Rarität in der Pharma-Welt

Published 01/08/2017 in Gesellschaft, Menschen

Rarität in der Pharma-Welt
Leitet Eli Lilly in Bad Homburg: Simone Thomsen, gelernte Hotelfachfrau

Pharmakonzerne sind eine Männerwelt – zumindest an der Spitze. Insofern stellt Simone Thomsen eine Ausnahme dar. Sie leitet Eli Lilly in Bad Homburg

Simone Thomsen hat neulich ein Stückchen Tokio im Taunus entdeckt: das japanische Bistro Kai-Oh. „Wenn Sie da die Tür schließen, ist es wirklich wie in Japan“, schwärmt die schlanke Frau. Thomsen muss es wissen, denn sie hat von 2011 bis 2014 in Japan für den amerikanischen Pharmakonzern Eli Lilly gearbeitet. Dort hat sie ihren Sohn zur Welt gebracht. Aus jenen Tagen stammt der Geburts-Schrein, den ihr Kollegen geschenkt haben und der nun bei ihr zu Hause in Bad Homburg steht. Dort führt sie die Geschäfte der Deutschland-Tochter von Eli Lilly mit 980 Mitarbeitern und einem Umsatz von zuletzt 592 Millionen Euro. Die gebürtige Flensburgerin stellt damit eine Seltenheit in ihrer Branche dar.

Nach wie vor beherrschen Männer die Führungsetagen der Arzneimittelhersteller. Dass Sanofi Deutschland in Höchst seit April eine Finanzchefin hat, ändert daran nichts. Das zeigt sich auch im Verband der Chemischen Industrie: Im Vorstand ist Thomsen die einzige Frau neben Managern wie Merck-Vorstand Walter Galinat, den Chefs der Industrieparks Kalle-Albert in Wiesbaden und Höchst in Frankfurt, Peter Bartholomäus und Jürgen Vormann, oder auch Jürgen Eck, Vorstandsvorsitzender der Biotech-Firma Brain aus Zwingenberg.

Sympathisch und strukturiert

Dass sie einmal an der Spitze eines forschenden Pharmaunternehmens in Hessen stehen werde, war nach ihrem Abitur nicht abzusehen. Thomsen, die im Gespräch sympathisch und trotzdem klar strukturiert herüberkommt, hat keineswegs schnurstracks den Weg in diese Branche gesucht. Vielmehr lernte sie zunächst Hotelfachfrau. „Mir hat die Internationalität gefallen“ – Fremdsprachen und die Nähe zu den Kunden inklusive, wie sie sagt. „Auch bekommt man schon in jungen Jahren viel Verantwortung übertragen und kommt viel herum.“

Mit ihrer Lehre war sie pünktlich in den Tagen des Mauerfalls fertig – und ging nach Berlin. Zu Intercontinental, ihrem ersten amerikanischen Arbeitgeber. Es folgte ein Zwischenspiel in Diensten eines anderen Fünf-Sterne-Hotels, bevor sie in Mannheim Betriebswirtschaft und Japanisch studierte – „fasziniert von japanischen Management-Philosophien“. Während des Studiums schnupperte Thomsen in die Pharmaindustrie hinein und hatte anschließend das Glück, als erste Teilnehmerin eines Trainee-Programms für Japan bei Fresenius zu landen. Für Fresenius Kabi betreute sie Japan.

Von Österreich beeindruckt

Fresenius fuhr jedoch bald das Japan-Engagement der auf Nachahmer-Arzneien spezialisierten Tochter Kabi zurück. Thomsen wollte wiederum für eine forschende Arzneimittelfirma arbeiten, wie sie sagt. Da kam es zupass, dass ihr der Marketingchef von Lilly eine Stelle anbot. 2003 wurde sie Verkaufsleiterin für Intensivmedizin- und Herz-Kreislauf-Produkte im deutschsprachigen Raum. Zwei Jahre später nutzte sie die Chance, aus Anlass einer Zusammenarbeit von Eli Lilly mit einem Pharmakonzern aus Japan in die Zentrale nach Indianapolis zu gehen. Dort blieb sie drei Jahre und wechselte dann nach Wien, womit ein Aufstieg in die Geschäftsführung verbunden war – und die Erfahrung, dass Österreich das Gesundheitswesen ganzheitlicher als Deutschland anpackt. Einmal im Jahr treffen sich die wesentlichen Spieler für eine Woche und tauschen sich informell aus, wie sie berichtet. „Was man da hört, nimmt man mit nach Wien und arbeitet daran weiter – das hat mich sehr beeindruckt.“

Hierzulande sehe jeder Spieler vor allem sein Fachgebiet. „Wenn Sie in Deutschland fünf Leute treffen, die das Gesundheitswesen in Gänze wirklich verstehen, dann ist das viel.“ Das führe dazu, dass Forschung und Marktzugang für Arzneien vielfach getrennt gesehen würden. „Dabei gehen beide Hand in Hand“, meint sie. Schließlich könnten neue Mittel helfen, Klinikaufenthalte wie Pflegezeiten zu verkürzen und Kosten zu senken. Japan habe dies erkannt. „Dort ist Pharma wegen der alternden Bevölkerung ein Wachstumsmarkt.“

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