„Meine Kleider sollen etwas verändern“

Published 24/07/2017 in Mode & Design, Stil

„Meine Kleider sollen etwas verändern“
Jeanne de Kroon, Designerin von Zazi Vintage, kommt aus Holland, lebt in Berlin und lässt ihre Kleider von einer Organisation in Indien fertigen.

Jeanne de Kroon ist Designerin des jungen Berliner Labels „Zazi Vintage“. Ihre Kleider lässt sie in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen nähen. Hier erzählt sie von ihrer Arbeit.

Jeanne de Kroon, Sie sind Designerin des jungen Berliner Labels Zazi Vintage und lassen alte Stoffe, die Sie zum Beispiel aus dem Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Usbekistan beziehen, zu neuen Kleidern nähen, zusammen mit Hilfsorganisationen, die sich in Indien für die Rechte von Frauen einsetzen. Die Idee scheint gut anzukommen. Die meisten Ihrer Kleider, die Sie von Berlin aus vertreiben, sind auf Ihrer Website schon ausverkauft.

Ja, ich war darauf auch nicht vorbereitet. Die Nichtregierungsorganisation in Indien, mit der ich zusammenarbeite, ist winzig. Die Frauen kommen mit der Produktion der Kleider gerade gar nicht hinterher. Das liegt aber auch daran, dass sie nur zwei Kleider im Monat fertigen.

Zwei Kleider im Monat?

Unser Projekt ist dort nur eines von vielen. Die Hilfsorganisation bietet alle möglichen Workshops an: Frauenrechte, Menschenrechte, Kurse für die Hygiene während der Periode, fürs Stillen, den ökologisch korrekten Anbau von Gemüse und Gartenarbeit. Unser Kleider-Projekt ist nur ein Teil dessen, was ihnen ein geregeltes Einkommen im Monat sichert.

47587110 Die Fotos der Kollektion von „Zazi Vintage“ sind in Indien entstanden.Bilderstrecke

Es ist jetzt oft die Rede von der Selbstermächtigung der Frauen, gerne auch unter dem englischen Begriff „women empowerment“. Hilft es, wenn privilegierte Frauen sich diesen Begriff auf die Fahne schreiben?

Darüber habe ich schon oft nachgedacht. Ich habe Philosophie und Ethik studiert, mit etlichen Seminaren zum Feminismus. Auf der einen Seite ist es gut, dass es dafür jetzt mehr Bewusstsein gibt. Jeder Schritt in eine positive Richtung ist richtig. Wenn große Modehäuser nun feministische Sprüche auf T-Shirts drucken, ist das positiv. Aber es ist eben auch die Art von Ermächtigung der Frauen im Westen. Auf der anderen Seite, wenn man sich die Mode-Industrie anschaut, die eine der größten der Welt ist, und 80 Prozent der Beschäftigten in Textilfarbriken sind Frauen, dann kommt man schon ins Nachdenken, ob nicht die Ermächtigung der Frauen vielmehr dort ansetzen sollte. Bei Frauen, die 14 Stunden am Tag arbeiten, um ihre Kinder zu ernähren, mit einem Gehalt von zehn Euro im Monat. Da wäre es viel dringlicher, etwas für Frauen zu tun. Andererseits stehen große Modemarken dabei vor der Herausforderung, dass sie es kaum ihren Investoren erklären können, wenn sie fair produzieren und das T-Shirt zehn Cent mehr kostet.

Denken Sie, das Problem ist die mangelnde Akzeptanz der Investoren oder der Kunden?

Das System ist in sich gefestigt. Die 15 Jahre alte Jugendliche irgendwo in Deutschland wird sich kaum mit der 42 Jahre alten Textilarbeiterin in Bangladesch identifizieren können. Darum geht es zunächst: Ohne Identifikation kann es keine Empathie geben.

Wie sind Sie eigentlich von Philosophie und Ethik zur Mode gekommen?

Mode fand ich schon in der Schule toll. Mein Abiball-Kleid habe ich mir damals aus einem Ikea-Vorhang geschneidert. Meine Mutter war früher Modejournalistin und hat mir immer von diesen glamourösen Zeiten erzählt, als Diana Vreeland noch dabei war. Nach der Schule wurde ich als Model entdeckt und bin für eine Weile nach New York gegangen. Das war schrecklich. Total traumatisch, ein Model-Apartment mit 20 Stockbetten, minderjährigen Russinnen ohne Arbeitserlaubnis, die ganz andere Seite der Mode. Das kam mir alles sehr synthetisch vor. Ich habe mich da nicht mehr wie ich selbst gefühlt und bin nach Berlin gezogen.

Warum Berlin?

Ich hätte mir nicht vorstellen können, zurück in die Niederlande zu gehen, und Berlin schien mir richtig. Ein wichtiger Moment für mich: als ich eine junge Frau auf einer Reise nach Nordindien traf, die 40 Fabrikarbeiterinnen juristisch vertrat. Sie hat schlimme Geschichten erzählt, von Frauen, die bei der Arbeit Windeln tragen, weil sie nicht zur Toilette gehen dürfen, verschlossenen Gebäuden und Babys, die während der Arbeit neben ihnen liegen. Zum ersten Mal hat es da für mich Klick gemacht. So bin ich zum Studium an der Freien Universität gekommen. Und dann habe ich vergangenes Jahr mit sieben Kleidern angefangen und recht vielen Idealen.

In Ihren Lookbooks tragen vor allem indische Frauen Zazi Vintage. Aber die Kleider stehen auch Kaukasierinnen. Heike Makatsch hat eines in Cannes getragen.

Ich wollte das Lookbook unbedingt in Indien produzieren, in der NGO. Ich habe dann angefangen, auf Instagram Models zu casten, und eine junge Frau, die ich toll fand, hat mir glücklicherweise vertraut. Sie ist jetzt im Lookbook zu sehen. Die Bilder sollen auch die Geschichten der Kleider erzählen. Aber vor allem sollen sie Teil des Identifikationsprozesses sein, der so wichtig ist, damit sich etwas verändert.

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