Manchen bringt Sport gar nichts

Published 29/07/2017 in Gesellschaft, Gesundheit

Manchen bringt Sport gar nichts
Lassen sich durch gesunde Ernährung und Sport viele Krankheiten in den Griff kriegen?

Gesund essen, Sport machen: Das gilt nicht mehr nur als Lifestyle, sondern wird auch immer häufiger als Therapie eingesetzt. Ob das wirklich Wunder wirkt und gesünder macht, ist noch umstritten.

Weniger Kohlenhydrate essen und für den Anfang dreißig Minuten Walken in der Woche. So ein Satz steht längst nicht mehr nur in Ratgeberartikeln, sondern inzwischen auch auf Rezepten von Medizinern. Lebensstiländerung heißt so etwas und ist der Versuch von ärzten, ihre Patienten zu gesünderem Essen und mehr Sport zu bewegen. Bei Diabetes und verkalkten Arterien empfehlen sie es routiniert. Längst soll es aber auch bei Unerwartetem helfen: bei Depressionen zum Beispiel und Demenz.

Könnten wir also die Zivilisationskrankheiten, die die globale Gesundheitswirtschaft reich, Patienten und Krankenkassen aber arm machen, in den Griff bekommen, wenn der Mensch, dieses Faultier, nur ordentlich mitmachte?

Wer diese Frage beantworten will, gerät zwischen die Fronten. Da sind Präventionsmediziner und Ernährungsspezialisten, die sagen: Ja klar ginge das, aber uns hat jahrelang keiner zugehört, und noch immer tun es zu wenige. Und da sind Skeptiker und Medizinethiker, die meinen: Bewiesen ist das alles nicht, und wer gibt uns dann eigentlich das Recht, Menschen mit Salat und Kniebeugen zu quälen?

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Der Verzicht auf Schokokekse kann Folter sein

Die Sache eskaliert also schnell auf das Level des Grundsätzlichen – gut so: Schließlich hantieren ärzte bei dem Thema mit einer der intimsten Fragen überhaupt, mit der nämlich, wie jemand leben sollte. Es ist zwar unbestritten, dass wir uns Gutes tun, wenn wir Sport machen und gesund essen. Wäre beides so einfach wie Kaugummi kauen, würde niemand darüber diskutieren, ob es okay ist, sinnvoll oder nicht am besten Pflicht sein sollte. Aber es ist mit Aufwand verbunden, je nach Typ Mensch mit einem ganz erheblichen. Statt Sport zu machen, liegen viele von uns eben doch lieber herum, und der Verzicht auf Schokokekse kann Folter sein. Deswegen ist die Frage, ob Bewegung und Ernährung eine Therapie sein sollten, einfacher, als sie aussieht. Und wer hinter das Wellness-Spalier aus Fertigsmoothies und Fitnessstudio-Verträgen vordringt, in die medizinisch dornige Zone, der muss einfachen Wahrheiten wenigstens ein paar Abers spendieren.

Einer aus dieser komplizierten Welt ist Hans-Ulrich Häring, Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetes an der Universität in Tübingen. Er weiß, dass das, was er in den vergangenen Jahren herausgefunden hat, ziemlich heikel ist – dass es gar das Potential zu einem gesundheitspolitischen Desaster hat.

Vielen Probanden hilft eine Ernährungsumstellung

Häring und seine Kollegen, so beschreibt er es selbst, „sammeln seit 20 Jahren Menschen, die ein statistisch erhöhtes Risiko haben, an Diabetes zu erkranken“. Dazu zählen Übergewichtige, familiär Vorbelastete und Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes. 4000 dieser Menschen hat Häring zusammen – manche davon haben inzwischen Diabetes, manche nicht. Er fragt sich: Was unterscheidet die einen von den anderen? Und hilft es ihnen, anders zu essen und sich mehr zu bewegen?

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Dazu beobachten Häring und seine Kollegen vom Deutschen Zentrum für Diabetes die 4000 kontinuierlich, zuletzt gab es aus seinem Haus zwei wichtige Studien. Ergebnis: Der Mehrheit der Probanden, zwischen 50 und 70 Prozent, hilft es, wenn sie sich an Ernährungs- und Bewegungsregeln halten. Ihr Blutzuckerspiegel sinkt, es geht ihnen besser, sie brauchen weniger Medikamente, die, die noch keinen Diabetes haben, bekommen ihn auch nicht. Die restlichen mindestens 30 Prozent, sagt Häring, sind gleich doppelt ein Problem: Sie reagieren so gut wie gar nicht auf Lebensstiländerung – gehören aber gleichzeitig zu denjenigen, die das höchste Risiko haben für einen Diabetes. Das Interessante ist: Einige von ihnen sind nicht dick. 20 Prozent der Schlanken unter den 4000 gehören zu dieser Hochrisiko-Gruppe. Gleichzeitig zählt ein Viertel derjenigen, die tatsächlich übergewichtig sind, nicht dazu – sie haben überhaupt keines der Stoffwechselprobleme, von denen man vermuten würde, dass sie sie haben.

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