Komplizin der eigenen Widersprüche

Published 25/07/2017 in Mode & Design, Stil

Komplizin der eigenen Widersprüche
Die Lederjacke ist kein harmloser Klassiker.

Die Lederjacke ist jetzt, in diesem wechselhaften Sommer, oft im Einsatz. Doch sie ist kein harmloses Kleidungsstück. Wer eine trägt, sollte wissen, was sie bedeutet.

Wie jedes charismatische Kleidungsstück hat auch die Lederjacke einen gewissen Hang zur Selbstgerechtigkeit. Wenn sie schon mal da ist, will sie auch das ganze Bild für sich. Sollen sich die anderen um Zurückhaltung bemühen. Um Unschuld und Grazie. Kann man sich Audrey Hepburn in Bikerjacke vorstellen? Die Idee ist grotesk, schon das Geräusch der Jacke würde nicht passen. Dieses warme, bedrohliche Knistern. Dazu kommt der Geruch, besonders intensiv nach Regen. Er verrät, Außenwelt und Körper trennt weit mehr voneinander als ein bloßes Stückchen Stoff. Eine Haut, die lebendig war, die sich unter dem Atem eines Tieres spannte, und die als Kleidung am Menschen noch in ihrer weichsten und biegsamsten Finesse eine Projektionsfläche für alle möglichen Phantasien der Dominanz und Stärke bietet.

Von Anfang an, liest man, sei das so gewesen. Das Leder ist symbolisch mit Macht und Prestige verknüpft. Mit der Liebe und dem Kampf. In Gestalt einer Bikerjacke wurde es in den Fünfzigern zum magischen Begleiter einer aus Biederkeit erwachenden Jugend. Es wehte der Fahrtwind der Freiheit. Rebellion und Rock ’n’ Roll lauten weitere Titel. Fast ermüdend zuverlässig funktioniert dieser Reigen. Erst Marlon Brando. Später dann Punk. Noch später Kate Moss in Lederjacke, bei einem Date mit Johnny Depp, ebenfalls in Lederjacke.

In den Neunzigern feierte das Leder im Zeichen des Hedonismus und der sexuellen Libertinage bei Gaultier, Montana und Versace nie gesehene Triumphe. Annie Leibovitz fotografiert den Mode-Sex-Gott Tom Ford in schwarzer Lederjacke und Jeans, zurückgelehnt und die Beine leicht geöffnet. Der Charme wirkte fast überzeichnet, hyperrealistisch. Wie ein Siegesrausch, der längst verflogen ist. Auch für die Lederjacke, die einen solchen Optimismus nicht mehr ausstrahlen kann. Fragt sich, was bedeutet sie stattdessen?

Die Lederjacke steht für Sicherheit

Irgendetwas muss es nämlich sein, denn sie kommt einem auf der Straße im Augenblick ständig entgegen, übrigens auch auf dem Laufsteg- für den war sie bis zu jenem denkwürdigen Moment des Jahres 1960, als Yves Saint Laurent, und das sehr zum Entsetzen seines damaligen Arbeitgebers Dior, eine Krokodillederjacke mit Nerzbesatz als Haute Couture zeigte, eine im Grunde viel zu heftige, um nicht zu sagen vulgäre Angelegenheit.

Was also ist es? Was macht sie gerade jetzt so attraktiv? Eine erste Vermutung könnte sein: Es geht weniger um Rebellion oder Genuss als vielmehr um Angst und das vielbeschworene Bedürfnis nach Sicherheit. Die Angst soll verschwinden, und das Leder funktioniert als Talisman. „Ich kenn mich aus mit der Gefahr.“ Diesen Satz kann jede Lederjacke sagen.

Wer eine kauft oder aus dem Schrank holt, sollte das wissen. Er sollte bedenken, dass sich Naivität im Umgang verbietet. Außer natürlich, er möchte der jungen Verkäuferin eines großen Berliner Kaufhauses recht geben, die behauptet, ihre Kunden hätten überhaupt kein Interesse an irgendwelchem Wissen über die eigenen Jacken. Die Verkäuferin würde sich lieber irren, und sie würde gern an das Buch „The Black Leather Jacket“ des 2013 verstorbenen Journalisten Mick Farren erinnern. An eine Lektüre, die nicht nur über den Glam, sondern auch über die finstere Seite aufgeklärt hat. Deutsche Flieger im Ersten Weltkrieg trugen schwarze Lederjacken. Die Nazis schätzten das Leder. Die Gestapo. Das Leder erzählt auch über das Böse. Das Erbarmungslose. Die Aktion. Drei in Lederjacken gekleidete und ihre Brüste entblößende Studentinnen attackierten am 22. April 1969 Theodor Adorno und verjagten den aus der Emigration zurückgekehrten Meisterdenker ein letztes Mal aus dem deutschen Hörsaal. „Adorno als Institution ist tot“, stand auf den Flugblättern der Kommilitonen. Wenige Monate später starb der große Philosoph in seinem Urlaub an Herzversagen.

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