischen Küstenstadt nach. Wie ein junger Mann über den Platz lief und auf seine Opfer einstach. Eine Polizistin in gelber Warnweste schiebt einen Kinderwagen. Am Freitag wurde auch eine Mutter, die mit ihrem Baby unterwegs war, niedergestochen.

Zwei Frauen starben, sechs weitere Frauen wurden verletzt und auch zwei Männer. Sie hatten versucht, den Täter zu stoppen. Schließlich schossen ihm Polizisten ins Bein – nur drei Minuten nachdem sie alarmiert worden waren. Nach der Rekonstruktion der Polizei kehrt am Sonntagvormittag wieder Ruhe ein auf dem Platz und im ganzen Land. Um 10 Uhr gedenkt Finnland der Opfer des Anschlags mit einer Schweigeminute.

Täter liegt im Krankenhaus

Sollte sich bewahrheiten, was die Sicherheitsbehörden vermuten, ist Finnland am Freitag Ziel eines islamistischen Terroranschlags geworden. Es ist der erste in dem Land. Ministerpräsident Juha Sipilä sagte am Samstag, er verurteile die Tat. Er sagte auch: „Wir sind nicht mehr länger eine Insel.“ Am Freitag noch hatte die Polizei sich zurückgehalten und bis in den Abend hinein hervorgehoben, dass man die Tat nicht als Terror untersuche. Das änderte sich, als mehr über die Identität des Täters bekanntwurde. Es ist ein 18 Jahre alter Asylbewerber aus Marokko. Anfang 2016 soll er nach Finnland gekommen sein. Er lebte in einer Flüchtlingsunterkunft in Turku, am südwestlichen Rand von Finnland. Ein Bericht, laut dem sein Asylgesuch abgelehnt worden sei, wurde nicht bestätigt. Ob der Mann Verbindungen hatte zur Terrormiliz „Islamischer Staat“, wird untersucht.

Die Polizei versucht mit einem Übersetzer, den Täter zu befragen. Er liegt im Krankenhaus und hatte sich am Samstag noch geweigert, Fragen zu beantworten. Am Wochenende wurden auch vier weitere Marokkaner in Finnland festgenommen, in privaten Wohnungen und in einer Flüchtlingsunterkunft. Sie sollen Kontakt zu dem Täter gehabt haben. Ein fünfter Marokkaner wird mit einem internationalen Haftbefehl gesucht. Ein Auto wurde zudem beschlagnahmt. Die Polizei äußerte, man gehe davon aus, dass der Täter es auf Frauen abgesehen habe und dass die Tat bis zu einem gewissen Grad geplant worden sei. Mehr sagte sie zunächst nicht. Auch Verbindungen zu den Anschlägen in Spanien wurden geprüft. Allein schon wegen der Herkunft der Täter.

Ministerpräsident Sipilä sagte am Wochenende, alle säßen im selben Boot, die Menschlichkeit müsse verteidigt werden und dann: „Hass darf nicht mit Hass beantwortet werden.“ Mit dem Satz wies er schon hinaus über die Tat selbst. Denn auch wenn sein Land bis zum Freitag vom Terror verschont geblieben war, so war Finnland in einer anderen Hinsicht keine Insel mehr: Die Flüchtlingskrise nimmt lange schon viel Platz in der öffentlichen Debatte ein, sie hat tiefe Gräben in der politischen Landschaft hinterlassen. Im Jahr 2015 war die Anzahl der Flüchtlinge, die ins Land kamen, um mehr als das Achtfache im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. 32.000 waren es, Finnland hat gut fünf Millionen Einwohner. Die finnische Mitte-rechts-Regierung unter Sipilä reagierte bald so wie die Nachbarn im Norden auch: mit Härte. Es wurde ein klarer Schwerpunkt auf die Abschiebung gelegt und das großzügige Bleiberecht eingeschränkt. Das Thema aber, verbunden stets mit der Sicherheitsfrage, blieb auf der Agenda. Auch wegen der Wahren Finnen, die im Ausland nur noch „Die Finnen“ genannt werden wollen.

Timo Soini, der Außenminister, hatte die Partei mit Europa- und Elitenkritik zu einem Machtfaktor geformt – sie ist die zweitgrößte im finnischen Parlament – und sie schließlich sogar in die Regierung unter Sipilä geführt. Er hatte die Partei aber auch nach rechtsaußen geöffnet. Im Sommer hatte Soini die Quittung dafür erhalten. Die Partei entschied sich nach seinem Rückzug vom Parteivorsitz dazu, noch weiter nach rechts zu marschieren. Bis an den Rand. Zum neuen Vorsitzenden wurde Jussi Halla-aho gewählt, ein verurteilter Volksverhetzer und Einwanderungsgegner. Sipilä war entsetzt und kündigte die Koalition mit den Wahren Finnen auf. Soini und andere Parlamentarier verließen die Partei, gründeten eine eigene Gruppe und verhinderten so einen Zusammenbruch der Regierung. Jussi Halla-aho machte derweil so weiter, wie man ihm kannte: Vor wenigen Tagen erst wies er den Bürgermeister von Helsinki zurecht, der sich mehr Einwanderer in seiner Stadt gewünscht hatte. Halla-aho äußerte, es sei allgemein bekannt, welche negativen Effekte Einwanderer aus Entwicklungsländern auf die Wirtschaft und die Sicherheit in vielen Städten hätten. Nach dem Anschlag vom Freitag aber hat er sich bislang nur zurückhaltend geäußert. Er sprach sein Beileid aus. Wie die Diskussion sich aber in den nächsten Tagen entwickelt, bleibt abzuwarten.

In Turku erzählt nach der Schweigeminute Hassan Zubier seine Geschichte. Er ist einer der beiden Männer, die angegriffen wurden, als sie helfen wollten. Zubier sitzt im Rollstuhl, er ist umringt von Journalisten. Eine Frau war am Freitag in seinen Armen gestorben, er hat vier Stiche abbekommen. Der andere Mann heißt Hasan Alazawii. Er soll aus seinem Auto gesprungen sein, als er den Täter entdeckt hatte. Nach Auskunft eines Freundes liegt er zur Überwachung im Krankenhaus. Er sei aber nicht lebensgefährlich verletzt.

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