Die ersten Opfer der Siemens-Gamesa-Fusion

Published 17/06/2017 in Unternehmen, Wirtschaft

Die ersten Opfer der Siemens-Gamesa-Fusion
Vergangenes Jahr stellte Adwen noch das größte Windgetriebe der Welt vor. Jetzt steht ein Werk des Unternehmens in Bremerhaven vor dem Aus.

600 Mitarbeiter arbeiten an der Weser-Mündung in einem Werk zur Produktion von Windanlagen. Das braucht der neu formierte Weltmarktführer nicht mehr. Siemens baut gerade in Cuxhaven neu.

Das Windkraftanlagen-Werk von Adwen in Bremerhaven-Luneort steht vor dem Aus. Damit verlieren rund 600 Mitarbeiter ihre Perspektive und sehr wahrscheinlich ihren Arbeitsplatz, während nur 40 Kilometer nördlich in Cuxhaven gerade ein großes Werk von Siemens für die Produktion von Maschinenhäusern (Gondeln) für Windkraftanlagen im Meer (Offshore) gebaut wird und die Fertigung spätestens Ende 2018 hochfahren soll.

Für die Mitarbeiter in Bremerhaven ist das besonders bitter. Denn streng genommen gehören sie und Siemens Cuxhaven seit April zusammen. Vor elf Wochen gaben der deutsche Technologiekonzern und die spanische Gamesa den Vollzug der Fusion ihrer Windkraftaktivtäten zum größten Anbieter der Welt bekannt. Siemens hält mit 59 Prozent die Mehrheit an dem neuen deutsch-spanischen Zusammenschluss mit einem kombinierten Umsatz von 10,6 Milliarden Euro, der in Spanien an der Börse notiert ist. Adwen war vor der Fusion ein Gemeinschaftsunternehmen zwischen Gamesa und dem französischen Energiekonzern Areva. Die Spanier übernahmen vor dem Zusammengehen mit Siemens den 50-Prozent-Anteil der Franzosen. Der Bau des Siemens-Werkes Cuxhaven mit einem Investitionsvolumen von 200 Millionen Euro wurde im August 2015 beschlossen, bevor sich die Fusion abzeichnete.

Gespräche laufen bereits seit Mai

Für die Adwen-Beschäftigten in Bremerhaven zeichnet sich damit ab, dass sie die ersten Opfer der fusionierten Siemens Gamesa Renewable Energy sein werden. Denn nun ist das eingetreten, was befürchtet wurde: Für das Werk in Bremerhaven gibt es keine Verwendung mehr. So deutlich allerdings will man das bei Adwen und Siemens im Moment nicht sagen.

Eine Sprecherin von Adwen sagte auf Anfrage, dass am 30. Mai Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern und Betriebsräten bezüglich einer „geplanten Transformation der Firmenstruktur“ aufgenommen worden seien. Ziel sei es, diese neue Organisationsstruktur Anfang Juli 2017 umzusetzen. Die läuft auf eine Zerschlagung hinaus, wobei die wenigsten der bisherigen Mitarbeiter eine Bleibe finden. In den Gesprächen mit den Belegschaftsvertretern dürfte es um Interessenausgleiche gehen. Einzelheiten über einen etwaigen Stellenabbau oder gar betriebsbedingte Kündigungen sind tabu.

Keine neuen Aufträge bekannt

Zwei Kernbereiche entstehen: mit Adwen Operations einerseits, die sich auf den Service bestehender Windanlagen konzentriert- mit „French Pipeline“ andererseits, die nach Frankreich zieht, wo drei Offshore-Windparks entstehen werden. Um den Auftrag zu erhalten, hatte sich Adwen-Alt damals verpflichtet, dort ein Forschungszentrum mit 750 Mitarbeitern zu errichten. „Die geplante organisatorische Umgestaltung“, so die Sprecherin, „ist ein erster Schritt, um Adwen am Mutterkonzern Siemens Gamesa und dessen Offshore-Geschäft auszurichten.“ Für Bremerhaven gibt es damit nichts mehr zu tun. Gegen Ende Juni wird nämlich die letzte von 70 Turbinen für den Ostsee-Windpark „Wikinger“ ausgeliefert, der vom spanischen Konzern Iberdrola betrieben wird.

Die Produktion läuft mangels Folgeaufträgen aus. Das berichtete der Betriebsrat schon im Mai seinen Mitarbeitern. Zu den künftigen geschäftlichen Entwicklungen hält sich das Unternehmen selbst bedeckt. Die Adwen-Sprecherin jedenfalls sprach in ihrer Stellungnahme lediglich von bestehenden Projekten, für welche die Sparte Adwen Operations zuständig sei, aber nicht von neuen. Es geht nur um die Wartung und Instandhaltung der vier belieferten Meeres-Windparks, für die vertragliche Verpflichtungen zu erfüllen sind. Es gibt Gerüchte, dass diese Service-Gesellschaft mit relativ wenigen Mitarbeitern zum Verkauf stehe. Damit würde sich Siemens Gamesa von den Altgeschäften des einstigen Gemeinschaftsunternehmen trennen.

Mitarbeiter haben es schwer in Cuxhaven unterzukommen

Und der wegziehende Teil „French Pipeline“ dürfte mehr ein Projektname für die drei Offshore-Windparks vor der französischen Küste sein. Denn die dort installierten Turbinen mit einer Leistung von jeweils 8 Megawatt sind genau diejenigen, für die von 2019 an Siemens im Werk in Cuxhaven die Maschinenhäuser baut und im englischen Hull oder im dänischen Alborg die riesigen Rotorblätter gefertigt werden.

Ob tatsächlich die Beschäftigten von Bremerhaven-Luneort neue Arbeit im nördlich gelegenen Cuxhaven an der Elbmündung finden werden, bleibt unbeantwortet – und darf bezweifelt werden. Zwar sucht Cuxhaven noch Mitarbeiter. Doch sind die meisten der dort entstehenden 1000 Arbeitsplätze schon besetzt. Zudem müssen Qualifikationen passen, die noch gefragt sind. Markus Tacke, der von Siemens entsandte neue Vorstandsvorsitzende des Windenergiekonzerns Siemens Gamesa soll im Mai der Belegschaft in Aussicht gestellt haben, er werde sich um die Adwen-Mitarbeiter kümmern. Die Realität sieht offenbar anders aus.

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